Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 13

„Ladies and Gentlemen, der Tag ist früh, die Nacht war kurz!“, seine laute Stimme riss Mara und Sebastian aus ihren Schlaf.

„Das auch noch!“, Mara sah erschrocken auf und erblickte ihren Gefährten in der Schlafzimmertür. Sie war müde, sie wollte schlafen und ließ sich wieder zurück in ihr Kissen fallen. Sebastian regte sich nun auch neben ihr.

„Hallo ihr zwei Nachteulen, ich habe frische Brötchen gekauft. Weil es alle getan haben. Ich habe mich in diese Reihe gestellt und habe gefragt, was denn hier los sei. Und sie haben gesagt, dass sie für ihre Frau oder Freundin Brötchen kaufen, da es sonst sehr ungemütlich am Sonntagmorgen werden würde. Und so dachte ich mir, dass ich das gleiche für meine Freunde tue. Naja, habe gedacht, dass ihr euch wenigstens freut!“, er verzog sein Gesicht zu einer bemitleidenswerten Miene, das hatte er schon voll drauf.

„Das ist echt lieb von dir, nur ist es irgendwie noch viel zu früh!“, Mara richtete sich wieder auf und sah diesen riesigen Kerl mit der Bäckertüte in der Hand und musste lächeln. Sie entschied sich aufzustehen und zog dabei die Decke an sich.

„Hey Engel, was tust du da!“, Sebastian schimpfte, als Mara mitsamt der Decke aufstand und er vollkommen nackt auf dem Bett lag. Sogleich zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor und bedeckte seinen Schambereich.

„Er ist ein Mann, du bist ein Mann, ich glaube nicht, dass er nicht auch das gesehen hat, was du hast!“, Mara richtete sich auf und ging wie eine Königin zur Schlafzimmertür, ihre Decke zog sie wie ein lange Schleppe hinter sich her.

„Du redest von einem Penis, einem männlichen Geschlecht, auch Glied oder Phallus genannt!“, dieser Mann war … Mara ging auf ihn zu und gab ihn einen Kuss auf die Wange.

„Genau davon!“ und sie zwinkerte ihm zu, „Das ist übrigens Sebastian!“.

„Ich weiß!“

„Dann solltet ihr euch anfreunden. Anscheinend sieht er dich ja jetzt!“, Mara war bereits aus der Tür gegangen.

„Ich habe ihn auch schon vorher gesehen, aber ich habe ihn ignoriert. Er hat die ganze Zeit wie ein Verrückter gesungen!“, rief Sebastian hinter ihr her.

Mara war bei seinen Worten wieder umgekehrt, „Sebastian Moor, du bist doch der größte Trottel aller Zeiten. Er ist der Schlüssel zur Feuerblume und du hast ihn ignoriert. Liebster gewöhne dich an den Gedanken, dass wir jetzt ein Team sind und dass er auch dazu gehört!“, Mara zeigte auf ihren Gefährten.

„Das werde ich!“, stöhnend ließ sich Sebastian nach hinten fallen, „Aber bitte ohne seine Gesänge!“.

Lauthals begann er ‚The Show must go on‘ von Queen zu singen und ging hinter Mara her und bog Richtung Küche ab.

Mara lachte laut auf, sie mochte ihren Gefährten viel zu sehr und verschwand im Badezimmer.

Frisch geduscht und wie ein vollkommen neuer Mensch kam Mara aus dem Badezimmer, als sie die Worte hörte, welche aus der Küche drangen. Sie folgte dem Geruch von frisch gebrühten Kaffee und diesen verheißungsvollen Brötchen, welche er extra vom Bäcker geholt hatte. Sebastian saß zusammen mit ihm am Tisch. Sie waren in ein Gespräch vertieft und das gefiel Mara sehr. Sie ließ sich auf einen der freien Stühle nieder und versuchte bei ihrem Gespräch Anschluss zu finden, doch so richtig schlau wurde sie nicht.

Ihr Gefährte goss ihr Kaffee in die Tasse, wofür sie sich bei ihm bedankte. Sie nahm sich ein Brötchen und grinste beide Männer an ihrem Tisch an, „Dieser Tag ist so perfekt!“.

„Warum?“, Sebastian sah sie fragend an.

„Mein Liebster fragt mich, warum! Weil du bei mir bist und ich so unendlich glücklich bin. Und weil wir einen gemeinsamen Freund haben, der uns bezüglich der Feuerblume hilft. Was kann da nicht perfekt sein?“

„Die Vorstellung, dass Xynthia an einer illegalen Substanz gestorben sein muss!“, Sebastian war viel zu realistisch.

„Wie kommst du darauf?“, Mara sah Sebastian entsetzt an.

„Die Ärzte haben es erwähnt, aber es wird vertuscht, weil es da weit mächtigere Männer gibt, die dafür verantwortlich sind!“

„Bleib bitte ruhig Mara, wir finden diese Männer und dann werden sie zur Verantwortung gezogen!“, der Gefährte hatte seine Hand auf ihre gelegt, weil er bemerkte, wie in Mara die Erinnerungen hochkamen und sie noch lange nicht den Tod von Xynthia verarbeitet hatte. Sie wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht.

Mara räusperte sich und sprach, „Ihr habt Recht. Wir haben jetzt die Chance gemeinsam zu ermitteln und das werden wir auch tun!“.

„Aber keinen Sex mehr mit Marco Sanders!“, Sebastian sah sie eindringlich an.

„Wenn er uns weiterhilft!“, sagte Mara ohne groß zu überlegen.

Sebastian ließ laut scheppernd das Messer fallen und sah Mara vollkommen entgeistert an. Er liebte diese Frau und sie würde allen Ernstes Sex mit Marco Sanders haben, wenn es sie in ihren Ermittlungen weiterbrachte.

„Du solltest es Sebastian erklären, wieso du Sex mit ihm hattest!“, der Gefährte redete Mara gut zu.

„Sage bloß, du hast mit ihm schon darüber geredet?“, Sebastian war fassungslos.

„Nein Mister Neunmalklug!“, Mara funkelte Sebastian böse an, „Er kann unsere Gedanken lesen, was manchmal sehr hilfreich ist!“.

„Okayyyy!“, Sebastian sah den Gefährten mehr als misstrauisch an.

Dieser grinste breit, „Keine Angst, ich sage ihr nichts von deiner Affäre mit Roxanne letzte Woche!“.

Mara wollte gerade aufspringen, als ihr Gefährte sie mit seiner Hand festhielt, „Kleines, das war ein Scherz! Jetzt beruhigst du dich erstmal und dann redet ihr zwei, was dringend nötig ist, denn so kommen wir bezüglich der Feuerblume nicht weiter!“.

Sebastian fand ihn allmählich sympathisch und er lächelte ihn dankbar an. Mara war nicht immer einfach, aber mit ihm an seiner Seite, war es weit einfacher für Sebastian.

„Du hörst mir jetzt zu, ohne mich zu unterbrechen!“, Mara sah Sebastian an und war aufgestanden. Sie hatte sich ans Fenster gestellt und den beiden Männer ihren Rücken zugekehrt. Sie konnte ihnen bei ihren Worten nicht in die Augen blicken, „Die erste Begegnung an diesem Abend mit Marco Sanders hatte ich, als Xynthia mich einigen Leuten vorstellte. Plötzlich kam Jessica Baier wie eine Furie auf mich zugelaufen. Sie hätte mich am liebsten sofort von der Party geschmissen. Marco Sanders wurde mir als ihr Freund vorgestellt und irgendwie schien ich ihm zu gefallen, denn seine Blicke sprachen Bände. Jessica bemerkte das natürlich und war dann noch schlechter drauf. Sie wollte seinem peinlichen Auftritt ein Ende setzen und sagte ihm, er müsste noch mehr Gäste begrüßen. Laufe des Abends begegneten wir uns immer wieder rein zufällig, aber es kam zu keinen weiteren Gespräch. Irgendwann, als ich die Toilette verließ, musste er mich abgepasst haben, denn er stand davor und sprach mich sofort an. Ich hatte bereits etliche Cocktails getrunken und fühlte mich leicht benommen, war im Grunde nicht mehr zurechnungsfähig. Er redete auf mich ein, was für eine schöne Frau ich sei und halt das, was Frauen hören wollen. Plötzlich hatte ich diese innere Eingebung, er war der Mann, der in mir Rachegelüste hervorrief. Der mich von meinen tiefen seelischen Schmerzen, die mir Jessica Baier all die Jahre zugefügt hatte, befreien konnte. Ich sah ihn an und sah, wie sehr ich mit ihm Jessica Baier demütigen konnte. Es war meine Chance es endlich Jessica so richtig heimzuzahlen. Ich begann ihn zu küssen, nachdem er mich unmissverständlich angemacht hatte und mir direkt gesagt hatte, er wollte sich unbedingt mit mir treffen. Ich zeigte ihm, dass ich eine heiße, begehrenswerte Frau war und er war so leicht um den Finger zu wickeln. Samantha hatte uns erwischt, ich hatte geglaubt, sie würde es sofort Jessica erzählten. Am späteren Abend jedoch redete sie auf mich ein, dass ich lieber die Finger von Marco Sanders lassen sollte, denn das würde mir Jessica niemals verzeihen. Ich war auf der Suche nach Xynthia, als ich wie durch Zufall Marco Sanders über den Weg lief. Er nahm mich in sein Spiegelzimmer, so etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Wir küssten uns und währenddessen spürte ich es tief in mir, ich musste diesen Mann vollkommen unter Kontrolle haben. Ich war der Racheengel, meine Gedanken waren so kalkuliert, so leidenschaftslos, so eiskalt, dass ich im ersten Moment selbst vor mir erschrak. Aber dieses Zimmer mit den Spiegeln, der Gedanke daran, dass ich in diesen Moment Jessica Baier zutiefst verletzen würde, machte aus mir eine vollkommen andere Frau. Wir hatten Sex, ich hatte die Kontrolle über ihn, was ihm scheinbar sehr gefiel. Es war eine lange Nacht mit dem wohl unromantischsten Sex, den ich je gehabt habe.“, Mara drehte sich um und blickte Sebastian an.

Er brauchte einige Minuten, um ihre Worte zu verarbeiten, dann stand er auf und ging auf sie zu, „Ich habe immer gedacht, wir Männer wären nur zu so etwas fähig, aber dass ihr Frauen das auch könnt, das erschreckt mich jetzt ein wenig!“. Er nahm sie fest in seine Arme, „Ich liebe dich mein Engel, verzeihe mir, dass ich gedacht hatte, du würdest den Sex mit Marco genießen. Du musst mich verstehen, er sieht fantastisch aus, ich bin nur noch ein Krüppel. Ich habe einfach nur Angst, ich könnte dich verlieren!“.

Mara schmiegte sich ganz fest an ihn, „Niemals, ich gehöre nur dir!“, sie küsste ihn und wäre ihr Gefährte nicht da gewesen, so wusste sie ganz genau, was sie als nächstes mit ihm gemacht hätte.

„Somit wäre das jetzt auch endlich geklärt und wir können uns endlich dem widmen, was momentan weit wichtiger ist!“, ihr Gefährte goss sich erneut einen Kaffee ein, „Dieses leckere Frühstück hier zu genießen!“

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 12

Es geht nicht darum besser zu sein, es geht darum anders zu sein!

Mara blickte sich im Spiegel an und fand, dass sie vollkommen übermüdet aussah. Der Tag mit ihrem Gefährten hatte ihr gut getan. Jedoch die Trauerfeier von Xynthia hatte sie vollkommen fertig gemacht. Letztlich war es ihr wichtig, dass sie herausfinden musste, warum Xynthia sterben musste. Weder Tommy noch Ivonne könnten ihr helfen. Also musste sie umdenken, sie war jetzt der Boss, laut ihrem Gefährten, also musste sie Entscheidungen treffen. Nur welche Entscheidungen?

Mit der Zahnbürste im Mund rannte sie durch die Wohnung und versuchte zu ein paar brauchbaren Gedanken zu gelangen. Nichts! Ihr Kopf fühlte sich vollkommen leer an. Wie sollte sie hinter das Geheimnis der Feuerblume kommen, wenn sie es nicht einmal schaffte ansatzweise wie ein Boss zu denken. Als es an ihrer Wohnungstür klingelte, wurde Mara aus ihren Gedanken gerissen. Mit samt ihrer Zahnbürste im Mund lief sie zur Tür und öffnete diese. Sie kam nicht mehr aus dem Staunen heraus. Die Zahnpasta tropfte auf den Boden, doch Mara stand bewegungslos im Türrahmen.

„Würdest du mich bitte reinlassen!“, es war Sebastian Moor. Er hatte sich die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, um nicht erkannt zu werden.

Mara wollte sprechen, bemerkte jedoch, dass ihr Mund voller Zahnpasta war. Sie rannte ins Badezimmer, spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken und spülte sich ihren Mund aus. Sebastian war ihr gefolgt und stand genau an der Stelle, als er zu ihr gesagt hatte, dass er nicht mehr zu ihr kommen würde. Er war die Feuerblume, sie hatte es gewusst. Und als sie sein Bild im Buch der Feuerblume gesehen hatte, da waren alle Zweifel in ihr gewichen. Sie blickte zu ihm und er schob sich seine Kapuze vom Kopf. Sie sah seine Narben, aber sie empfand sie nicht als schlimm. Sie wusste, dass sie diesen Mann liebte.

Nachdem sie sich ihren Mund mit dem Handtuch abgetrocknet hatte, ging sie zu ihm. Was würde er dieses Mal zu ihr sagen. Sie stand vor ihm, er sagte kein einziges Wort, sondern blickte sie nur an. Sie spürte, dass er zögerte. Also war es an der Zeit, dass sie den ersten Schritt tat. Schließlich war sie neunundzwanzig und musste niemanden mehr fragen, ob sie diesen Mann küssen durfte.

Sie umfasste seine Hände und ging diesen letzten Schritt auf ihn zu, um nun direkt vor ihm zu stehen, „Ich liebe dich!“, flüsterte sie, ihre Lippen trafen auf seinen Mund. Er war nicht überrascht, er war sichtlich angetan, dass sie den ersten Schritt getan hatte. Er zog sie ganz eng an sich. Seine Hände streichelten sanft über ihren Rücken. Ihre Lippen öffneten sich leicht, sogleich fand seine Zunge ihre und es fühlte sich fantastisch an. Sie wollte ihn, nur ihn. Sie zog ihm seine Jacke aus, zog ihm das Shirt über den Kopf. Er stand mit nacktem Oberkörper vor ihr. Mara sah, wie sich die Brandnarben von seinem Gesicht zu seinem Hals über seine Schulter zu seinem Arm zogen. Es störte sie keineswegs. Sie war so ungeduldig, dass sie mit zittrigen Händen seine Hose öffnete. Vollkommen außer Atem von ihren vielen Küssen landeten sie auf Maras Bett. Er liebkoste ihren Körper, jeden Zentimeter ihrer Haut. Sie fühlte sich so wundervoll an, dass Sebastian nicht genug von Mara bekommen konnte. Immer wieder stöhnte sie auf, wenn er eine besonders empfindliche Stelle ihres Körpers erobert hatte, das machte ihn noch verrückter und er musste diese Stelle ein weiteres Mal verwöhnen. Angekommen zwischen ihren Schenkeln tauchte er hinab. Seine Lippen und seine Zunge brachten Mara zu dem Gipfel der puren Lust und entfachte in ihr das Feuer der Leidenschaft. Ihr Stöhnen wurde lauter, ihr Atem kürzer, ihre Bewegungen schneller. Mara hatte sich kaum erholt, da spürte sie, wie er sich auf sie legte. Nun war es an der Zeit, dass sie das Ruder übernahm. Sie stieß ihn weg, was ihn verwunderte. Als sie begann seinen Körper zu küssen und zu streicheln, ließ er es geschehen und genoss jede einzelne Liebkosung von ihr so sehr. Mara spürte wieder diese unbändige Lust in sich, die Kontrolle zu übernehmen. Immer wieder küsste sie Sebastian auf den Mund, gab sich ihm hin, um sich im nächsten Moment ihm wieder zu entziehen. Es war ein Spiel, was Mara gefiel, diesen Mann heiß zu machen, ihn an seine Grenzen zu bringen. Ihre Hände und Lippen vollführten wahre Wunder, er begehrte diese Frau so sehr, dass er nicht länger warten konnte. Es war nicht zu übersehen und für Mara war es ein besonderer Genuss, als sie ihn zuerst mit ihren Händen, dann mit ihren Lippen verwöhnen durfte und letztlich tief in sich spüren durfte. Er sah ihr dabei tief in die Augen, sie war so unglaublich glücklich, dass sie ihn anlächelte, er erwiderte ihr Lächeln und küsste sie immer wieder, mal sanft und anschließend fordernd. Seine Bewegungen wurden intensiver und tiefer. Mara hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als diesen Moment mit ihm zu teilen, den Mann, den sie über alles liebte.

Sie lag in seinen Armen. Bislang hatte noch keiner ein Wort gesprochen. Mara war so glücklich. Ihr linkes Bein umschlang seinen Körper, dieser Mann gehörte ihr, nur ihr.

„Ivonne hat gesagt, du hättest einen Freund mit einem Motorrad?“, seine Stimme war sanft und dennoch neugierig.

Mara hob ihren Kopf und küsste die Narben auf seiner Schulter, „Mein Freund liegt gerade hier in meinem Bett!“, sie schob sich leicht nach oben und küsste ihn auf seinen Mund. Wieder fanden sich ihre Zungen, sie konnte von diesem Mann einfach nicht genug bekommen.

Sebastian schob sie leicht von sich, „Wer ist er?“.

„Warte!“, Mara war aufgestanden und lief nackt durch die Wohnung. Sie kam mit dem Buch der Feuerblume zurück und gab es ihm. Sie sah an seinem verdutzten Blick, dass ihm das Buch bekannt vorkam. „Er ist mein Gefährte!“, Mara erzählte ihm die ganze Geschichte, dass sie nach ihrem Streit ihr Handy aus dem Fenster geworfen hatte, dass sie deshalb ihre Mutter besuchen wollte, aber anschließend bei den Industrieruinen gelandet war und dass sie ihn auf dem Dach des ersten Lagerhauses getroffen hatte. Dass sie mit ihm vierzig Meter in die Tiefe gesprungen war und noch immer lebte. Dass sie nach der Trauerfeier von Xynhia mit ihm auf seinem Motorrad einen Ausflug zu einer Hütte auf einem Berg unternommen hatte. Dass sie sein Boss war, so wie Sebastian ihr Boss gewesen war. Und dass er Sebastian kannte.

„Er wusste, wer ich war?“, Sebastian hielt das Buch in seinen Händen.

„Ja und wenn du mal das Buch durchblätterst, dann wirst du etwas entdecken!“

Er tat wie ihr befohlen und blätterte die Seiten um, dann erkannte er sich und neben ihm war Mara. Jetzt war auch sie ganz verblüfft. Sie richtete sich auf und es war eindeutig zu sehen, sie gehörten zusammen, sie beide waren dazu da, um das Geheimnis der Feuerblume zu entschlüsseln!

Sebastian strich sanft über die Zeichnung von Mara, klappte das Buch zu und legte es auf ihr Nachttisch, „Ich war so eifersüchtig gewesen, als Ivonne es mir erzählt hat. Ich war so wütend auf dich, erst Marco Sanders und dann, wie nannte ihn Ivonne, einen Rocker!“, Sebastian lag über ihr und streichelte sanft ihr Gesicht. Ihre Blicke trafen sich, „Du gehörst mir mein Engel, nur mir! Ich liebe dich so sehr!“.

„Genau das wollte ich doch nur hören!“ und sie zog ihn zu sich herunter und küsste ihn erneut.

Es geht nicht darum besser zu sein, es geht darum anders zu sein! Jetzt verstand auch Mara diesen Satz. Sie musste nicht besser als Sebastian sein. Sie musste anders sein, diesmal gab es nicht nur eine Person, wie sonst, die im Dienste der Feuerblume stand. Dieses Mal gab es zwei. Sie waren noch immer ein Team, jedoch waren sie diesmal ein ebenbürtiges Team.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 11

Mara spürte den kalten Fahrtwind, welcher ihr das Gefühl von Freiheit gab. Ihre Arme lagen noch immer fest um seinen Hüften. Sie vertraute ihm vollkommen und begab sich mit ihm auf ihre Reise zu sich selbst. Er war ein sehr guter Motorradfahrer. Sie fuhren seit einer Stunde. Mara war noch nie so weit aufs Land gefahren. Ihre Eltern liebten die Stadt und hatten es immer gemieden das umliegende Land ihren Kindern zu zeigen. Mara staunte über die vielen kleinen Dörfer und Gehöfte an denen sie vorüberfuhren. Jede Menge Wälder, Wiesen und Felder zogen an ihnen vorüber. Sie sah einen gewaltigen Berg, welcher sich vor ihnen auftat. Die Spitze des Berges war von einer Wolkenschicht verhangen. Mara staunte nicht schlecht, als sie am Fuße des Berges einen riesigen, glasklaren See erkannte. Einige Autos standen bereits auf dem Parkplatz, auf welchen er jetzt auch fuhr.

Mara lief neben ihm her. Er war so groß und sie wirkte neben ihm so klein und zierlich.

„Dort oben ist eine kleine Hütte, da bekommen wir bestimmt etwas Gutes zu Essen. Warst du da schon einmal?“, er zeigte auf einen winzigen Punkt in der Mitte des Berges.

Mara war erstaunt, wie gut er sich hier auskannte, „Nein, aber woher kennst du diese Hütte?“.

Er lachte, „Wenn man sechshundertdreißig Jahre alt ist, dann kennt man sehr vieles!“ und er zwinkerte Mara zu. Er half ihr den schmalen Weg des Berges zu besteigen. Mara hatte natürlich nicht die geeigneten Schuhe an, das hatte er nicht mit einkalkuliert. Aber er war sehr fürsorglich und reichte ihr immer wieder seine Hand, damit sie einen besseren Halt beim Gehen hatte.

Sie hatten einen Tisch am Fenster bekommen und somit einen fantastischen Ausblick hinunter ins Tal. Mara hätte zu gern ihrem Bruder diesen Moment gegönnt und sie spürte wieder einmal, wie sehr sie ihre Eltern für ihre egoistische Denkweise doch hasste. Sie hatten immer nur an sich gedacht und ihre Kinder vollkommen vergessen. Ihr kleiner Bruder war Teil ihres Lebens und sie nahm sich ganz fest vor, ihn diesen Moment auch einmal zu schenken.

„Hast du ein Handy?“, sie sah ihn fragend an.

„Nein! Ist mir zu anstrengend! Außerdem weiß ich doch nicht, was mein nächster Boss aus mir macht!“, er lachte laut auf und Mara grinste verlegen.

„Ist dir das zu viel. Ich meine so, wie du jetzt bist?“, Mara sah ihn verlegen an.

„Mache dir mal keine Sorgen um mich Kleines. Mir geht es fantastisch. Ich mache mir mehr Sorgen um dich!“, er sah sie eindringlich an.

„Mir geht es bestens!“, versicherte ihm Mara.

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Kaffee und zwei Stückchen Himbeersahnetorte.

„Vielen Dank, sieht fantastisch aus!“, Mara entging nicht, dass er mit jeden weiblichen Wesen flirtete. So, wie er aussah, war das schließlich ein Kinderspiel, die Frauen lagen ihm ja quasi zu Füßen. Im Grunde war Mara sogar froh, denn wer hatte schon so einen überaus attraktiven Gefährten an seiner Seite. Mara beobachtete ihn, als er einen Schluck Kaffee trank. Seine Augen waren geschlossen und er genoss diesen Moment so sehr. Für Mara war ein Schluck Kaffee etwas ganz Normales. Er hatte sechshundertdreißig Jahre alles sein können und deshalb war ein Schluck Kaffee seine momentane geschmackliche Explosion, die er auf sich wirken ließ.

Er öffnete seine Augen und bemerkte, wie Mara ihn beobachtet hatte und grinste verlegen, „War das erste Mal für mich! Also ganz sicher habe ich irgendwann schon einmal Kaffee getrunken, aber mein Gehirn kann schließlich nicht alle Erinnerungen so haargenau abspeichern!“.

Nun musste auch sie grinsen, „Du bist so genial!“.

„Ist das ein Kompliment?“, er kannte sich in ihrer Sprache noch nicht so gut aus und das fand Mara noch weit lustiger.

„Ja, würde ich schon sagen!“ und sie lächelte ihn glücklich an.

„Hast du dir das Buch angeschaut?“, er sprach nun sehr leise zu ihr, denn dieses Geheimnis sollte ein Geheimnis bleiben.

„Ja habe ich!“, flüstere Mara zurück …

… Mara hatte seine Hand gespürt, wie er sie ganz fest hielt und dann war sie mit ihm gemeinsam gesprungen, im freien Fall vom Lagerdach. Sie schrie aus Leibeskräften, es gab keinerlei Sicherheit für sie, kein Seil oder ähnliches. Sie schrie und schrie und spürte, wie sie immer tiefer und tiefer fiel. Weit entfernt hörte sie eine männliche Stimme, sie sang ‚Yello Submarine‘ von den Beatles. Wie konnte er singen, wenn sie vierzig Meter tief fielen. Hatte er noch alle Latten am Zaun. Mara wurde wütend und öffnete ihre Augen. Sie fiel gar nicht, sie stand auf der Erde und er saß auf dem Gehsteig neben ihr und sang lauthals dieses Lied. Mara war so wütend, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte.

„Das kannst du vergessen Kleines!“, er war aufgestanden und grinste sie an.

„Was?“, sie funkelte ihn böse an.

„Das du mich erwürgst!“, er lief voraus, ohne sie weiter zu beachten.

Sie rannte hinter ihm her und schrie aus Leibeskräfte, wie bekloppt er doch wäre und was für ein Arsch und vollkommen durchgeknallt und dass er der größte Idiot aller Zeiten war. Im Grunde war sie mehr wütend auf sich selbst, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und sie hatte etwas geschafft, was sie niemals für möglich gehalten hatte. Sie war gesprungen, sie hatte ihm zu hundert Prozent vertraut. Obwohl sie das niemals ohne ihn gemachte hätte, dann wäre sie zu hundert Prozent tot gewesen. Aber mit ihm war alles anders, sie nannte es Magie oder wie er – Illusion. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, aber es funktionierte und damit musste sie sich vorerst abfinden.

Er hatte sie nach Hause gebracht. Dort hatte sie tatsächlich in ihrem Briefkasten das Buch gefunden. Nun endlich lag es in ihren Händen. Der dunkelbraune Ledereinband war sehr stark abgegriffen. Mara hatte keine Ahnung, wie viele Hände es bereits berührt hatten. Sie öffnete ganz vorsichtig das Buch. Auf der ersten Seite erkannte sie eine Blume. Sie war wunderschön! Sie war gezeichnet und mit roter Farbe getränkt. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, so, als würde sie sich bewegen. Maras Finger strichen ganz sanft darüber und sie konnte jedes einzelne Blütenblatt spüren. Es war so ein irres Gefühl, einerseits war es eine Zeichnung und doch fühlte sich diese Blume vollkommen echt unter ihren Fingern an. Mara blätterte weiter. Es sah aus wie eine Widmung, handgeschrieben, doch Mara konnte diese Schrift nicht lesen. Auf den folgenden Seiten sah sie eine so akkurate und saubere Handschrift mit schwarzer Tinte geschrieben, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Die Buchstaben waren Zeichen, längliche Zeichen, immer wieder waren zwischen diesen unterschiedlich langen geschwungenen Linien, wie sie Mara beschreiben würde, Punkte und kleine Querstriche gesetzt. Mara hätte zu gern gewusst, was diese Worte wohl heißen würden. Viel weiter hinten entdeckte sie immer wieder diese eigenartigen Zeichen, die ihr Gefährte auch auf der Brust und am Hals als Tätowierung trug. Sie blätterte weiter und dann sah sie ganz viele Zeichnungen. Es waren Gesichter von Menschen. Mara blickte sich die Gesichter genau an. Eine Frau mit einem riesigen Hut. Sie wirkte so vornehm und dennoch war ihr Lächeln eiskalt. Da war dieser Mann mit dem geschwungenen Schnurbart, er hatte einen Zylinder auf seinem Kopf und eine Zigarre im Mund. Auf der folgenden Seite erkannte sie ein junges Mädchen kaum sechszehn, sie hatte glattes, langes Haar, ihre Augen wirkten so unfassbar traurig und ihr Mund war so dermaßen zusammengepresst, als wollte sie verhindern, dass ein Wort durch ihre Lippen drang. Darunter war ein Mönch. Seine Kutte verriet ihn, sowie seine leicht gebückte Haltung und seine gefalteten Hände. Eine Frau, die ein Kopftuch trug, ihr Gesicht war von Falten gezeichnet, aber ihr gutmütiges und sanftes Lächeln ließ erkennen, dass sie wohl eine liebenswerte Person gewesen sein musste. Ein kleiner Junge, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war. Seine Ohren standen so sehr von seinem Kopf ab, dass Mara grinsen musste. Er hatte diesen neugierigen Blick, den sie von ihrem Bruder kannte. Mara blätterte immer weiter und weiter. Es waren bestimmt über hundert Gesichter. Und dann kamen nur noch leere Seiten, was sie ganz und gar nicht verstand. Sie schlug die letzte Seite von den gemalten Gesichtern auf und erkannte ihn sofort. Sie schluckte schwer, denn sie hatte es verstanden. In diesem Buch waren die Personen gezeichnet, die der Feuerblume auf irgendeine Weise sehr nahe gestanden haben. Ihre Finger strichen über sein Gesicht. Sie vermisste ihn, sehr sogar. Sie liebte ihn noch immer und sie wusste nicht, wie lange dieses schmerzhafte Gefühl in ihr anhalten würde…

„Und was sagst du zu dem Buch?“, er betrachtete das Stück Torte vor sich, als wäre es ein Kunstwerk.

„Das kannst du essen!“, Mara zeigte auf seine Himbeersahnetorte und zwinkerte ihm zu.

„Wäre zu schade, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen! Vielleicht schon, aber sicher kann man sich ja nie sein!“, sagte er, als er noch immer das Stück Torte betrachtete und den Teller hin und her drehte.

„Dann musst du die Torte jetzt unbedingt probieren!“, Mara hatte ihr erstes Stück bereits in den Mund geschoben und wusste, wie lecker dieser Kuchen war. Die süßsauren Himbeeren, die sich mit dem cremigen Vanillegeschmack vereinten, das war Genuss pur. Sie beobachtete ihn und musste bei seinem Blick leicht auflachen. Schade, dass sie kein Handy mehr hatte, zu gern hätte sie diesen Moment festgehalten und ihm das Foto gezeigt.

Seine Lippen verzogen sich im ersten Moment, da er die fruchtige Säure zuerst auf seiner Zunge spürte, aber dann legte sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen, gefolgt von einem ich will mehr davon Blick. Mara schob ihm ihr Stück Torte zu, „Falls du noch mehr haben möchtest!“.

„Aber du?“, doch er war viel zu sehr damit beschäftigt diese Torte zu essen und alles, was ihn ihm passierte, vollkommen auszukosten.

„Also, das Buch ist der Hammer. Ich habe noch nie so eine außergewöhnliche Handschrift gesehen. Leider konnte ich die Schrift nicht entziffern. Die Gesichter habe ich damit in Verbindung gebracht, dass diese Menschen Teil der Feuerblume gewesen sein mussten, so wie ich. Also nehme ich mal an, dass ich dann auch irgendwann mal darin erscheinen werde!“, ihre Worte waren mehr ein Flüstern.

„Gut kombiniert Kleines!“, er zwinkerte ihr zu, „Das mit der Schrift kriegst du auch noch raus. Es gab nicht viele, die hinter das Geheimnis gestiegen sind, aber es gab welche!“ und er grinste sie aufmunternd an.

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht die Einzige bin, die etwas länger dazu braucht.“, Mara trank ihren Kaffee und sah, wie die Sonne und Wolken ein wundervolles Schattenspiel im Tal verursachten, „Sieh dir das an!“, sie zeigte aus dem Fenster.

Er blickte hinaus und ihm entging diese einzigartige Schönheit auch nicht, der See, welcher auf der einen Seite in das Sonnenlicht getaucht war und dadurch die Wasseroberfläche ins Funkeln und Glitzern geriet und die andere Seite mit Wolken überzogen war, so dass er tief und unergründlich wirkte. Er war froh, dass Mara sein neuer Boss war. Er hatte schon weit schlimmere gehabt. Sie war eine wunderschöne Frau, die ihm zu traurig, zu nachdenklich, zu verschlossen vorkam. Sie war jung, sie sollte ihr Leben genießen, sie sollte genau wie er diese Momente auskosten. Das hatte er immer getan, egal für wen er gearbeitet hatte. Es war nicht immer einfach die Menschen zu verstehen. Manche von ihnen wollten ihm Schmerzen zufügen oder wünschten ihm sogar den Tod, weil sie nicht verstanden, was das Geheimnis der Feuerblume tatsächlich bedeutete. Aber Mara, sie war ein ganz besonderer Mensch, den er vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen hatte. Er wusste, dass sie zu weit mehr fähig war, als sie sich momentan zustand. Sie würde die Feuerblume verändern, das wusste er, sie würde ihre wahre Schönheit wieder zum Vorschein bringen. Das hatte ihm sein Meister prophezeit und deshalb war sie ihm so wichtig!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 9

Dieser Morgen würde sich nicht so gut anfühlen, überlegte Mara, als sie ihre Augen öffnete. Sie hatte die Nacht kaum geschlafen. Nach ihrem gestrigen Streit mit der Feuerblume war sie irgendwann, irgendwie in ihrem Bett eingeschlafen. Die Tränen waren getrocknet, hinterließen aber noch immer dieses flaue Gefühl in ihrem Magen.

Sie wusste nicht, was genau mit Xynthia passiert war. Aber sie konnte niemanden fragen. Nachdem, was hier gestern Nacht passiert war, würden weder Tommy noch Ivonne mit ihr jemals wieder reden. Sie hatte ihr Handy letzte Nacht aus dem Fenster geschmissen. Der harte Aufprall und das laute Scheppern hatten ihr verraten, dass von dem Handy nicht mehr viel übrig geblieben war. Es war eine Kurzschlussreaktion, die sie womöglich schon bald bereuen würde. Aber so sollte es sein und es war nicht mehr gutzumachen!

Mara stand auf, duschte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie meidete schon seit Tagen die Industrieruinen. Ein Besuch bei ihrer Mutter wäre angebracht, denn die würde sich als erstes beschweren, wenn sie ihre Tochter nicht über ihr Handy erreichen konnte.

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als sie das letzte Mal vor der Tür ihrer Mutter gestanden war. Sie bemerkte, dass die anfängliche Lust bereits verflogen war, als sie den Klingelknopf drückte. Jedoch war es zu spät, um wieder umzukehren. Mara wartete einen Moment, doch nichts tat sich. Es öffnete sich keine Tür. Ihre Mutter meldete sich auch nicht über die Sprechanlage.

„Hallo Frau Sommer, Ihre Mutter ist verreist! Haben Sie das nicht gewusst?“, die Untermieterin Frau Ilse Knörzer war aus der Hauseingangstür getreten. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei und zog an einer Leine. Beinahe hätte sich die Tür geschlossen, wenn Mara nicht so impulsiv eingegriffen hätte und ihr Spitz Torben wäre gezweiteilt gewesen. Aber das schien dieser kleinen Mistkröte egal zu sein, denn sie kläffte bereits Mara an. „Torben willst du wohl still sein, dass ist nur Frau Sommer, die tut dir nichts!“.

Mara hätte am liebsten gesagt, doch, Hunde gehörten schon immer zu meiner Leibspeise, aber sie verkniff es sich lieber. Vielmehr bedankte sie sich bei Ilse Knörzer für die Auskunft und lief in Richtung Stadt. Sie kam dummerweise an den Industrieruinen vorbei. Es war nicht ihre Absicht gewesen dort hinzugehen. Aber wo sollte sie sonst hin. In der Stadt würde sie womöglich Ivonne oder Tommy oder Jessica Baier oder Marco Sanders treffen. Sie wollte niemanden sehen, sie wollte für sich ganz allein sein. Mara sah das große Lagerhaus vor sich, welches sie immer als erstes bei ihrer Joggingrunde durchlief. Sie ging darauf zu, nur dass sie es diesmal nicht durchlaufen würde, sondern, dass sie diesmal die Treppen hinaufstieg, die sie auf das Dach des Lagerhauses führten. Sie war keineswegs schwindelfrei, aber sie wusste, dass es sich hier oben weit besser anfühlte, als unten von all den Menschen erdrückt zu werden. Sie setzte sich auf das Dach, ließ sich nach hinten fallen und stützte sich auf ihren Ellenbogen ab. Sie hörte Schritte, auch hier war sie nicht allein. Sie drehte sich um und vermutete dass es Sebastian Moor war, aber der war es nicht. Sie kannte diese Person nicht. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er war groß, er wirkte stark, er war sonderbar, er machte ihr Angst.

Sie richtete sich wieder auf und blickte ihn an.

„Mädchen, wie du, haben hier oben nichts zu suchen!“, seine Stimme klang hart und kalt.

„Wenn ich noch ein Mädchen wäre, dann würde ich ganz sicher nicht hier oben sitzen, denn dann würde ich mich hier nicht mal her trauen. Was willst du von mir?“

Mara sah, wie er sich vor ihr aufrichtete. Etwas schien so sonderbar zu sein. Er wirkte so unmenschlich, so übernatürlich. Er war wie eine Illusion. Ihre Sinne schienen sie zu täuschen, das wurde ihr immer mehr und mehr bewusst. Sie hatte eindeutig zu viel Fantasie und langsam bekam sie genau davor Angst.

„Eine Illusion!“, sein Lachen klang verletzend, „So soll es wohl sein! Stehe auf Mädchen!“.

Er konnte ihre Gedanken lesen, wie beängstigend war das denn? Mara tat, was er ihr sagte. Sie wollte gerade wieder zu der Treppe und nach unten gehen, da hielt er ihre Hand fest. Er war keine Illusion. Er fühlte sich echt an. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn verwundert an.

„Hast du das Buch erhalten, welches ich dir geschickt habe?“, sein Griff war fest und Mara glaubte, er würde ihre Hand zerquetschen.

„Welches Buch, wovon redest du?“, sie wollte ihre Hand entziehen, doch sie hatte keinerlei Chance.

„Das Buch über die Feuerblume!“, er sah sie herausfordernd an.

„Wo soll denn dieses Buch sein?“, Mara wusste nichts von einem Buch.

„In deinem Briefkasten!“, er war entsetzt, wie leichtsinnig sie mit seinem Geschenk umging, „Wärest du nicht nur auf dich bedacht gewesen, dann hättest du es bestimmt gefunden. Merke dir, nicht die anderen Menschen können dich verletzen. Du selbst kannst dich am aller meisten verletzen. Schwelge weiterhin in deinem Selbstmitleid und verkrieche dich in deinen vier Wänden, dann wirst du nie das erfahren, was das Leben tatsächlich für dich bereit hält!“.

„Ich weiß, was das Leben für mich bereithält … Nichts! Und jetzt lass mich verdammt nochmal los du Idiot!“, Mara war viel zu wütend, um sich auf solche dummen Spielchen einzulassen.

Er lachte, „Idiot hat mich noch keiner genannt. Aber ich werde dir zeigen, was dieser Idiot hier alles kann.“, er hatte ihre Hand losgelassen und rannte einfach los. Er hatte das Ende des Dachs erreicht und Mara schrie laut auf, als er einfach sprang. Vierzig Meter lagen unter ihnen und der Typ war einfach gesprungen. War er denn des Wahnsinns. Mara lief an die Stelle, von welcher er in die Tiefe gesprungen war.

„Illusion!“, sie hörte seine Stimme hinter sich, „Das kannst du auch!“.

Sie war so dermaßen erschrocken, dass sie einen Schritt nach hinten, in die falsche Richtung machte und spürte, dass dieser eine Schritt zu viel war. Sie geriet ins Wanken, konnte sich nicht mehr halten und dann fiel sie. Vierzig Meter in die Tiefe und nichts mehr würde von ihr übrig bleiben. Sie schrie und spürte, wie die Fallgeschwindigkeit immer weiter zunahm. Es war vorbei, ihr Leben war hier und jetzt vorbei. Sie würde auf dem Betonboden aufprallen und nicht mehr als ein blutiger riesiger Fleck und ihr toter Körper würde übrig bleiben.

„Du bist zu schnell und der Idiot zu langsam!“, Mara hörte ihn lachen, „Mache die Augen auf, damit du siehst, was gleich mit dir passiert!“.

Sie wollte zu ihm sagen, er konnte sie mal! Vierzig Meter in die Tiefe zu fallen, war alles andere als ein Spiel.

„Komm schon, traue dich!“

Also gut, Mara öffnete ihre Augen und sah, dass sie nicht fiel. Seine Hand hatte sich um ihre gelegt, er hatte sie von der Dachkante gerettet.

„Alles nur Illusion. Du hast geglaubt, dass du fliegst. Du hast es gespürt, wie du fällst, wie dein Körper sich immer mehr dem Erdboden genähert hat. Aber es war die reine Illusion! Ihr Menschen seid viel zu schnell zu beeinflussen!“, er lachte und setzte sich auf das Dach, „Komm und setzte dich!“.

„Ich bin ein Mensch und was bist du?“, Mara setzte sich neben ihm.

„Ich bin ein Gefährte und stehe im Dienste der Feuerblume!“, er sah sie mit einem Lächeln an.

„Darf ich dich berühren?“, Mara betrachtete ihn. Er sah nicht anders aus als sie. Okay er war größer, vollkommen durchtrainiert und hatte diese irre Kleidung an. Mara glaubte zuerst er wäre ein Krieger mit seiner schwarzen Lederhose, den Lederstiefeln. Er trug ein etwas mitgenommenes, schwarzes Shirt unter seiner schwarzen Lederjacke. Mara konnte einige Tätowierungen an seinem Hals und seiner Brust sehen, wo sein Shirt eingerissen war. Symbole, die Mara noch nie zuvor gesehen hatte. Kreise, die sich vereinten. Buchstaben, die keine Buchstaben waren, aber Worte ergeben mussten. Zumindest nicht in ihre Sprache, aber sie hatte dieses Gefühl, dass es Worte waren. Er hatte kurze, schwarze Haare. Sein Gesicht war sonnengebräunt, so wie der Rest seiner Haut, den Mara zu sehen bekam. Schwarze Barstoppeln versteckten eine Narbe am Kinn. Seine Augenbrauen waren leicht geschwungen. Seine Nase war groß und gerade. Die Lippen waren voll. Seine Augenfarbe war das wohl außergewöhnlichste, was Mara jemals gesehen hatte. Es war nicht eine Farbe, es waren unzählige Farben.

„Und was hast du davon, wenn du mich berührst?“, er lachte.

„Ich will sehen, ob du echt bist, sehr witzig!“, Mara war sauer.

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, „Bin ich echt!“.

Er fühlte sich zumindest echt an. „Wann wurdest du geboren?“, Mara war trotz der Berührung noch immer am Zweifeln.

„Vor sechsunddreißig Jahren!“

„Du springst und springst doch nicht. Du gibst mir das Gefühl zu fallen, aber ich falle nicht!“, Mara überlegte laut.

„Alles eine Frage der Illusion!“ und er lächelte Mara an.

„Vielleicht bin ich nicht vor sechsunddreißig, sondern vor sechshundertdreißig Jahren geboren. Ich weiß es auch nie so genau. Ich fühle mich fantastisch!“ und wieder überzog sein Gesicht ein Lächeln und seine schneeweißen Zähne traten zum Vorschein.

Eine Illusion dachte Mara. Vielleicht gab es ihn nur in ihrer Vorstellungskraft. Vielleicht hatte sie bereits Wahnvorstellungen und würde sich genau so einen Typen vorstellen.

„Du überlegst zu viel, du verschwendest soviel Energie und viel zu viel Zeit!“

Mara blickte auf und war etwas irritiert, „Woher wusstest du, dass ich überlege?“.

„Du solltest dich dabei sehen. Frauen machen immer so ein komisches Gesicht, wenn sie angestrengt überlegen. Du schiebst dabei dein Zähne auf deine linke Unterlippe. Höchst interessant kann ich dir sagen!“, er stand auf, „Weißt du, dein Vorgänger hat mein Buch einfach weggeschmissen. Er war so wütend und ist mit unserem Geheimnis so achtlos umgegangen. Er hat uns verletzt, er hat uns mit Füßen getreten.“.

„Ich bin wohl daran Schuld!“, Mara sah in etwas verlegen an.

„Wie konnte es auch anders sein!“, er ging auf dem Dach hin und her, „Es sind immer die Frauen, die Männer zu solchen unüberlegten Handlungen bringen!“.

„Hallo, du verletzt mich gerade zutiefst!“, Mara war aufgestanden und ist hinter ihm hergelaufen.

„Oh das kleine Mädchen hat Gefühle!“, er stand ganz plötzlich direkt vor Mara und sein Zeigefinger bohrte sich oberhalb ihrer Brust in ihre Jacke.

„Du bist so ein Idiot!“, Mara sah ihn wütend an.

„Was ist eigentlich ein Idiot? Du hast mich vorhin schon so genannt!“, er sah sie neugierig an.

„Jetzt sage bloß nicht, du wüsstest es nicht. Ein Volltrottel, ein Mann der von nichts eine Ahnung hat und davon ziemlich viel. Ein Mann, der mich gerade so richtig nervt!“

„Perfekt!“ und er lachte laut auf, „So soll es sein. Sobald die Nerven einer Frau blank liegen, hören sie zu. Erst dann sind sie aufnahmefähig!“.

„Woher hast du denn diesen Mist schon wieder!“, für Mara war es zum Haareraufen.

„Alles meine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht!“, er ging um Mara herum, „Du bist mein neuer Boss wusstest du das?“.

„Ich bin kein Boss und schon gar nicht deiner!“, sie fühlte sich von ihm in die Enge getrieben, „Außerdem, wie kommst du darauf?“, sie sah ihn neugierig an.

„Heißt dieses Buch etwa ‚Fredo und das Geheimnis der Feuerblume‘? Nein, so heißt es nicht! Dein Name ist Mara, also stelle dich jetzt mal schön langsam darauf ein, dass du mein neuer Boss bist. Wir werden eine Menge Spaß haben!“, er stand schon wieder viel zu nah vor ihr und das innerhalb von Sekunden. Mara bekam langsam Angst vor ihm.

„Ich werde jetzt von diesem Dach gehen und dann kannst du dir einen neuen Boss suchen!“, sie lief zur Treppe.

„Warum springst du nicht mit mir? Wir zwei gemeinsam!“, er folgte ihr.

„Nein danke, mein Leben ist mir etwas zu wichtig, um geradewegs in den Tod zu springen!“

„Du vertraust mir also nicht!“, jetzt lief er direkt neben ihr her, „Du bist wie dein Vorgänger. Er hatte es nicht mal geschafft mich zu sehen. Geschweige denn mit dem Buch richtig umzugeben. Und du siehst mich und vertraust mir nicht. Menschen sind eigenartig und nicht zu verstehen!“.

Mara war stehen geblieben, „Du willst mir erzählen, er hat dich nie gesehen. Er hat sich als die Feuerblume ausgegeben und war nicht im Entferntesten so weit wie ich und konnte dich nicht einmal sehen?“.

Er tat gelangweilt, „Ja, es war so. Du bist seit langem mal wieder die Erste, die mich sieht. Hatte schon an mir gezweifelt, ob es an mir liegt, dass man mich nicht sehen will!“.

„Und du siehst immer so aus, wie ich dich jetzt vor mir sehe?“, Mara drehte sich zu ihm.

„Kommt darauf an, wie du mich siehst. Wie siehst du mich denn?“, er sah sie leicht grinsend an.

„Du bist so verdammt groß, hast eine fantastische Figur, bist durchtrainiert, braungebrannt. Trägst diese etwas mitgenommenen Lederklamotten. Ich sehe einige Tätowierungen auf deiner Haut. Du hast volle Lippe und am Kinn eine Narbe, die du unter einen Dreitagebart versteckst. Du hast eine große, aber dennoch gerade Nase. Deine Augenbrauen sind perfekt für einen Mann, leicht geschwungen und nicht so verwachsen. Deine Augenfarbe ist irre, ich kann sie nicht genau beschreiben. Von allem etwas würde ich sagen, also ganz unterschiedliche Farben!“, Mara war mit ihrer Beschreibung fertig und sah ihn herausfordernd an.

„Diesmal muss ich ja richtig gut aussehen!“, er war sichtlich froh über die Beschreibung von Mara, „Ich hatte schon weit schlimmere Beschreibungen. Ich war sogar schon ein Baum, für eine Frau, sie hat unter mir gesessen und den Rest erspare ich dir lieber. Ihr Hund hatte mich zu seinem Lieblingsbaum gewählt. Das war … ich sage mal dazu, eine ganz besondere Erfahrung!“.

„Warum hat dich mein Vorgänger nicht gesehen?“, Mara trat noch näher an ihn heran.

„Was tust du da?“, er zog seine Augenbrauen in die Höhe.

„Nichts, wovor du Angst haben könntest!“, Mara grinste, „Warum ich und nicht er?“.

„Weil du die Auserwählte bist!“

Mara ließ sich die Gedanken durch den Kopf gehen und freundete sich so langsam damit an. Obwohl sie rein gar nichts kapierte, aber das war ja bei diesen Typen so oder so egal. Alles nur eine Frage der Illusion, soviel hatte sie bereits verstanden.

„Springst du jetzt mit mir?“, er reichte ihr seine Hand.

Mara wollte schon sagen, ob er noch ganz bei Trost sei. Aber dann ruderte sie zurück und spürte diese Herausforderung in sich, wenn es wirklich stimmte und sie konnte ihm zu hundert Prozent vertrauen, dann würde sie dort unten auf der Erde stehen und sie wäre vollkommen unversehrt. „Ich springe!“.

„Hey coole Sache!“, er war sichtlich erfreut und zog sie bereits zum Rand des Lagerhauses.

Mara blickte unter sich. Vierzig Meter Tiefe lagen unter ihr. Alles wirkte so verdammt klein. Sie hatte Schiss, richtigen Schiss, aber sie wusste, so, wie es jetzt war, so konnte ihr Leben keineswegs weitergehen. Sie blickte ihn an. Er hatte sie beobachtet.

„Bist du bereit?“, fragte er sie.

Sie nickte ihm zu.

„Stelle dir vor, du kommst dort unten stehend auf. Wir zwei stehen nebeneinander. Alles eine Frage der Illusion. Du und ich würden niemals fallen, wir stehen!“

Mara nickte erneut und dann ließ sie sich zusammen mit ihm fallen. Sie schrie und fiel.

Alles eine Frage der Illusion!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 8

Mara war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken zu den letzten Stunden, welche sie mit Marco Sanders verbracht hatte. Sie fühlte diese tiefe innere Zufriedenheit, endlich war sie mit sich im Reinen. Jahrelang hatte sie diesen Konflikt ausgetragen, eine Versagerin zu sein, schlechter als alle anderen zu sein. Eigentlich war es Jessica Baier, die genau diese Worte für sie übrig gehabt hatte. Aber irgendwann, oh ja, irgendwann zweifelte sie an sich und redete sich genau das ein, was andere über sie gesagt hatten und dann fühlte sie es ganz tief in sich drin. Sie war Mara Sommer, die Versagerin. Und dann kamen diese Alpträumen, jede Nacht zogen sie Mara in die Tiefe der Einsamkeit und Angst. Wenn sie schrie kam nachts niemand an ihr Bett und schenkte ihr tröstende Worte. Ihre Mutter verbrachte ihre Nächte bei ihren Liebhabern. Mara war alleine mit ihren drei Jahre jüngeren Bruder, der viel zu fest schlief, um etwas von ihren Panikattacken mitzubekommen. Es war eine schlimme Zeit für Mara gewesen, sie wusste, sie hätte Hilfe gebraucht. Die Scheidung ihrer Eltern, die ständigen verbalen Angriffe in der Schule waren für ein elfjähriges Mädchen nicht leicht zu verkraften. Sie gab sich die Schuld an der Scheidung ihrer Eltern, sie gab sich die Schuld für Jessica Baiers Worte und irgendwann ließ sie keine anderen Gedanken mehr zu, weil sie tatsächlich glaubte, dass sie eine Versagerin war. Sie bestand nur noch aus den Worten fremder Menschen, von denen sie gehasst wurde. Eigentlich kannte sie den wahren Grund nicht, weshalb man sie hasste. Aber Jessica Baier hatte diesen enormen Einfluss alle davon zu überzeugen, dass Mara eine Versagerin war und am Ende glaubte es Jeder. Ihr gesamtes Umfeld betrachtete Mara genau so, wie es mit Worten manipuliert worden war. Das war der Knackpunkt, die Menschen verloren ihre eigene Meinung, ihre eigenen Worte und am Ende verloren sie ihre eigene Sichtweise, weil sie merkten, dass es einfacher war, mit den Worten eines anderen zu reden!

Mara wusste, dass dies nicht die letzte Begegnung mit Marco Sanders gewesen war. Sie wusste aber auch, dass es ihr nur um ihren lang ersehnten Racheakt gegenüber Jessica Baier ging. Sie hatte nie gedacht, dass sie Sex mit einem Mann haben konnte, ohne jegliche Gefühle für ihn zu empfinden. Natürlich war Marco Sanders ein äußerst attraktiver Mann und somit ist ihr diese Begegnung weit leichter gefallen. Aber sie war kalt, sie war rational, sie war vollkommen emotionslos. So kannte sie sich definitiv nicht!

„Wo bist du gewesen?“, Ivonne war aus ihrem Auto gestiegen, als Mara auf ihr Haus zulief. Sie hatte das Auto von Tommy nicht bemerkt, welches am Straßenrand parkte. Mara erschrak, denn sie war so in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie gar nicht damit gerechnet hatte, dass Ivonne hier plötzlich auftauchen würde. Ivonne sah vollkommen verheult aus. Neben ihr im Auto saß Tommy. Er schrieb gerade eine Nachricht auf seinem Handy.

„Was macht ihr hier?“, fragte Mara erstaunt.

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!“, Ivonne sah Mara eindringlich an, „Du weißt es noch nicht?“.

„Was soll ich nicht wissen?“, Mara verstand die Frage nicht.

Tommy stieg aus dem Wagen, „Ich habe ihm gerade geschrieben. Er ist so froh, dass Mara nichts passiert ist!“.

„Wer ist froh? Und was ist hier eigentlich los?“, Mara hatte keine Ahnung von was Tommy da sprach.

Ivonne kam auf sie zu und umarmte sie ganz fest, „Es ist etwas ganz Schlimmes passiert und wir dachten, du hättest auch dieses schreckliche Zeug genommen und …“, Ivonne brachte kein Wort mehr über ihre Lippen, sondern begann ganz bitterlich zu weinen.

„Es geht um Xynthia!“, Tommy sprach sehr leise. Er sah Mara so eigenartig an und ihr wurde ganz flau im Magen.

„Sie … Xynthia  ist tot!“, Ivonnes Worte klangen wie ein Hilfeschrei und sie schluchzte laut auf. Sie hatte sich an Mara geklammert, als wäre sie ihr Rettungsanker. Doch Mara riss diese Nachricht genauso in die Tiefe. Die Worte drangen zu ihr vor, jedoch schienen sie so unwirklich zu sein. Mara hatte Xynthia noch vor einigen Stunden gesehen. Sie war in ihrer Wohnung gewesen, sie waren gemeinsam zu der Party gegangen und jetzt soll sie tot sein! Mara war vollkommen geschockt, ihr wurde schlecht, sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen ins Wanken geriet und dann war es vollkommen schwarz um sie herum.

Maras Kopf fühlte sich an, als wäre sie gegen die Wand gelaufen, er dröhnte und schmerzte zugleich. Sie stöhnte leicht auf, als sie ihre Augen öffnete. Es war dunkel, sie lag in ihrem Bett. Sie wusste nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war. Hilfesuchend blickte sie sich um. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch funktionierte diese mal wieder nicht. Mara richtete sich leicht auf, erst da bemerkte sie die Person, welche gegenüber von ihr auf einem Stuhl saß. Mara sah die Umrisse einer Person, ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie schloss noch einmal ihre Augen und öffnete sie erneut.

„Tommy bist du das?“, ihre Stimme klang fürchterlich, es ähnelte eher einem Krächzen.

„Nein, Ivonne und Tommy sind vor zwei Stunden nach Hause gefahren. Ich habe gesagt, dass ich heute Nacht bei dir bleibe!“, er war aufgestanden und setzte sich zu Mara auf’s Bett. Es war die Feuerblume. Deshalb ging ihr Licht nicht.

Mara ließ sich zurück in ihr Kissen fallen, „Wie bin ich in mein Bett gekommen?“.

„Du bist umgekippt, Tommy hat dich gerade so aufgefangen. Ivonne und er haben dich anschließend ins Bett gebracht.“

Erst jetzt fiel Mara wieder ein, was passiert war, was Ivonne zu ihr gesagt hatte und sie spürte diesen Druck, welcher sich auf ihr Brustkorb legte, „Das mit Xynthia, das ist wahr? Ich meine, das stimmt, was Ivonne und Tommy gesagt haben?“, Mara suchte nach Worten, denn sie konnte das Wort – tot – nicht in den Mund nehmen, das alles erschien ihr so irreal. Besonders, weil sie gestern Abend noch mit Xynthia zusammen gewesen war.

„Ja es ist wahr!“, die Feuerblume setzte sich ganz nah zu Mara. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Mara weinte, ihre Tränen durchtränkten sein Shirt. Seine Hand streichelte ihr zur Beruhigung immer wieder über den Rücken. Sie konnte nichts anders, sie ließ die Tränen einfach laufen, all die Angst, ihre Panikattacken, ihre emotionales Zusammenbrüche und nun der Tod von Xynthia brachen aus ihr heraus. Es hatte sie vollkommen überrollt, sie konnte nicht mehr zurück, sie musste ihm die Wahrheit sagen.

Mara schob sich ein wenig von ihm weg, „Ich bin an Xynthias Tod Schuld!“.

„Du?“, sie hörte die entsetzte Tonlage in seiner Stimme.

„Ich habe mich nicht um sie gekümmert. Ich hätte nach ihr sehen sollen. Ich war so verdammt egoistisch und nun wirst du mich hassen für das, was ich getan habe!“, Maras Stimme schrie fast.

„Ich werde dich niemals hassen!“, er versuchte sie zu beruhigen und zog sie wieder in seine Arme, er wollte sie beschützen, er wollte, dass sie spürte, dass er für sie da war.

„Ich war bei Marco Sanders!“, sie sprach die Worte schnell, viel zu schnell, denn sie wollte es endlich loswerden. Sie spürte, wie er sich versteifte, wie seine Handbewegung plötzlich innehielt, wie er sich nicht mehr regte. Sie wartete darauf, dass er sie von sich stieß.

„Was hast du bei ihm gemacht?“, er fragte vorsichtig nach.

„Oh Gott, wie kann ich dir das erzählen, ohne dich zu verletzen. Ich … ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren und …“

Er nahm sie erneut in seine Arme, „Pssssst mein Engel, ganz ruhig. Ich liebe dich doch auch, mehr als du dir vorstellen kannst. Du wirst mich niemals verlieren, das schwöre ich dir!“.

„Das sagst du so einfach!“, erneut wurde Mara von einer Heulattacke erfasst, sie schluckte schwer, „Ich hatte Sex mit Marco Sanders!“ und dann wie aus heiterem Himmel wurde ihr bei den Worten kotzschlecht und sie schob sich von ihm weg und rannte im Dunkeln ins Badezimmer. Sie spürte, wie sie zu würgen anfing, instinktiv riss sie den Klodeckel nach oben und sie hatte sich gerade nach vorn gebeugt, als sie ins Klobecken erbrach. Mara hatte das Gefühl, als wollte alles aus ihr heraus, der Würgereiz nahm kein Ende. Irgendwann richtete sie sich auf und ging leicht benommen zum Waschbecken, sie spülte sich immer wieder ihren Mund aus. Als sie ihren Mund abgetrocknete, erkannte sie ihn, wie er am Türrahmen lehnte und sie wohl die ganze Zeit schweigend beobachtet hatte. Sie ging auf ihn zu, „Du bist enttäuscht, nicht wahr?“, Mara stellte sich ihm gegenüber, „Lass es mich wenigstens erklären!“

„Was gibt es da zu erklären Mara, du hattest Sex mit Marco Sanders!“, seine Stimme klang so enttäuscht.

„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich liebe dich, nur dich!“, Mara flehte ihn an, sie zu verstehen. Sie ging auf ihn zu, jedoch trat er einen Schritt zurück.

„Mara, ich rufe Ivonne an. Es ist besser, wenn sie heute Nacht kommt. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder zu dir kommen werde.“, er holte sein Handy aus der Tasche.

Mara schrie laut auf, „Unterstehe dich Ivonne anzurufen. Ich will sie nicht hier haben, hast du mich verstanden. Und wenn du mich nicht verstehen willst, oh Gott …“, sie brach erneut in Tränen aus, „Dann lass es einfach. Ich will mich nicht mehr erklären müssen, bei niemanden mehr. Geh!“, schrie sie, „Geh einfach und lass mich in Ruhe.“, sie sackte im Flur zusammen und biss sich auf ihre Hand, um nicht noch lauter schreien zu müssen. Sie hörte, wie die Tür ins Schloss knallte und sie wusste, sie hatte ihn für immer verloren.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 6

Das gestrige Date mit Tommy hatte Spuren hinterlassen. Natürlich hatte sie sich auf dieses Date gefreut. Schließlich waren einige Jahre vergangen, dass sie sich mit einem Mann getroffen hatte. Es lag ganz sicher nicht an ihrem gestörten Verhältnis zu Männern, wie es ihre Mutter ihr immer einreden wollte. Ihre Mutter war der Überzeugung, dass die frühe Scheidung ihrer Eltern in Mara einen bleibenden Schaden hinterlassen hatte. Oh ja, ihre Mutter konnte sich da ganz besonders nett ausdrücken! Mara hatte trotz der Scheidung ihrer Eltern ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Die anfänglichen Hürden waren mittlerweile überwunden und sie pflegte ein inniges und freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Vater, seiner neuen Partnerin und ihren zwei Kindern. Manchmal so war Mara überzeugt, brauchten Menschen zwei Anläufe um den richtigen Partner für’s Leben zu finden. Ausgenommen ihre Mutter, die brauchte weit mehr. Mara wusste nicht mehr wie viele es waren, aber sie wusste noch wie schmerzhaft die Beleidigungen der Mitschüler waren. Es sprach sich meistens schnell herum, wenn ihre Mutter einen neuen Mann traf. Ivonne war die Einzige die Mara verstand, denn sie hatte unter dem unmöglichen Verhalten ihres Bruders, Sebastian Moor, hart zu kämpfen gehabt. Niemand wusste wie es war, wenn der eigene Bruder der heißbegehrteste Junge an der Schule war und zu seiner Schwester der größte Kotzbrocken aller Zeiten. Aber Zeiten änderten sich, zumindest für Sebastian Moor, überlegte sich Mara.

Sie hatte ein Bad genommen und lag nun in ihrem Bett, um noch einige Seiten von ihrem neuen Roman zu lesen. Sie rutschte etwas tiefer in ihr Kopfkissen und gähnte laut. Mal schauen, nach wie vielen Seiten, wohl eher Sätzen oder doch lieber Worten sie das Buch wieder zuklappen würde.

Plötzlich ging das Licht in ihrem Zimmer aus. Mara schreckte auf und saß kerzengerade in ihrem Bett. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch tat sich gar nichts. Entweder war es ein Stromausfall oder ihre Lampe hatte soeben den Geist aufgegeben. Sie schlug die Bettdecke zurück und wollte gerade aufstehen, als sie diesen Schatten sah, der durch ihre Wohnung schlich. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, sie fühlte sich wie gelähmt. Sie musste etwas tun, aber nur was? Mara spürte die bleierne Angst, die ihren Körper erfasst hatte. Sie musste sich dagegen wehren! Mit einem Mal schrie sie ganz laut auf und das machte sie so unglaublich stark. Mit einem großen Satz sprang sie aus ihrem Bett, da sie bemerkt hatte, dass der Schatten auf ihre Zimmertür zulief. Mit voller Wucht knallte sie die Tür von innen zu. Sie hörte, wie die Person gegen die Tür stieß und laut aufschrie, „Autsch! Verdammt nochmal!“.

Ein Einbrecher, der schrie? Mara fasste all ihren Mut zusammen und öffnete vorsichtig die Tür von innen. Sie sah die Umrisse eines Mannes, der am Boden kniete und seine Hand gegen seine Nase presste.

„Wer sind Sie?“, sie ging auf ihn zu.

Er hob seine Hand nach oben, als wollte er ihr sagen, dass sie ihm nichts tun sollte, „Die Feuerblume!“.

Das haute Mara dann vollkommen von den Socken. Sie sank nach unten auf ihre Knie, „Habe ich Sie verletzt?“.

„Ich hoffe nicht. Bluten tue ich zumindest nicht!“

Mara stand wieder auf, „Wir müssen das Licht anmachen!“.

„Nein!“, seine Antwort war etwas zu forsch, so, dass Mara einen Schritt zurückwich.

„Es ist nicht wegen Ihnen, es geht um mich. Mir ist es wichtig, dass meine Identität geheim bleibt!“

„Weshalb sind sie dann überhaupt gekommen?“, Mara war etwas pikiert, natürlich interessierte es sie, wer sich hinter der Feuerblume verbarg.

„Tommy hat erzählt, dass Sie gestern Abend ziemlich sauer auf mich waren, weil ich ihn zu dem Date geschickt habe. Es tut mir leid. Ich hätte Sie von Anfang an in den Plan einweihen sollen, aber ich hatte Bedenken, wenn Sie zu viele Details gewusst hätten, dann würden Sie manche Situation mit anderen Augen sehen oder den Personen, die wir in diesem Fall beschattet hatten, zu viel Aufmerksamkeit schenken!“

Damit hatte er natürlich Recht. Mara wäre niemals so ahnungslos auf die Toilette gegangen und hätte Aileen Seibold dabei erwischt, wie sie ihrer Bekannten das Amphetamin gegeben hatte. Aileen Seibold und ihr Mann führten eine renommierte Anwaltskanzlei in dieser Stadt. Mara wusste nicht, was Menschen dazu trieb, dass sie zu derartigen Mitteln griffen. War es der Erfolgsdruck? Im Nachhinein wurde ihr natürlich bewusst, dass sie den gesamten Abend womöglich mit ihren Ohren am Nachbartisch gehangen wäre, aber so war es eben ein Date, bei dem sie ganz zufällig Beobachterin eines Drogenaustausches geworden war.

„Stimmt, Sie kennen mich wohl besser, als ich gedacht habe!“

Er lachte, „Natürlich kenne ich Sie Mara, ansonsten wären Sie nicht in meinem Team!“.

„Das ehrt mich sehr!“, sie verbeugte sich leicht, „Aber ich friere in meinem dünnen Shirt. Wenn ich schon kein Licht anmachen darf, dann möchte ich wenigstens in mein Bett!“, sie lief zurück zu ihrem Bett und kroch wieder unter ihre Bettdecke.

„Darf ich mich dazulegen?“, er war aufgestanden und folgte ihr.

„Wie bitte?“, Mara war etwas verstört und schrie leicht auf.

„War ein Scherz!“, er lachte und setzte sich auf das unterste Bettende, „Können wir du zueinander sagen?“.

Diese Frage überraschte Mara ein wenig, aber dagegen hatte sie ganz sicher nichts einzuwenden. „Natürlich, ich bin Mara!“

„Ich weiß!“, er lächelte bei seinen Worten. Mara konnte es zwar nicht sehen, aber sie hörte es.

„Jetzt musst du mir deinen Namen sagen!“, Mara fand, dass die Feuerblume ganz schön begriffsstutzig war.

„Du darfst mir gern einen Namen geben! Aber nicht Vollpfosten!“

Hatte Tommy mal wieder seine Klappe nicht halten können, das machte Mara richtig wütend, „Das tut mir leid, dass war gestern Abend, als ich so richtig sauer auf dich war!“.

Er lachte, „Ich kann mir vorstellen, wie sauer du auf mich gewesen sein musst!“.

„Ich habe mich extra nur für dich so richtig in Schale geworfen!“, Mara spielte mit ihm, denn er sollte wissen, dass er etwas verpasst hatte.

„Ich weiß, ich habe dich gesehen! Du hast fantastisch ausgesehen!“

Jetzt war Mara erneut verärgert, „Das ist jetzt echt nicht fair!“.

„Tut mir wirklich leid Mara. Wie kann ich es nur wieder gut machen?“

Mara schmollte, er hatte sie gesehen, sie aber durfte ihn nicht sehen, was für ein blödes Spiel war das hier? Sie ließ sich in ihr Kissen fallen und sagte nichts mehr.

„Mara?“, er war aufgestanden und kam näher zu ihr, „Darf ich mich setzen?“.

Das war jetzt sehr nah! Verdammt nah! Mara richtete sich auf und keine zehn Zentimeter trennte beide voneinander.

„Ich weiß, dass du mich gestern auf den Mond schießen konntest und auch jetzt, weil du mich nicht sehen darfst! Deshalb möchte ich dir ein Angebot machen, du darfst mich berühren, also ertasten. Klingt das nicht ein wenig verlockend?“

Oh ja, das tat es! Seine Worte entfachten ein gewaltiges Feuer in Mara. Jeder Zentimeter ihres Körpers schien zu brennen. „Wo überall?“, krächzte sie.

„Wo du möchtest!“, raunte er ihr zu, sein Kopf neigte sich ein wenig nach vorn. Er kam ihr so gefährlich nah. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Maras Hand schreckte bei ihrer Berührung sofort zurück. Ganz deutlich hatte sie es gespürt.

„Du willst nicht mehr?“, seine Stimme war besorgt und traurig zugleich, so, als hätte er sie in diesem Moment für immer verloren.

Mara schluckte schwer. Was sollte sie nur tun? Sie hatte ihn sofort erkannt, aber er schien noch immer der Auffassung zu sein, dass sie nicht wusste wer er war. Erschwerend kam noch hinzu, dass sie ihn hassen müsste. Oh ja, sie hatte diesen Mann mehr als einmal verwünscht und ihn verflucht. Andererseits hatte er sich verändert. Seit zwei Jahre arbeitete sie für ihn. Die Feuerblume hatte einen anderen Menschen aus ihm gemacht!

Erneut legte sie ihre Hand auf seine Wange. Sie spürte, wie er wieder zu Lächeln begann. Ein winziger Schauer der Erregung lief über ihren Rücken. Ihre Hand glitt hinab zu seinem Kinn hinab. Kleine Bartstoppeln piksten in Maras Handfläche. Ihr Zeigefinger strich sanft über seine Lippen. Er lächelte noch immer, sie konnte es ganz genau spüren. Noch nie hatte sie einen Mann in vollkommener Dunkelheit berührt. Es war eine besonders schöne und außergewöhnliche Erfahrung, die Mara immer mehr genoss.

Ihre Finger wanderte nach oben, hatten seine Nasenspitze erreicht. „Autsch!“.

Mara stoppte, „Und wenn ich dich doch verletzt habe?“, ihre Worte waren so leise.

„Hast du nicht!“, er rutschte noch etwas näher an sie heran und schob sein Fußgelenk unter das andere Knie, um etwas bequemer zu sitzen.

Ganz behutsam fuhr ihr Finger über seine Nase. Sie war lang, aber nicht zu lang, dachte sich Mara. Also es war keine Stupsnase oder eine breite Nase, nein, er hatte ein schmale Nase. Sie kannte seine Nase, aber so hatte sie ihn schließlich noch nie betrachtet. Sie seufzte leise auf.

„Wenn ich dich jetzt schon zum Seufzen bringe, was tust du erst, wenn ich dich küsse?“, sagte er ganz leise zu Mara.

„Sterben?“ Er lachte. Oh Schitt, hatte Mara dieses Wort tatsächlich ausgesprochen? Dabei wollte sie es doch nur denken!

Dieser Mann machte sie ganz wahnsinnig! „Schließe deine Augen!“, flüsterte sie ihm zu. Ihr Finger fuhr ganz sanft am Wimpernrand entlang. Er hatte für einen Mann ziemlich lange Wimpern. „Welche Augenfarbe hast du?“, Mara kannte seine Augenfarbe, aber mittlerweile gefiel ihr diese Spiel der Ahnungslosen.

„Welche hättest du denn gern?“

„Blau!“, Mara hätte sich ohrfeigen können, sie antwortete viel zu unüberlegt.

„Was machst du, wenn ich keine blauen Augen habe?“

Mara überlegte diesmal etwas länger, „Ich würde dich trotzdem küssen!“.

„Du darfst mich küssen und noch einen extra Kuss, weil ich blaue Augen habe!“, sie fühlte wie er über das ganze Gesicht grinste.

Seine Hand schob sich in ihren Nacken. Ganz langsam zog er sie immer näher und näher. Mara hätte wetten können, es war im Zeitlupentempo und er machte es mit voller Absicht. Ihr Herz raste, ihr Atem ging immer schneller. Sie nahm seinen Atem auf ihrer Haut wahr. Seine Lippen berührten zuerst ihre Nasenspitze, er wollte sie necken, sie lächelte. Er spielte mit ihr. Mara hielt es nicht länger aus, sie rutschte ganz nah an ihn heran und ihre Lippen trafen auf sein. Es war eher ein Aufeinanderprallen, aber er wusste mit dieser Situation umzugehen. Seine Lippen lösten sich, um erneut auf ihre zu treffen. Immer wieder saugte sich sein Mund ganz zärtlich auf ihren. Es fühlte sich so perfekt an, so einzigartig. Ihre Hände glitten von seinem Gesicht zu seinem Hals auf seine Brust hinab. Sie spürte unter seiner Jacke wie durchtrainiert er war.

Seine Hände ruhten nun auch nicht mehr. Er streichelte ihren Hals, strich mit seinen Fingern voller Gefühl über ihre Arme. Seine Hände schoben sich unter ihr Shirt. Sie fühlte sich so herrlich warm an. Ihre Haut war unglaublich weich. Er konnte nicht genug von ihr bekommen, er musste sich unbedingt zurückhalten. Doch Mara schien das Gleiche zu wollen. Ihre Hände legten sich um seine Handgelenke, sie führte sie geradewegs zu ihrem viel zu verlockenden Busen. Ihre harten Brustwarzen drückten sich gegen seine Handflächen. Er stöhnte leicht auf, denn der Gedanke, was er mit ihnen alles machen würde, machten ihn rasend. Er wollte nicht nur dieses eine Mal, er wollte sie noch viel öfters besuchen und irgendwann, wenn die Zeit passte, dann würde er wollen, dass sie ihn auch sehen durfte. Er zog sich leicht zurück.

Mara bemerkte seine Reaktion, „Habe ich etwas falsch gemacht?“.

„Nein hast du nicht. Es war wunderschön. Gib dir bitte keine Schuld! Ich möchte dich gern wieder besuchen, aber momentan geht es nur in der Dunkelheit!“

Mara war es egal, wann er sie besuchte, es war ihr nur wichtig, dass er sie besuchte. Sie rang nach Worten, „Du kommst wieder?“.

„Natürlich. Welcher Mann kann dir schon widerstehen?“

Alle, schoss es Mara durch den Kopf. Er stand auf, beugte sich noch einmal zu ihr hinunter und gab ihr einen letzten Kuss.

Mara beobachte, wie er in der Dunkelheit zur Tür ging. „Mara, egal was passiert, ich beschütze dich. Ich bin immer für dich da!“

„Auch wenn du nicht da bist?“, Mara lächelte ein wenig.

„Auch wenn ich nicht da bin!“, sagte er und dann war er weg.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 4

Wir begeben uns zehn Jahre zurück. Alexander Kilian gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Interforce Consulting. Gründer dieser Firma sind Benjamin Steinhold und Oliver Brecht. Wenn wir uns weitere sechs Jahre zurückbegeben, fügen wir eine weitere Person hinzu – Sebastian Moor. Alle drei kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit und waren stets eng miteinander befreundet gewesen. Ganz gewiss hatten die drei Jungs eine überschäumende Fantasie und sie schmiedeten gemeinsame Pläne ihre Stadt zu verändern. Benjamin Steinhold war das Zahlengenie. Er war wie sein Vater der geborene Kaufmann. Alle Geschäfte, welche er bisher bei Interforce Consulting getätigt hatte fuhren beträchtliche Gewinne ein. Oliver Brecht war der Computernerd. Er hatte bereits mit dreizehn alle Passwörter des Computersystems der Schule geknackt. Und Sebastian Moor war die Überzeugungskraft in die Wiege gelegt worden. Er hatte das Talent Menschen mit seinen Visionen zu begeistern, Menschen für seine Vorhaben zu gewinnen. Jedoch gab es nur zwei Gründer bei Interforce Consulting. Sebastian Moor ließ sich gerne inspirieren und hatte sich letztendlich gegen das Projekt seiner Freunde entschieden. Es gab weit größere Pläne, die vor ihm lagen – das Industriegebiet Sanders & Moor. Marco Sanders war der Sohn des damaligen Bürgermeisters, er hatte schnell erkannt welche Begabungen in Sebastian Moor steckten. Hier trennten sich die Wege der drei ehemals besten Freunde.

Alexander Kilian war in der Forschungsabteilung von Interforce Consulting tätig. Interforce Consulting gehörte zu den führenden Anbietern der Kosmetikbranche. Ihr meistverkauftes Produkt war ein Serum, welches der Zellerneuerung diente. Alexander Kilian war ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, bislang hatte er nie Fragen zu Veränderungen oder Neuerungen gestellt. Jedoch zweifelte er an den neuen Wirkstoff, den Benjamin Steinhold bei seiner letzten Teambesprechnung erwähnte. Er recherchierte nach diesem Derotrexin, welches Benjamin Steinhold als die Neuentdeckung auf dem Markt angepriesen hat. Dieser Wirkstoff würde die Zellerneuerung um bis zu fünfzig Prozent beschleunigen. Wenn Interforce Consulting diesen Wirkstoff ihrem bisherigen Serum hinzufügen würde, dann würden die Verkaufszahlen des neuen Serums in die Höhe schießen. Alexander Kilian konnte jedoch keinerlei Daten oder Zusammensetzungen darüber finden. Zwei Wochen später wurde dieses Derotrexin in einer großen Menge angeliefert. Es war ein hellbraunes Pulver, welches in winzigen Tütchen verpackt war. Alexander Kilian wollte das Pulver sogleich in seinem Labor untersuchen und hatte ganz ausversehen eines der Tütchen in seinem Laborkittel verschwinden lassen. Zwei Tage später war er tot und das gesamte Derotrexin war wie vom Erdboden verschluckt. Nun lag die ganze Hoffnung in der Akte, welche Mara Sommer aus dem Safe von Dr. Barner entwendet hatte. An diesem Abend gab es noch jede Menge Pizzen von Pizza Carlo auf dem Polizeirevier. Und irgendwie, auf ganz mysteriöse Weise ist die Akte von Alexander Kilian auf dem Schreibtisch des Dienststellenleiters gelandet.

Eine Woche später stand es in den Zeitungen:

Die Firma Interforce Consulting muss sich für den Tod an Alexander Kilian verantworten! Die Polizei geht neuen Hinweisen nach. Aus ermittlungstechnischen Gründen können keine weiteren Angaben gemacht werden!

Es hätte nicht besser laufen können für Mara, glücklich und mehr als zufrieden blätterte sie die Zeitung wieder zu und legte sie auf den großen Stapel alter Zeitungen.

Bevor Mara zu Plan B übergehen konnte, musste im Vorfeld noch einiges getan werden. Sie brauchte mehrere Tage, um herauszufinden, wo sich diese Akte genau befand. Anschließend hackte sie sich in die Überwachungskameras der Firma Interforce Consulting und beobachtete diesen Dr. Barner und seine Assistentin. Sie ging noch einen Stück weiter und folgte den Beiden in der Mittagspause. Nach drei Tagen hatte sie herausgefunden, dass sie immer zu selben Zeit, das selbe Restaurant aufsuchten. Abwechslung stand wohl nicht so hoch im Kurs bei Dr. Barner und Frau Mittelstedt. Aber ihr sollte es Recht sein, denn so konnte sie diese eine Stunde nutzen, um die Akte aus dem Safe im achtundfünfzigsten Stock zu holen. Ein Tag vor der Umsetzung ihres Plan B’s stellte sie sich mit einer riesigen Menge an Flyern von Pizza Carlo vor das Bürogebäude von Interforce Consulting. Sie verteilte an jede Person, welche das Gebäude verließ, einen Flyer. Sie hatte nicht mit so einer großen Menge Pizzen gerechnet, die bei Pizza Carlo bestellt worden waren. Am Ende des Tages verzeichnete Carlo achtundachtzig Pizzen, die von den Mitarbeitern von Interforce Consulting bestellt worden waren. Ihr Plan war aufgegangen und das machte Mara noch weit glücklicher. Sie hatte Carlo neue Kundschaft verschafft und sie hatte gleichzeitig Zutritt zum Bürogebäude von Interforce Consulting gehabt. Was wollte sie mehr und am Ende hatte sie sogar die Akte von Alexander Kilian in der Hand. Tommy hatte am Abend zu ihr gesagt, er wusste schon immer, dass er sich zu hundert Prozent auf Mara verlassen kon

nte.

Mara war glücklich und das war etwas ganz Besonderes, denn sie hatte die letzten Jahre das Glück mehr gesucht, als gepachtet. Es wurmte sie noch immer, als sie Jessica Baier gegenüberstand. Aber sie wusste schon immer, dass sie eine blöde Kuh war und dass sie sich wohl niemals ändern würde. Zu gern hätte sie gewusst mit wem sie zusammen war. Tommy wusste es, aber wollte es ihr nicht verraten. Irgendwann würde es Mara schon herausbekommen. Und zum Thema Versagerin, oh ja Mara war tatsächlich eine Versagerin, aber es störte sie kaum noch. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da ist sie an dieser Vorstellung zugrunde gegangen, aber mittlerweile hatte sie sich mit dem Zustand ‚Mara Sommer die Versagerin‘ abgefunden. Wenn sie tatsächlich so eine Niete war, wie es Jessica Baier behauptete, wieso war sie dann Teil der Feuerblume und hatte bereits ihren vierten Fall mit Erfolg gelöst. Es war ein geheimes Abkommen, über welches sie niemals reden durfte, das hatte sie Tommy hoch und heilig versprochen. Aber manchmal wurmte es sie gewaltig, dass sie den anderen da draußen nicht auch zeigen durfte, dass etwas in ihr steckte. Mara sollte tatsächlich mehr nach vorn schauen, als immer nur zurück, dann würde das mit ihren Träumen auch weit besser funktionieren!

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