Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 11

Mara spürte den kalten Fahrtwind, welcher ihr das Gefühl von Freiheit gab. Ihre Arme lagen noch immer fest um seinen Hüften. Sie vertraute ihm vollkommen und begab sich mit ihm auf ihre Reise zu sich selbst. Er war ein sehr guter Motorradfahrer. Sie fuhren seit einer Stunde. Mara war noch nie so weit aufs Land gefahren. Ihre Eltern liebten die Stadt und hatten es immer gemieden das umliegende Land ihren Kindern zu zeigen. Mara staunte über die vielen kleinen Dörfer und Gehöfte an denen sie vorüberfuhren. Jede Menge Wälder, Wiesen und Felder zogen an ihnen vorüber. Sie sah einen gewaltigen Berg, welcher sich vor ihnen auftat. Die Spitze des Berges war von einer Wolkenschicht verhangen. Mara staunte nicht schlecht, als sie am Fuße des Berges einen riesigen, glasklaren See erkannte. Einige Autos standen bereits auf dem Parkplatz, auf welchen er jetzt auch fuhr.

Mara lief neben ihm her. Er war so groß und sie wirkte neben ihm so klein und zierlich.

„Dort oben ist eine kleine Hütte, da bekommen wir bestimmt etwas Gutes zu Essen. Warst du da schon einmal?“, er zeigte auf einen winzigen Punkt in der Mitte des Berges.

Mara war erstaunt, wie gut er sich hier auskannte, „Nein, aber woher kennst du diese Hütte?“.

Er lachte, „Wenn man sechshundertdreißig Jahre alt ist, dann kennt man sehr vieles!“ und er zwinkerte Mara zu. Er half ihr den schmalen Weg des Berges zu besteigen. Mara hatte natürlich nicht die geeigneten Schuhe an, das hatte er nicht mit einkalkuliert. Aber er war sehr fürsorglich und reichte ihr immer wieder seine Hand, damit sie einen besseren Halt beim Gehen hatte.

Sie hatten einen Tisch am Fenster bekommen und somit einen fantastischen Ausblick hinunter ins Tal. Mara hätte zu gern ihrem Bruder diesen Moment gegönnt und sie spürte wieder einmal, wie sehr sie ihre Eltern für ihre egoistische Denkweise doch hasste. Sie hatten immer nur an sich gedacht und ihre Kinder vollkommen vergessen. Ihr kleiner Bruder war Teil ihres Lebens und sie nahm sich ganz fest vor, ihn diesen Moment auch einmal zu schenken.

„Hast du ein Handy?“, sie sah ihn fragend an.

„Nein! Ist mir zu anstrengend! Außerdem weiß ich doch nicht, was mein nächster Boss aus mir macht!“, er lachte laut auf und Mara grinste verlegen.

„Ist dir das zu viel. Ich meine so, wie du jetzt bist?“, Mara sah ihn verlegen an.

„Mache dir mal keine Sorgen um mich Kleines. Mir geht es fantastisch. Ich mache mir mehr Sorgen um dich!“, er sah sie eindringlich an.

„Mir geht es bestens!“, versicherte ihm Mara.

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Kaffee und zwei Stückchen Himbeersahnetorte.

„Vielen Dank, sieht fantastisch aus!“, Mara entging nicht, dass er mit jeden weiblichen Wesen flirtete. So, wie er aussah, war das schließlich ein Kinderspiel, die Frauen lagen ihm ja quasi zu Füßen. Im Grunde war Mara sogar froh, denn wer hatte schon so einen überaus attraktiven Gefährten an seiner Seite. Mara beobachtete ihn, als er einen Schluck Kaffee trank. Seine Augen waren geschlossen und er genoss diesen Moment so sehr. Für Mara war ein Schluck Kaffee etwas ganz Normales. Er hatte sechshundertdreißig Jahre alles sein können und deshalb war ein Schluck Kaffee seine momentane geschmackliche Explosion, die er auf sich wirken ließ.

Er öffnete seine Augen und bemerkte, wie Mara ihn beobachtet hatte und grinste verlegen, „War das erste Mal für mich! Also ganz sicher habe ich irgendwann schon einmal Kaffee getrunken, aber mein Gehirn kann schließlich nicht alle Erinnerungen so haargenau abspeichern!“.

Nun musste auch sie grinsen, „Du bist so genial!“.

„Ist das ein Kompliment?“, er kannte sich in ihrer Sprache noch nicht so gut aus und das fand Mara noch weit lustiger.

„Ja, würde ich schon sagen!“ und sie lächelte ihn glücklich an.

„Hast du dir das Buch angeschaut?“, er sprach nun sehr leise zu ihr, denn dieses Geheimnis sollte ein Geheimnis bleiben.

„Ja habe ich!“, flüstere Mara zurück …

… Mara hatte seine Hand gespürt, wie er sie ganz fest hielt und dann war sie mit ihm gemeinsam gesprungen, im freien Fall vom Lagerdach. Sie schrie aus Leibeskräften, es gab keinerlei Sicherheit für sie, kein Seil oder ähnliches. Sie schrie und schrie und spürte, wie sie immer tiefer und tiefer fiel. Weit entfernt hörte sie eine männliche Stimme, sie sang ‚Yello Submarine‘ von den Beatles. Wie konnte er singen, wenn sie vierzig Meter tief fielen. Hatte er noch alle Latten am Zaun. Mara wurde wütend und öffnete ihre Augen. Sie fiel gar nicht, sie stand auf der Erde und er saß auf dem Gehsteig neben ihr und sang lauthals dieses Lied. Mara war so wütend, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte.

„Das kannst du vergessen Kleines!“, er war aufgestanden und grinste sie an.

„Was?“, sie funkelte ihn böse an.

„Das du mich erwürgst!“, er lief voraus, ohne sie weiter zu beachten.

Sie rannte hinter ihm her und schrie aus Leibeskräfte, wie bekloppt er doch wäre und was für ein Arsch und vollkommen durchgeknallt und dass er der größte Idiot aller Zeiten war. Im Grunde war sie mehr wütend auf sich selbst, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und sie hatte etwas geschafft, was sie niemals für möglich gehalten hatte. Sie war gesprungen, sie hatte ihm zu hundert Prozent vertraut. Obwohl sie das niemals ohne ihn gemachte hätte, dann wäre sie zu hundert Prozent tot gewesen. Aber mit ihm war alles anders, sie nannte es Magie oder wie er – Illusion. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, aber es funktionierte und damit musste sie sich vorerst abfinden.

Er hatte sie nach Hause gebracht. Dort hatte sie tatsächlich in ihrem Briefkasten das Buch gefunden. Nun endlich lag es in ihren Händen. Der dunkelbraune Ledereinband war sehr stark abgegriffen. Mara hatte keine Ahnung, wie viele Hände es bereits berührt hatten. Sie öffnete ganz vorsichtig das Buch. Auf der ersten Seite erkannte sie eine Blume. Sie war wunderschön! Sie war gezeichnet und mit roter Farbe getränkt. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, so, als würde sie sich bewegen. Maras Finger strichen ganz sanft darüber und sie konnte jedes einzelne Blütenblatt spüren. Es war so ein irres Gefühl, einerseits war es eine Zeichnung und doch fühlte sich diese Blume vollkommen echt unter ihren Fingern an. Mara blätterte weiter. Es sah aus wie eine Widmung, handgeschrieben, doch Mara konnte diese Schrift nicht lesen. Auf den folgenden Seiten sah sie eine so akkurate und saubere Handschrift mit schwarzer Tinte geschrieben, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Die Buchstaben waren Zeichen, längliche Zeichen, immer wieder waren zwischen diesen unterschiedlich langen geschwungenen Linien, wie sie Mara beschreiben würde, Punkte und kleine Querstriche gesetzt. Mara hätte zu gern gewusst, was diese Worte wohl heißen würden. Viel weiter hinten entdeckte sie immer wieder diese eigenartigen Zeichen, die ihr Gefährte auch auf der Brust und am Hals als Tätowierung trug. Sie blätterte weiter und dann sah sie ganz viele Zeichnungen. Es waren Gesichter von Menschen. Mara blickte sich die Gesichter genau an. Eine Frau mit einem riesigen Hut. Sie wirkte so vornehm und dennoch war ihr Lächeln eiskalt. Da war dieser Mann mit dem geschwungenen Schnurbart, er hatte einen Zylinder auf seinem Kopf und eine Zigarre im Mund. Auf der folgenden Seite erkannte sie ein junges Mädchen kaum sechszehn, sie hatte glattes, langes Haar, ihre Augen wirkten so unfassbar traurig und ihr Mund war so dermaßen zusammengepresst, als wollte sie verhindern, dass ein Wort durch ihre Lippen drang. Darunter war ein Mönch. Seine Kutte verriet ihn, sowie seine leicht gebückte Haltung und seine gefalteten Hände. Eine Frau, die ein Kopftuch trug, ihr Gesicht war von Falten gezeichnet, aber ihr gutmütiges und sanftes Lächeln ließ erkennen, dass sie wohl eine liebenswerte Person gewesen sein musste. Ein kleiner Junge, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war. Seine Ohren standen so sehr von seinem Kopf ab, dass Mara grinsen musste. Er hatte diesen neugierigen Blick, den sie von ihrem Bruder kannte. Mara blätterte immer weiter und weiter. Es waren bestimmt über hundert Gesichter. Und dann kamen nur noch leere Seiten, was sie ganz und gar nicht verstand. Sie schlug die letzte Seite von den gemalten Gesichtern auf und erkannte ihn sofort. Sie schluckte schwer, denn sie hatte es verstanden. In diesem Buch waren die Personen gezeichnet, die der Feuerblume auf irgendeine Weise sehr nahe gestanden haben. Ihre Finger strichen über sein Gesicht. Sie vermisste ihn, sehr sogar. Sie liebte ihn noch immer und sie wusste nicht, wie lange dieses schmerzhafte Gefühl in ihr anhalten würde…

„Und was sagst du zu dem Buch?“, er betrachtete das Stück Torte vor sich, als wäre es ein Kunstwerk.

„Das kannst du essen!“, Mara zeigte auf seine Himbeersahnetorte und zwinkerte ihm zu.

„Wäre zu schade, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen! Vielleicht schon, aber sicher kann man sich ja nie sein!“, sagte er, als er noch immer das Stück Torte betrachtete und den Teller hin und her drehte.

„Dann musst du die Torte jetzt unbedingt probieren!“, Mara hatte ihr erstes Stück bereits in den Mund geschoben und wusste, wie lecker dieser Kuchen war. Die süßsauren Himbeeren, die sich mit dem cremigen Vanillegeschmack vereinten, das war Genuss pur. Sie beobachtete ihn und musste bei seinem Blick leicht auflachen. Schade, dass sie kein Handy mehr hatte, zu gern hätte sie diesen Moment festgehalten und ihm das Foto gezeigt.

Seine Lippen verzogen sich im ersten Moment, da er die fruchtige Säure zuerst auf seiner Zunge spürte, aber dann legte sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen, gefolgt von einem ich will mehr davon Blick. Mara schob ihm ihr Stück Torte zu, „Falls du noch mehr haben möchtest!“.

„Aber du?“, doch er war viel zu sehr damit beschäftigt diese Torte zu essen und alles, was ihn ihm passierte, vollkommen auszukosten.

„Also, das Buch ist der Hammer. Ich habe noch nie so eine außergewöhnliche Handschrift gesehen. Leider konnte ich die Schrift nicht entziffern. Die Gesichter habe ich damit in Verbindung gebracht, dass diese Menschen Teil der Feuerblume gewesen sein mussten, so wie ich. Also nehme ich mal an, dass ich dann auch irgendwann mal darin erscheinen werde!“, ihre Worte waren mehr ein Flüstern.

„Gut kombiniert Kleines!“, er zwinkerte ihr zu, „Das mit der Schrift kriegst du auch noch raus. Es gab nicht viele, die hinter das Geheimnis gestiegen sind, aber es gab welche!“ und er grinste sie aufmunternd an.

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht die Einzige bin, die etwas länger dazu braucht.“, Mara trank ihren Kaffee und sah, wie die Sonne und Wolken ein wundervolles Schattenspiel im Tal verursachten, „Sieh dir das an!“, sie zeigte aus dem Fenster.

Er blickte hinaus und ihm entging diese einzigartige Schönheit auch nicht, der See, welcher auf der einen Seite in das Sonnenlicht getaucht war und dadurch die Wasseroberfläche ins Funkeln und Glitzern geriet und die andere Seite mit Wolken überzogen war, so dass er tief und unergründlich wirkte. Er war froh, dass Mara sein neuer Boss war. Er hatte schon weit schlimmere gehabt. Sie war eine wunderschöne Frau, die ihm zu traurig, zu nachdenklich, zu verschlossen vorkam. Sie war jung, sie sollte ihr Leben genießen, sie sollte genau wie er diese Momente auskosten. Das hatte er immer getan, egal für wen er gearbeitet hatte. Es war nicht immer einfach die Menschen zu verstehen. Manche von ihnen wollten ihm Schmerzen zufügen oder wünschten ihm sogar den Tod, weil sie nicht verstanden, was das Geheimnis der Feuerblume tatsächlich bedeutete. Aber Mara, sie war ein ganz besonderer Mensch, den er vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen hatte. Er wusste, dass sie zu weit mehr fähig war, als sie sich momentan zustand. Sie würde die Feuerblume verändern, das wusste er, sie würde ihre wahre Schönheit wieder zum Vorschein bringen. Das hatte ihm sein Meister prophezeit und deshalb war sie ihm so wichtig!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Épisode 5

Sie brauchen ein Date! Heute Abend um 18.00 Uhr im Ricardos.

Mara hielt die Nachricht von der Feuerblume in ihrer Hand und war vollkommen durcheinander. Ein Date mit ihm! Natürlich wusste sie nicht, ob er ein er war. Aber Tommy hatte sich einmal verplappert und da war sie sich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass die Feuerblume ein Mann sein musste, auch wenn Tommy es seitdem vehement abstreitet. Zwei Jahre kannte sie bereits die Feuerblume und hatte noch nie näheren Kontakt zu ihm gehabt.

Mara musste sofort ihren Kleiderschrank checken, schließlich musste sie gut aussehen, nein, sie musste umwerfend aussehen. Geschlagene zwei Stunden hatte sie gebraucht, bis sie mit sich zufrieden war. Sie wusste, dass das ‚Ricardos‘ eines der teuersten Restaurants der Stadt war. Dort einen Platz zu bekommen war mehr als schwierig. Entweder man kannte dort jemanden oder man gehörte zur Elite der Stadt. Mara hatte weder Beziehungen zu den Angestellten des Restaurants, noch war sie reich.

Sie blickte auf ihre Uhr. Sie hatte noch genügend Zeit, um vor ihm im Restaurant zu sein. Da sie nicht wusste, wie dieser Abend ausgehen würde, also wenn die Frage kam – Zu dir oder zu mir? – da rief sie sich dann doch lieber ein Taxi. Zehn Minuten vor achtzehn Uhr betrat sie das ‚Ricardos‘. Nun spürte sie, wie nervös sie eigentlich war. Die ganze Zeit war sie damit beschäftigt gewesen ihren Kleiderschrank zu durchsuchen, zu duschen, ihre Haare zu stylen, sich zu schminken und sich letztlich in ihr spektakuläres Kleid zu zwängen.

Die Dame am Empfang sah sie freundlich an. „Ich habe um achtzehn Uhr eine Verabredung!“ Sie schaute in ihr Buch, „Frau Sommer?“ und nannte oder fragte vielmehr nach ihren Namen.

„Ja, das bin ich, Mara Sommer!“, Mara war total aufgeregt. Sie konnte kaum ruhig stehen. Ihre Finger öffneten und schlossen schon während der Taxifahrt ständig ihre Clutch.

„Kommen Sie bitte mit. Ihre Verabredung ist noch nicht da. Ich hoffe, das stört sie nicht?“ Sie brachte Mara an einen Tisch für zwei Personen. Mara überlegte, auf welche Seite sie sich lieber hinsetzen sollte. Im Rücken zu den Leuten und sich nur auf ihn konzentrieren oder doch eher in den Raum blickend. Die Dame vom Empfang hatte bereits einen Stuhl nach hinten geschoben und so Maras Überlegungen ein schnelles Ende gesetzt, mit dem Rücken zu den Leuten. „Darf ich Ihnen schon etwas zu Trinken bringen?“

Mara überlegte einen kurzen Moment, „Ich warte lieber auf meine Begleitung!“ Die Dame vom Empfang nickte ihr zu und entfernte sich wieder.

Mara hätte schon gern etwas Stärkeres bestellt, damit sie ihre Angst oder doch eher ihre Aufregung wegtrinken konnte. Aber sie wollte sich bei ihrem ersten Date ganz sicher nicht blamieren. Das Restaurant füllte sich nach und nach. Direkt neben Mara setzten sich zwei Pärchen. Sie schienen eng befreundet zu sein. Die Männer redeten über ihren Arbeitstag, die Frauen über ihren momentanen Erschöpfungszustand. Man, man, man, dachte sich Mara, die Frauen hatten vielleicht Probleme. Sie war schließlich alles andere als erschöpft, sie hatte Adrenalin pur in sich, so sehr machte sie sich vor Angst in die Hose.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin!“

Mara blickte sich um, eigentlich hätte sie sich nicht einmal umblicken müssen, denn die Stimme kam ihr mehr als bekannt vor. Es war Tommy!

Mara wollte schon aufspringen, da legte er ihr seine Hand auf die Schultern, „Alles ist gut. Es ist ein Auftrag Mara!“.

Ein Auftrag! Mara schossen hunderte von Schimpfwörter durch den Kopf. Sie war wütend! Sie war fassungslos! Sie war entsetzt! Ein Auftrag! Und sie hatte stundenlang gebraucht, um sich zurechtzumachen. Hätte sie gewusst, dass es ein Auftrag ist, wäre sie in Jogginghose gekommen.

„Mara bleib bitte ruhig!“, Tommy sah es Mara an, sie war kurz vorm Explodieren.

„Was darf ich Ihnen zu Trinken bringen?“, die Kellnerin war an ihren Tisch getreten.

„Einen Whisky!“, Maras Entschluss stand fest.

„Wir haben verschiedene Whiskysorten!“, die Kellnerin wollte ihr gerade alle Whiskysorten des Hauses aufzählen.

„Egal, Hauptsache stark!“, Mara schnitt ihr das Wort ab.

„Für mich ein Pils bitte!“, sagte Tommy, „Und für die Dame ein eher nicht so starken Whisky!“, fügte er hinzu.

„Das habe ich gehört Tommy!“, Mara sah ihn böse an.

Die Kellnerin entfernte sich von ihrem Tisch. Neben den beiden ging es bereits hoch her. Es wurde laut gelacht und die Witze, die die Herren erzählten, waren nicht für die Ohren der anwesenden Gäste geeignet.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?“, Mara hätte heulen können.

„Ich musste es ihm hoch und heilig versprechen.“, Tommy beugte sich ein wenig nach vorn und begann zu flüstern, „Der Tisch neben uns, das sind die Personen, die wir beobachten sollen. Falls wir etwas Auffälliges bemerken, sollen wir ihm Bescheid geben, damit die Polizei rechtzeitig informiert wird!“.

„Bescheid!“, sagte Mara trotzig.

„Ach Mara jetzt sei doch nicht sauer!“, Tommy sah sie an und versucht sie zu beruhigen.

Doch Mara ließ ihm keinerlei Chance dazu, „Du kannst dieser dämlichen Feuerblume Bescheid geben, dass sie mir mal kreuzweise den Buckel runterrutschen kann oder noch besser am Arsch vorbei geht.“, wütend sprang Mara auf, „Wo ist hier das Klo?“.

Die Kellnerin stand direkt hinter ihr, „Die Toiletten befinden sich dort drüben, Treppe hinunter, erste Tür rechts!“.

Mara war zu wütend, um sich bei ihr zu bedanken. Sie stampfte davon. Im Klo schloss sie sich ein und wusste nicht, ob sie heulen sollte, dann war aber ihr schönes Make up vollkommen ruiniert. Nicht mal das konnte sie in diesem Laden! Sie musste perfekt aussehen, für ein perfektes Date, mit einem perfekten Mann. Sie könnte kotzen. Ein Auftrag! Was hätte es auch anderes sein sollen, als ein Auftrag.

Im Klo, dass heißt, direkt vor ihrem Klo wurde es ziemlich laut. Ein Gekicher und Gegacker. Mara hielt sich die Ohren zu, damit sie wenigstens ihr kleines Geschäft in Ruhe verrichten konnte. Nachdem sie ihr enges Kleid versucht hatte halbwegs wieder glatt nach unten zu ziehen verließ sie die Toilette. Draußen standen die zwei Frauen vom Nachbartisch. Sie hatten Mara gar nicht bemerkt.

Eine der Damen hielt eine Tüte mit roten Tabletten in ihrer Hand, „Nimm, die werden dir gut tun!“. Sie hielt der Frau die Tüte hin, als wären es Schokobonbons. Mara traute ihren Augen kaum. Sie nahm eine Tablette. „Musst zwei nehmen, da ist die Wirkung noch explosiver!“, tatsächlich sie griff noch einmal zu.

Mara ging einen Schritt zurück, schob leise die Tür wieder von innen zu. Erneut drückte sie auf die Toilettenspülung. Laut hustend trat sie aus der Toilette. Nun endlich hatten die Frauen Mara bemerkt. Die Frau mit den Tabletten in der Hand, schob diese unbemerkt, naja alles andere als unbemerkt in ihre Handtasche zurück. Die andere Frau, die soeben noch unter dem Wasserhahn gehangen war, hob blitzartig ihren Kopf und erkundigte sich nach ihrer Frisur.

„Sieht gut aus!“, sagte Mara zu ihr.

„Meinen Sie wirklich?“, sie prüfte erneut, ob alle Strähnen ihres Bobs richtig lagen.

„Die Haare liegen perfekt!“, Mara hatte sich neben die Frau gestellt und wusch ihre Hände. Bevor sie zur Tür ging, drehte sie sich noch einmal um, „Schönen Abend wünsche ich Ihnen!“. Sie öffnete die Tür und hörte noch, „Das ist eine sehr nette Person!“.

Wenn die wüssten, wie nett ich bin, dachte sich Mara und ging mit eiligen Schritten auf ihren Tisch zu. „Du kannst Mister Vollpfosten anbimmeln, die Damen haben sich soeben auf dem Klo zugedröhnt. Die Menge, die sie in ihre Tasche hat, reicht für uns alle hier!“, zischte Mara über den Tisch. Sie nahm den Whisky, „Prost!“.

Tommy funkelte sie böse an und schüttelte seinen Kopf.

„Was ist?“, Mara blickte Tommy unschuldig an.

„Unterstehe dich, dass du dich hier volllaufen lässt!“

„Und wenn, die Rechnung bezahlt doch so und so dein bester Freund!“

„Unser bester Freund!“, Tommy verpasste Mara einen leichten Tritt unter dem Tisch. „Autsch!“

In diesem Moment kamen die zwei Frauen vollkommen relaxt oder doch eher vollkommen high zurück an den Nachbartisch. Mara war so angewidert. Sie verstand die Leute nicht, die dieses Zeug nahmen. Sie wussten wohl nicht, wie sehr sie damit ihren Körper schadeten, nur um einmal gut drauf zu sein. Ganz ehrlich da trinkt Mara lieber noch einen Whisky. Die Bestellung wurde gebracht, obwohl Mara nichts bestellt hatte. Sie sah erstaunt zu Tommy, der schien aber genauso überrascht zu sein. „Mit bester Empfehlung und einen angenehmen Abend soll ich Ihnen ausrichten!“, die Kellnerin begutachtete noch einmal alle Teller und Schüsseln, welche sie gerade auf den Tisch gestellt hatte. Auf dem Tisch stapelten sich die Teller und Schüsseln mit dem leckersten Essen. Mara musste zugeben, so schlecht war ihr Boss dann doch nicht, er wusste, wie man Leib und Seele glücklich machte, „Lass uns essen, wenn schon kein Date, dann wenigstens richtig gutes Essen!“.

Das Essen wurde durch das Eintreffen der Polizei gestört, aber Mara ließ sich nicht beirren. Sie starrte nicht, wie die anderen Gäste zu den zwei Pärchen, die mit Handschellen abgeführt wurden. „Ich bin zwar voll, aber auf das Dessert verzichte ich ganz sicher nicht!“, Mara hätte platzen können, aber nach diesem Tag war es ihr egal, mit wie vielen Pfunden mehr sie nach Hause kam und in ihr Bett fiel.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 4

Wir begeben uns zehn Jahre zurück. Alexander Kilian gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Interforce Consulting. Gründer dieser Firma sind Benjamin Steinhold und Oliver Brecht. Wenn wir uns weitere sechs Jahre zurückbegeben, fügen wir eine weitere Person hinzu – Sebastian Moor. Alle drei kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit und waren stets eng miteinander befreundet gewesen. Ganz gewiss hatten die drei Jungs eine überschäumende Fantasie und sie schmiedeten gemeinsame Pläne ihre Stadt zu verändern. Benjamin Steinhold war das Zahlengenie. Er war wie sein Vater der geborene Kaufmann. Alle Geschäfte, welche er bisher bei Interforce Consulting getätigt hatte fuhren beträchtliche Gewinne ein. Oliver Brecht war der Computernerd. Er hatte bereits mit dreizehn alle Passwörter des Computersystems der Schule geknackt. Und Sebastian Moor war die Überzeugungskraft in die Wiege gelegt worden. Er hatte das Talent Menschen mit seinen Visionen zu begeistern, Menschen für seine Vorhaben zu gewinnen. Jedoch gab es nur zwei Gründer bei Interforce Consulting. Sebastian Moor ließ sich gerne inspirieren und hatte sich letztendlich gegen das Projekt seiner Freunde entschieden. Es gab weit größere Pläne, die vor ihm lagen – das Industriegebiet Sanders & Moor. Marco Sanders war der Sohn des damaligen Bürgermeisters, er hatte schnell erkannt welche Begabungen in Sebastian Moor steckten. Hier trennten sich die Wege der drei ehemals besten Freunde.

Alexander Kilian war in der Forschungsabteilung von Interforce Consulting tätig. Interforce Consulting gehörte zu den führenden Anbietern der Kosmetikbranche. Ihr meistverkauftes Produkt war ein Serum, welches der Zellerneuerung diente. Alexander Kilian war ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, bislang hatte er nie Fragen zu Veränderungen oder Neuerungen gestellt. Jedoch zweifelte er an den neuen Wirkstoff, den Benjamin Steinhold bei seiner letzten Teambesprechnung erwähnte. Er recherchierte nach diesem Derotrexin, welches Benjamin Steinhold als die Neuentdeckung auf dem Markt angepriesen hat. Dieser Wirkstoff würde die Zellerneuerung um bis zu fünfzig Prozent beschleunigen. Wenn Interforce Consulting diesen Wirkstoff ihrem bisherigen Serum hinzufügen würde, dann würden die Verkaufszahlen des neuen Serums in die Höhe schießen. Alexander Kilian konnte jedoch keinerlei Daten oder Zusammensetzungen darüber finden. Zwei Wochen später wurde dieses Derotrexin in einer großen Menge angeliefert. Es war ein hellbraunes Pulver, welches in winzigen Tütchen verpackt war. Alexander Kilian wollte das Pulver sogleich in seinem Labor untersuchen und hatte ganz ausversehen eines der Tütchen in seinem Laborkittel verschwinden lassen. Zwei Tage später war er tot und das gesamte Derotrexin war wie vom Erdboden verschluckt. Nun lag die ganze Hoffnung in der Akte, welche Mara Sommer aus dem Safe von Dr. Barner entwendet hatte. An diesem Abend gab es noch jede Menge Pizzen von Pizza Carlo auf dem Polizeirevier. Und irgendwie, auf ganz mysteriöse Weise ist die Akte von Alexander Kilian auf dem Schreibtisch des Dienststellenleiters gelandet.

Eine Woche später stand es in den Zeitungen:

Die Firma Interforce Consulting muss sich für den Tod an Alexander Kilian verantworten! Die Polizei geht neuen Hinweisen nach. Aus ermittlungstechnischen Gründen können keine weiteren Angaben gemacht werden!

Es hätte nicht besser laufen können für Mara, glücklich und mehr als zufrieden blätterte sie die Zeitung wieder zu und legte sie auf den großen Stapel alter Zeitungen.

Bevor Mara zu Plan B übergehen konnte, musste im Vorfeld noch einiges getan werden. Sie brauchte mehrere Tage, um herauszufinden, wo sich diese Akte genau befand. Anschließend hackte sie sich in die Überwachungskameras der Firma Interforce Consulting und beobachtete diesen Dr. Barner und seine Assistentin. Sie ging noch einen Stück weiter und folgte den Beiden in der Mittagspause. Nach drei Tagen hatte sie herausgefunden, dass sie immer zu selben Zeit, das selbe Restaurant aufsuchten. Abwechslung stand wohl nicht so hoch im Kurs bei Dr. Barner und Frau Mittelstedt. Aber ihr sollte es Recht sein, denn so konnte sie diese eine Stunde nutzen, um die Akte aus dem Safe im achtundfünfzigsten Stock zu holen. Ein Tag vor der Umsetzung ihres Plan B’s stellte sie sich mit einer riesigen Menge an Flyern von Pizza Carlo vor das Bürogebäude von Interforce Consulting. Sie verteilte an jede Person, welche das Gebäude verließ, einen Flyer. Sie hatte nicht mit so einer großen Menge Pizzen gerechnet, die bei Pizza Carlo bestellt worden waren. Am Ende des Tages verzeichnete Carlo achtundachtzig Pizzen, die von den Mitarbeitern von Interforce Consulting bestellt worden waren. Ihr Plan war aufgegangen und das machte Mara noch weit glücklicher. Sie hatte Carlo neue Kundschaft verschafft und sie hatte gleichzeitig Zutritt zum Bürogebäude von Interforce Consulting gehabt. Was wollte sie mehr und am Ende hatte sie sogar die Akte von Alexander Kilian in der Hand. Tommy hatte am Abend zu ihr gesagt, er wusste schon immer, dass er sich zu hundert Prozent auf Mara verlassen kon

nte.

Mara war glücklich und das war etwas ganz Besonderes, denn sie hatte die letzten Jahre das Glück mehr gesucht, als gepachtet. Es wurmte sie noch immer, als sie Jessica Baier gegenüberstand. Aber sie wusste schon immer, dass sie eine blöde Kuh war und dass sie sich wohl niemals ändern würde. Zu gern hätte sie gewusst mit wem sie zusammen war. Tommy wusste es, aber wollte es ihr nicht verraten. Irgendwann würde es Mara schon herausbekommen. Und zum Thema Versagerin, oh ja Mara war tatsächlich eine Versagerin, aber es störte sie kaum noch. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da ist sie an dieser Vorstellung zugrunde gegangen, aber mittlerweile hatte sie sich mit dem Zustand ‚Mara Sommer die Versagerin‘ abgefunden. Wenn sie tatsächlich so eine Niete war, wie es Jessica Baier behauptete, wieso war sie dann Teil der Feuerblume und hatte bereits ihren vierten Fall mit Erfolg gelöst. Es war ein geheimes Abkommen, über welches sie niemals reden durfte, das hatte sie Tommy hoch und heilig versprochen. Aber manchmal wurmte es sie gewaltig, dass sie den anderen da draußen nicht auch zeigen durfte, dass etwas in ihr steckte. Mara sollte tatsächlich mehr nach vorn schauen, als immer nur zurück, dann würde das mit ihren Träumen auch weit besser funktionieren!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 3

Mara hatte das Lauftraining absolviert und sie wusste, dass nun Plan B zum Zuge kam. Sie brauchte immer einen Plan B. Es war selten, dass Plan B umgesetzt wurde, aber dieses Mal war es Plan B. Mara war eine Meisterin, wenn es darum ging zu improvisieren. Und genau das durfte sie heute tun. Sie hatte sich ihre Jacke von Pizza Carlo übergezogen und das Cap tief ins Gesicht geschoben. Es gab viel zu tun. Die Telefondrähte liefen bereits heiß. Gerade ist die vierzigste Pizzabestellung von Interforce Consulting eingegangen. Carlo fluchte und lachte zugleich. Aber Mara wusste selbst diese Situation würde Carlo mit Bravour meistern.

Giovanni schob Mara die ersten Pizzabestellungen entgegen, „Hier stehen die Büros und die Namen der Besteller drauf! Du fährst die erste Tour. Ich die Nächste!“. Mara schnappte sich die heißen Pizzakartons und verpackte sie in einer Warmhaltebox. Den Bestellzettel schob sie in ihre Jackentasche. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die kleine Pizzeria.

Mara brauchte ungefähr eine viertel Stunde mit dem Auto bis sie Interforce Consulting erreicht hatte. Sie versuchte die Pizzabox heil durch die Drehtür zu bekommen. Sie beobachtete beim Reingehen die zwei Wachposten. Einer stand direkt an der Drehtür und nickte Mara freundlich zu. Ein weiterer lehnte lässig am Empfangstresen und schien sich mit der Empfangsdame bestens zu unterhalten. Mara ging zielstrebig auf die Beiden zu, wurde jedoch mit Missachtung gestraft. Sie räusperte sich laut, um so etwas von der Aufmerksamkeit der zwei Turteltauben auf sich zu lenken.

„Wie können wir Ihnen helfen?“, die Empfangsdame verzog ihr Gesicht, denn sie duldete keine Unterbrechung und genau das hatte Mara gewagt.

„Ich muss diese Pizzen hier liefern. An diese Büros.“, Mara zog den Bestellzettel aus ihrer Jackentasche und reichte sie der Dame.

„Das ist im dreiundfünfzigsten Stock. Kleinen Moment!“, sie nahm den Telefonhörer in die Hand und tippte eine Nummer ein. Während sie auf den anderen Teilnehmer wartete lächelte sie unentwegt den schmierigen Wachmann an, der noch immer wie ein lästiges Kaugummi am Tresen klebte. „Eure Pizzabestellung ist da, kommst du runter und holst diese Pizzabotin ab!“, ihre Worte waren voller Missachtung, das entging Mara ganz gewiss nicht. „Okay, bis gleich!“, flötete sie ins Telefon.

Du bist doch so eine miese Schauspielerin Bianca Meerbusch – schoss es Mara durch den Kopf. Sie lächelte noch immer die Dame an, jedoch in ihrem tiefsten Inneren empfand sie nur Abscheu und Mitleid für ihre ehemalige Klassenkollegin. Mara war froh, dass sie sich trotz ihrer Jobsuche nie bei Interforce Consulting beworben hatte, denn genau das hier hätte sie zur Amokläuferin werden lassen.

„Sie kommt gleich!“, es war das Zeichen, dass Mara sich endlich von dem Tresen entfernen sollte. Jedoch machte sie keinerlei Anstalten. Sie zog stattdessen ihr Handy aus der Jackentasche und checkte noch einmal, ob die Verbindung zu ihren Computern daheim noch nicht unterbrochen war. Mara hörte die schmalzigen Worte von diesem ausgelutschten Kaugummi, sie gab ihnen eine Nacht, dann klebte er an einem anderen Schreibtisch.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Mara nahm ihre Box und ging auf den Fahrstuhl zu. Ein weiterer Moment an dem sie hätte kotzen können. Jessica Baier trat gerade aus dem Fahrstuhl. Die Jessica Baier. Die Nummer eins in der Schule. Ihr blonder Bob saß perfekt – ihre weiße Bluse hatte den perfekten Ausschnitt für das ausgelutschte Kaugummi am Tresen – ihr enger, schwarzer Rock saß perfekt – ihre Beine waren lang und perfekt und ihre schwarzen High Heels waren sensationell hoch – alles in allem, sie war mal wieder perfekt. Genau wie früher stellte Mara fest. Nichts hatte sich an Miss Perfect geändert. Ach ja doch eine winzige Kleinigkeit, Mara konnte sich nicht vorstellen, dass sie und Sebastian Moor noch immer das perfekte Traumpaar waren, nachdem sie ihn gestern das erste Mal wieder gesehen hatte.

Jessica hatte Mara erreicht und musste zweimal hinschauen, „Ich glaube es nicht Mara Sommer! Hey Bianca hast du nicht gesehen, dass das Mara Sommer ist!“, Jessicas stimmte hallte durch den gesamten Empfangsbereich. Mara wäre am liebsten im Boden versunken.

„Ist nicht wahr!“, kreischte Bianca hinter Mara auf, „Ich habe die ganze Zeit schon überlegt.“.

Na klar doch, dachte sich Mara, weil du ja auch soviel Gehirn hast. Dein Blick und deine Worte gehörten doch die ganze Zeit diesem ausgelutschten Kaugummi vor dir. Mara lachte Jessica Baier mit einem übertriebenen Lächeln an, „Wo soll die Bestellung hin?“.

„Ich begleite dich nach oben!“, sie stöckelte neben Mara her, „Ich fasse es noch immer nicht. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, was aus der kleinen Versagerin Mara Sommer geworden ist. Genau wie deine Mutter, hast es echt zu nichts gebracht!“.

Lieber eine Versagerin, als immer nur eine Ja-Sagerin, schoss es Mara durch den Kopf.

Die Fahrstuhltür schloss sich. Mara überlegte, ob sie die Box absetzen sollte und sich auf Jessica Baier stürzen sollte und sie eigenhändig erwürgen sollte. Ja, sie war tatsächlich drauf und dran gewesen. Doch Jessica Baier ließ sich keineswegs in ihrem Redefluss unterbrechen.

„Ach wusstest du das Samantha auch hier arbeitet. Ich bin Abteilungsleiterin vom Marketing und Samantha ist Chefin von der IT-Abteilung. Und Caro ist ganz oben bei den Chefs, ihre persönliche Assistentin. Das ist alles so perfekt! Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich die perfekte Abteilungsleiterin für Interforce Consulting bin!“

Diese Frau war genau wie früher, wenn nicht sogar noch einen Tick schlimmer. Sie war so dermaßen überzeugt von sich. Mara hatte Jessica Baier und ihre zwei Anhängsel noch nie leiden können. In der Schule waren sie die Créme de la Créme, sie wurden vergöttert, geliebt und gehasst. Bei Mara war Letzteres der Fall.

„Dann seid ihr drei ja noch immer vereint, so wie früher!“, Mara blickte geradeaus auf die geschlossene Fahrstuhltür, ihre Hände umklammerten fest die Warmhaltebox. Verdammt fest, denn sie wusste, wenn sie es nicht tat, dann würde sie Jessica Baiers Hals ganz fest umklammern und dann würde Mara im Gefängnis landen. ‚Mord im Fahrstuhl‘ würde dann überall in den Zeitungen stehen und ihre Mutter und ihr kleiner Bruder würden in dieser Stadt von Jessicas Familie geächtet werden. „Sebastian Moor und du, seid ihr jetzt verheiratet?“, Mara konnte es nicht lassen, sie wollte es wissen, ob Jessica noch immer mit ihm zusammen war, so entstellt, wie Sebastian Moor jetzt aussah.

„Spinnst du! Seit seinem Gefängnisaufenthalt hat ihn niemand mehr gesehen.“, verächtlich verzog Jessica ihr Gesicht, „Ich glaube kaum das Benjamin und Oliver gut auf ihn zu sprechen sind. Marco hat mir schon oft gesagt, dass Sebastian noch weitere zehn Jahre für seine Taten ins Gefängnis gehört!“.

Benjamin Steinhold und Oliver Brecht waren die ehemals besten Freunde von Sebastian Moor. Marco Sanders war der Partner von Sebastian Moor gewesen, sie haben zusammen das Industriegebiet Sanders & Moor gegründet.

Mara sah zu Jessica, „Traurig, wie die ehemals besten Freunde zu den größten Feinden werden können!“.

„Das hat sich Sebastian selbst zuzuschreiben. Er hat hier in der Stadt von so vielen Menschen die Existenz kaputt gemacht, das wird ihm wohl niemand mehr verzeihen!“, Jessica und Maras Blicke trafen sich. Mara erkannte die Wut in ihren Augen und sie wusste, weshalb sie diese Frau schon immer gehasst hatte. Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür. Mara trat erleichtert heraus. Kein Mord im Fahrstuhl und sie hoffte, dass sie Jessica Baier nie wieder sehen musste!

Die Pizzen waren verteilt, das Geld dafür hatte sie gut verstaut. Niemand interessierte sich mehr für Mara. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Ein kurzer Blick auf ihr Handy. Es war Mittagszeit. Dr. Barner und seine Assistentin Frau Mittelstedt waren zu diesem Zeitpunkt in der Mittagspause. Mara ging zum Treppenhaus, nun war es an der Zeit die Überwachungskameras des Treppenhauses lahmzulegen. Sie befand sich momentan im dreiundfünfzigsten Stock. Es hätte nicht besser laufen können, die paar Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock konnte Mara trotz ihrer schlechten Laufleistung relativ schnell überwinden. Mara stellte ihre Box ab und begann nach oben zu rennen, in der Hoffnung jetzt niemanden zu begegnen. Sie hatte die Lage über das Überwachungssystem mehrere Tage beobachtet, um diese Zeit hielt sich niemand im Treppenhaus auf. Alle waren in der Mittagspause und es war ziemlich ruhig in diesem riesigen Bürogebäude.

Sie hatte den achtundfünfzigsten Stock erreicht. Es war die Etage von Dr. Barner. In seinem Safe befand sich die Krankenakte von Alexander Kilian und diese brauchte sie für die Polizei. Kameras gab es zum Glück in dieser Etage nicht. Es musste wohl daran liegen, dass Untersuchungen eines Arztes der ärztlichen Schweigepflicht unterlagen und somit durften der Arzt und sein Patient nicht gefilmt werden. Das war ein gewaltiger Vorteil für Mara, aber sie hätte die Überwachungskameras auch über ihr Handy ausschalten können. Sie hatte mehrfach geprüft, wann Dr. Barner und seine Vorzimmerdame mittags in die Stadt zum Essen gingen. Manchmal empfand Mara, dass das Observieren von Personen ein tiefes Eindringen in deren Privatsphäre war, denn so hatte sie herausgefunden, dass Dr. Barner und Frau Mittelstedt seit längerer Zeit ein sehr enges Verhältnis pflegten, obwohl beide verheiratet waren. Im Grunde war es Mara egal, welche außerehelichen Verhältnisse die beiden miteinander hatten, ihr war es nur wichtig, dass sie ungestört die Akte aus dem Safe holen konnte.

Aus ihrer Hosentasche zog sie ihre Handschuhe, welche sie sich beim Gehen über die Hände streifte. Die Tür zum Vorzimmer von Frau Mittelstedt war offen. Die Tür zu Dr. Barners Büro war natürlich abgeschlossen. Mara brauchte nicht länger als einige Sekunden bis sie seine Tür geöffnet hatte. Den Code für den Transponder hatte sie bereits vor zwei Tagen über das Computersystem von Interforce Consulting herausgefunden. Tommy hatte ihr einen Transponder besorgt und für sie codiert. Nun konnte sie ganz einfach die Tür zu Dr. Barners Büro öffnen. Sie lief in sein Büro und sah sich um, wo nur konnte er seinen Safe versteckt haben? Da erblickte sie eine Tür am anderen Ende des Büros. Zu allem Übel war die natürlich abgeschlossen. Mara drehte sich im Kreis und ihre Augen suchten alle Wände und Möbel ab. Sie durchsuchte den Schreibtisch und öffnete alle Schränke im Büro, da entdeckte sie über dem Besuchertisch ein Bild, welches viel zu groß und wuchtig wirkte und irgendwie ganz und gar nicht in dieses Büro passte. Sie tastete mit ihren Fingern den Rahmen des Bildes ab und bemerkte, wie sich das Bild von der Wand löste. Ohne große Anstrengungen ließ es sich zur Seite klappen und tatsächlich darunter befand sich der Safe. Das war der Moment, der Mara aufatmen ließ. Heute Morgen hatte ihr Tommy die Kombination für den Safe gebracht – 84312. Mara hatte ihn nicht weiter gefragt, wie er an die Zahlen gekommen war, sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass Plan B ins Rollen kam. Sie gab die Zahlenkombination 84312 ein. Der Safe öffnete sich. Unzählige Akten lagen darin. Mara wurde unruhig als sie die vielen Akten sah, denn ihr lief die Zeit davon. Sie zog einige der Akten heraus. Natürlich war die von Alexander Kilian nicht dabei. Sie hatte jede Akte in der Hand gehabt und war langsam am Verzweifeln. Sie nahm die unterste Akte, es war die letzte Akte im Safe und wenn es die auch nicht war? Dann hatte Mara ein gewaltiges Problem. Sie sah auf das Namensschild: es war nicht Alexander Kilians Akte. Mara fluchte laut auf. Der Safe war leer. Sie musste hier schleunigst Ordnung schaffen, sie schob alle Akten fein säuberlich zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild wieder an die Wand. Was würde sie Tommy sagen und er der Feuerblume, Mara hatte versagt. Jessica Baier hatte vollkommen Recht, sie war eine Versagerin. Mara drehte sich um und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie ganz oben auf dem Bücherregal ein Stück Papiers entdeckte, welches hervorragte. Sie schob den Stuhl zum Regal und kletterte auf ihn, selbst da schien ihr das Stück Papier noch viel zu weit entfernt. Sie streckte sich mit aller Macht, ergriff das Stück Papier und zog einen Stapel hinter sich her. Unzählige Blätter flatterten durch das Zimmer. Das auch noch! Mara blickte um sich, sah auf die Uhr, welche an der Wand hing und gab sich noch fünf Minuten bis Dr. Barner mit seiner Assistentin erschien. Sie sprang vom Stuhl und sammelte eiligst alle Blätter auf. Immer wieder fiel ihr Blick auf einen Namen Alexander Kilian Es war seine Akte, verteilt im Büro, aber sie hatte sie tatsächlich gefunden. Endlich hatte sie die unzähligen Blätter aufgesammelt. Sie schob die einzelnen Blätter sogleich unter ihre Jacke, diese war zum Glück etwas enger geschnitten, so konnten die Blätter ganz sicher nicht herausfallen und sie pressten sich fest an ihren Körper. Sie sah auf die Uhr, zwei Minuten. Den Stuhl schob sie wieder an den ursprünglichen Platz zurück. Sie verließ das Büro und hatte die Tür von Dr. Barners Büro abgeschlossen. Gerade steckte sie ihre Handschuhe wieder in ihre Hosentaschen, als sich die Fahrstuhltür öffnete und direkt gegenüber von ihr eine Frau und ein Mann standen. Das mussten Dr. Barner und Frau Mittelstedt sein. Mara blieb ruhig, denn sie hatte die Akte, sie musste nur noch raus hier.

„Was können wir für Sie tun?“ Dr. Barner beachtete Mara nicht weiter, ging sofort in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Seine Assistentin sah sie fragend an.

„Ich wollte Ihnen einen Bestellzettel von Pizza Carlo bringen. Momentan sind hier alle ganz heiß auf seine Pizzen!“, Mara zog einen neuen Flyer von der kleinen Pizzeria aus ihrer Jackentasche.

„Wir habe gerade zu Mittag gegessen. Aber dennoch danke!“

Das war für Mara das Stichwort schnellstmöglich diese Etage zu verlassen. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, „Ich muss auch schon wieder gehen, es sind noch weitere Bestellungen von Interforce Consulting eingegangen. Ich kann Ihnen die Pizza echt empfehlen!“. Mara hatte die Überwachungskameras des Treppenhauses ein weiteres Mal ausgeschaltet.

Was war hier nur los bei Interforce Consulting? Ein breites Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte die Akte von Alexander Kilian! Und das fühlte sich verdammt gut an!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 2

Mara hatte sich zu den Industrieruinen aufgemacht und wollte ihre Laufkondition nach der Grippe testen. Sie schloss ihr Auto ab, zog sich die Kapuze ihrer Laufjacke über den Kopf und steuerte wie jedes Mal zuerst die großen, leeren Lagerhallen an. Dort gab es wenige Hindernisse, die sie überwinden musste, die ihr schon zu Beginn des Lauftrainings die Luft zum Atmen nahmen. Sie spürte, dass es heute anders war. Sie war weit langsamer und irgendwie auch unkonzentrierter. Sie ermahnte sich um mehr Aufmerksamkeit. Die Jugendlichen, die hier in den Ruinen abhängten machten ihr weit weniger Sorgen, sie kannten Mara bereits. Manchmal begegnete sie ein paar Obdachlosen, aber die waren es auch nicht, die sie fürchtete. Es war ‚Dark Shadow‘, wie sie ihn nannte. Sie hatte ihn noch nie vor sich gesehen, sie wusste, dass er hier war, sie spürte förmlich seine Anwesenheit. Eigentlich konnte sie nicht einmal sagen, ob es tatsächlich ein Mann war. Sie hatte ihn bislang nur immer flüchtig während ihres Lauftrainings wahrgenommen. Die Person war vollkommen schwarz gekleidet, sogar das Gesicht war mit einer Sturmhaube vermummt. Für Mara fühlte es sich bedrohlich an, wenn er ganz plötzlich wie ein Schatten in ihrer Nähe auftauchte, dann war es an der Zeit ihre Laufgeschwindigkeit noch einmal zu erhöhen und das Weite zu suchen. Meist schaffte sie es in weniger als fünf Minuten von den Bürokomplexen bis zu ihrem Auto. Jedoch zweifelte sie heute an ihrer Kondition, heute gab sie sich zehn Minuten. Fünf Minuten zu viel!

Es war verhältnismäßig ruhig, keine Jugendlichen, keine Obdachlosen. Sie hatte acht der Lagerhallen bereits durchlaufen, hatte dort ihr Hindernissparcour absolviert. Teilweise befanden sich dort noch Regale, die so hoch wie die Lagerhallen waren. Dicht nebeneinander waren sie aufgereiht. Diese eigneten sich besonders gut, um ihre Koordination zu trainieren. Sie sah die Hochhäuser mit den Treppenhäusern vor sich. Ihr Körper war wirklich noch nicht so fit, sie brauchte dringend eine Pause. Sie verlangsamte ihr Tempo, sie ging mehr, als dass sie lief. Ihre Lunge brannte, sie rang nach Luft. Noch nie hatte sie Seitenstechen gehabt. Sie schob es auf ihren zu schnellen Lauf beim Hindernissparcour. Zwei Treppenhäuser bewältigte sie in einem langsamen Lauftempo, beim Dritten erhöhte sie wieder ihre Geschwindigkeit. Sie schaltete ihre Stoppuhr am Handy ein und hatte bereits die Tür passiert. Oben angekommen blickte sie wieder auf ihr Handy. Sechs Minuten, nicht schlecht für ihren derzeitig angeschlagenen Zustand, aber eben nicht gut genug für Interforce Consulting. Zwei Treppenhäuser musste sie noch bewältigen. Das Nächste hatte sie sogar in vier Minuten geschafft, das Letzte schlug sie wieder in ihre alte Zeit zurück. Sie redete sich gut zu. Sie musste schließlich das Treppenhaus von Interforce Consulting nur einmal laufen. Also war sie im Durchschnitt gar nicht so schlecht gelaufen, wie sie zuvor noch geglaubt hatte.

Die riesigen Bürokomplexe tauchten vor ihr auf. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wie es hier früher einmal gewesen war. Mara musste zugeben, sie war nur eine Woche hier gewesen. Sie war damals vierzehn. Ihre Schulklasse hatte eines dieser Projekte. Sie musste ein Praktikum in einer dieser Firmen in den Bürokomplexen machen, um ihre soziale Kompetenz zu fördern. Für Mara war es eher ein Kaffeehol- und Kopierdienst. Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen. Fünfzehn Jahre, die hier soviel verändert hatten.

Vor Mara stand nun die letzte Aufgabe, sie musste innerhalb von zehn Minuten so viele Büroetagen wie nur möglich durchlaufen. Sie stoppte erneut die Zeit und begann zu laufen. Sie hatte die erste Etage, die zweite Etage hinter sich gelassen. Ihre Schritte hallten in den leeren Büros, obwohl sie darauf achtete, dass sie leicht auftrat, um so laute Geräusche zu vermeiden. Sie war auf dem Weg zum dritten Geschoss, als hinter ihr ein Schatten auftauchte. Mara erschrak, sie wusste, was zu tun war, sie erhöhte ihre Geschwindigkeit. Es tat ihr ganz sicher nicht gut, aber die Angst in ihr steigerte das Adrenalin, ihr Tempo verdoppelte sich. Sie durfte sich nicht umblicken, dann hatte sie verloren. Sie hatte die dritte Etage erreicht. Sie rannte, überlegte kurz, ob sie aufgeben und die restlichen Etagen nicht mehr durchlaufen sollte, aber sie hatte sich schließlich ein Ziel gesetzt. Und daran konnte sie auch ein ‚Dark Shadow‘ nicht hindern. Obwohl sie sich beinahe vor Angst in die Hose machte. Sie wusste nicht, zu was diese Person fähig war, ihr Äußeres sprach für sich. Es musste Gewalt, Schmerzen, und Leid sein, was diesen Menschen mit einer inneren Genugtuung erfüllte. Ansonsten würde er nicht seit zwei Jahren hier auf sie lauern. Sie hätte schon längst zur Polizei gehen sollen oder damals mit ihren Kollegen sprechen sollen, aber die hätten ihr nur eine Verwarnung gegeben, sie sollte sich von den Industrieruinen fernhalten. Ihr Herz raste, schlug ihr bis zum Hals, Angstschweiß trat aus ihren Poren. Sie hörte ‚Dark Shadow‘ nicht, aber sie nahm ihn ganz deutlich wahr. Die Treppe zur vierten Etage lag vor ihr. Mara zögerte einen winzigen Moment, doch dann erkannte sie in ihren Augenwinkeln diese schwarze Gestalt. Zurück konnte sie nun nicht mehr, immer weiter höher trieb er sie. Sie wusste, das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Mit kleinen, schnellen Schritten lief sie die Treppenstufen hinauf. Die letzte Stufe wurde ihr zum Verhängnis. Sie drehte sich leicht um, rutschte in diesem Moment wegen ihrer Unachtsamkeit von der Treppenstufe und fiel. Sie sah sich bereits auf die Betontreppe knallen, als zwei Hände nach ihr griffen und sie vor dem Sturz bewahrten. Zwei Hände hatten sich fest um ihren Körper gelegt. Ihr Herz raste, ihr Atem ging viel zu schnell. Sie konnte sich kaum bewegen, sie befand sich in einer Art Schockstarre. Was würde er als Nächstes mit ihr tuen?

Sie spürte, dass es ein Mann war. Er stand ganz nah hinter ihr. Sein durchtrainierter Körper presste sich an ihren. Seine Größe sprach für sich, verdammt groß würde Mara sagen, wenn sie sich zu ihm umdrehen würde, aber das traute sie sich nicht. Sie versuchte sich nicht zu bewegen.

„Warum läufst du vor mir weg?“, seine Stimme war tief, klang kalt und abweisend.

Mara überlegte, was sie darauf antworten sollte, dass sie sich vor ihm fürchtete, dass sie glaubte, er könnte ihr Schmerzen zufügen. Verdammt sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte, was richtig oder was falsch war.

„Du redest also nicht!“, er zog sie noch fester an sich, „Du hast Angst vor mir nicht wahr? Du hast Angst, ich könnte dir weh tun! Es reizt mich schon seit einiger Zeit dich so nah bei mir zu haben!“.

Was meinte er damit? Mara geriet in Panik, was wollte dieser Typ von ihr? Ihre Hände drückten gegen seine Arme, doch er hatte weit mehr Kraft als sie, „Lass mich los!“, schrie sie ihn an.

„Oh, du kannst ja doch reden!“, sie hörte den sarkastischen Ton in seiner Stimme, was ihr überhaupt nicht behagte, „Mädchen, wie du haben hier nichts verloren, weißt du das?“.

„Und du auch nicht!“, presste Mara hervor, „Typen wie du gehören in den Knast!“

Sie trat nun mit ihren Füßen abwechselnd nach hinten. Das schien ihn nicht weiter zu stören, „Du bist aber ein richtiger Wildfang, so mag ich die Mädchen besonders!“, sein Mund presste sich an ihr Ohr, „Du verstehst was ich damit meine, ich liebe es wild!“.

„Es ist mir scheißegal!“, schrie Mara laut auf.

„Nicht so laut, es könnte uns noch jemand hören!“ Genau das wollte Mara, gehört werden und gerettet werden, vor diesem Typen. Sie begann zu schreien, laut zu schreien, doch je lauter sie schrie, je mehr wurde ihr bewusst, wurde sie nicht gehört. Es wunderte Mara, dass er ihr nicht den Mund zuhielt, dass er sie schreien ließ. Aber ihr war bereits klar, dass sie ganz allein mit ihm hier war. Weder die Jugendlichen, noch die Obdachlosen waren heute hier gewesen. Nur er und sie waren hier!

„Ich lasse dich jetzt los und dann drehst du dich um und siehst mir ins Gesicht! Hast du mich verstanden!“, sein fester Griff lockerte sich, „Du haust nicht ab!“. Er drehte sie um, sie spürte, wie seine Hände von ihr ließen und sie fliehen konnte, aber sie wusste er war schneller als sie, also tat sie, was er ihr befahl. Zwei stechend blaue Augen sahen sie an. Der Rest vom Gesicht war von der Sturmhaube verhüllt.

„Du bist zu feige. um dich zu zeigen!“, Mara war wütend auf ihn, weil er sich versteckte.

„Du läufst nicht davon!“, wiederholte er seine Worte. Er hatte Mara losgelassen. Seine Hände zogen die Sturmhaube über seinen Kopf.

Mara erschrak, sie trat einen Schritt zurück und schluckte schwer. Kaum vorstellbar, wer da vor ihr stand! Wer für ihre verdammte Angst Schuld war! Sie war so wütend und ging auf ihn zu, ihre Hände waren zu Fäusten geballt und erhoben sich. Er hob schützend seine Hände vor sich. Mara hätte zuschlagen sollen, aber er war genug gestraft und das war so unvorstellbar hart und grausam, was Mara da vor sich sah. Vor ihr stand Sebastian Moor, seine rechte Gesichtshälfte war gezeichnet von Brandnarben. Sein Gesicht war einst wie gemalt gewesen. Reihenweise wurde er von den Mädchen ihrer Schule angehimmelt. Sein perfektes Äußeres war das Markenzeichen von Sebastian Moor gewesen. Aber jetzt war diese Perfektion mit einem Mal verschwunden, ausgelöscht. Mara verstand es nicht!

„Schönheit ist vergänglich Mara!“, Sebastian sah sie mit einem leicht amüsierten Blick an. Sie hatte ihn seit seinem Gefängnisaufenthalt nicht mehr gesehen.

„Wer hat dir das angetan?“, Mara war so entsetzt.

„Menschen, denen ich weit größere Schmerzen zugefügt habe!“, sein Blick hielt ihren stand. Sie wusste, dass er ohne jegliches Gewissen Menschen in den Ruin getrieben hatte. Eigentlich sollte es seine Strafe sein, dafür, was er tausenden Menschen hier in der Stadt angetan hatte. Aber für Mara war es jedoch unbegreiflich, wozu Menschen fähig waren.

„Hast du noch immer Angst vor mir?“, Sebastians Stimme war nun nicht mehr so kalt und hart, wie vorhin.

Mara lächelte, „Nein natürlich nicht, obwohl ich es nicht fassen kannst, dass du mich die ganze Zeit hier verfolgt hast!“.

„Ich wollte dich beschützen!“, er grinste ein wenig verlegen.

Oh Gott und Mara hatte geglaubt, dieser Typ wäre durchgeknallt und wollte sie umbringen.

„Sebastian Moor, wenn du mich das nächste Mal verfolgst, dann bitte ohne Maskierung!“, Mara begann zu lachen, irgendwie war sie erleichtert, aber dennoch tief erschüttert, wie sehr Sebastian Moors Gesicht entstellt war.

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