Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 11

Mara spürte den kalten Fahrtwind, welcher ihr das Gefühl von Freiheit gab. Ihre Arme lagen noch immer fest um seinen Hüften. Sie vertraute ihm vollkommen und begab sich mit ihm auf ihre Reise zu sich selbst. Er war ein sehr guter Motorradfahrer. Sie fuhren seit einer Stunde. Mara war noch nie so weit aufs Land gefahren. Ihre Eltern liebten die Stadt und hatten es immer gemieden das umliegende Land ihren Kindern zu zeigen. Mara staunte über die vielen kleinen Dörfer und Gehöfte an denen sie vorüberfuhren. Jede Menge Wälder, Wiesen und Felder zogen an ihnen vorüber. Sie sah einen gewaltigen Berg, welcher sich vor ihnen auftat. Die Spitze des Berges war von einer Wolkenschicht verhangen. Mara staunte nicht schlecht, als sie am Fuße des Berges einen riesigen, glasklaren See erkannte. Einige Autos standen bereits auf dem Parkplatz, auf welchen er jetzt auch fuhr.

Mara lief neben ihm her. Er war so groß und sie wirkte neben ihm so klein und zierlich.

„Dort oben ist eine kleine Hütte, da bekommen wir bestimmt etwas Gutes zu Essen. Warst du da schon einmal?“, er zeigte auf einen winzigen Punkt in der Mitte des Berges.

Mara war erstaunt, wie gut er sich hier auskannte, „Nein, aber woher kennst du diese Hütte?“.

Er lachte, „Wenn man sechshundertdreißig Jahre alt ist, dann kennt man sehr vieles!“ und er zwinkerte Mara zu. Er half ihr den schmalen Weg des Berges zu besteigen. Mara hatte natürlich nicht die geeigneten Schuhe an, das hatte er nicht mit einkalkuliert. Aber er war sehr fürsorglich und reichte ihr immer wieder seine Hand, damit sie einen besseren Halt beim Gehen hatte.

Sie hatten einen Tisch am Fenster bekommen und somit einen fantastischen Ausblick hinunter ins Tal. Mara hätte zu gern ihrem Bruder diesen Moment gegönnt und sie spürte wieder einmal, wie sehr sie ihre Eltern für ihre egoistische Denkweise doch hasste. Sie hatten immer nur an sich gedacht und ihre Kinder vollkommen vergessen. Ihr kleiner Bruder war Teil ihres Lebens und sie nahm sich ganz fest vor, ihn diesen Moment auch einmal zu schenken.

„Hast du ein Handy?“, sie sah ihn fragend an.

„Nein! Ist mir zu anstrengend! Außerdem weiß ich doch nicht, was mein nächster Boss aus mir macht!“, er lachte laut auf und Mara grinste verlegen.

„Ist dir das zu viel. Ich meine so, wie du jetzt bist?“, Mara sah ihn verlegen an.

„Mache dir mal keine Sorgen um mich Kleines. Mir geht es fantastisch. Ich mache mir mehr Sorgen um dich!“, er sah sie eindringlich an.

„Mir geht es bestens!“, versicherte ihm Mara.

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Kaffee und zwei Stückchen Himbeersahnetorte.

„Vielen Dank, sieht fantastisch aus!“, Mara entging nicht, dass er mit jeden weiblichen Wesen flirtete. So, wie er aussah, war das schließlich ein Kinderspiel, die Frauen lagen ihm ja quasi zu Füßen. Im Grunde war Mara sogar froh, denn wer hatte schon so einen überaus attraktiven Gefährten an seiner Seite. Mara beobachtete ihn, als er einen Schluck Kaffee trank. Seine Augen waren geschlossen und er genoss diesen Moment so sehr. Für Mara war ein Schluck Kaffee etwas ganz Normales. Er hatte sechshundertdreißig Jahre alles sein können und deshalb war ein Schluck Kaffee seine momentane geschmackliche Explosion, die er auf sich wirken ließ.

Er öffnete seine Augen und bemerkte, wie Mara ihn beobachtet hatte und grinste verlegen, „War das erste Mal für mich! Also ganz sicher habe ich irgendwann schon einmal Kaffee getrunken, aber mein Gehirn kann schließlich nicht alle Erinnerungen so haargenau abspeichern!“.

Nun musste auch sie grinsen, „Du bist so genial!“.

„Ist das ein Kompliment?“, er kannte sich in ihrer Sprache noch nicht so gut aus und das fand Mara noch weit lustiger.

„Ja, würde ich schon sagen!“ und sie lächelte ihn glücklich an.

„Hast du dir das Buch angeschaut?“, er sprach nun sehr leise zu ihr, denn dieses Geheimnis sollte ein Geheimnis bleiben.

„Ja habe ich!“, flüstere Mara zurück …

… Mara hatte seine Hand gespürt, wie er sie ganz fest hielt und dann war sie mit ihm gemeinsam gesprungen, im freien Fall vom Lagerdach. Sie schrie aus Leibeskräften, es gab keinerlei Sicherheit für sie, kein Seil oder ähnliches. Sie schrie und schrie und spürte, wie sie immer tiefer und tiefer fiel. Weit entfernt hörte sie eine männliche Stimme, sie sang ‚Yello Submarine‘ von den Beatles. Wie konnte er singen, wenn sie vierzig Meter tief fielen. Hatte er noch alle Latten am Zaun. Mara wurde wütend und öffnete ihre Augen. Sie fiel gar nicht, sie stand auf der Erde und er saß auf dem Gehsteig neben ihr und sang lauthals dieses Lied. Mara war so wütend, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte.

„Das kannst du vergessen Kleines!“, er war aufgestanden und grinste sie an.

„Was?“, sie funkelte ihn böse an.

„Das du mich erwürgst!“, er lief voraus, ohne sie weiter zu beachten.

Sie rannte hinter ihm her und schrie aus Leibeskräfte, wie bekloppt er doch wäre und was für ein Arsch und vollkommen durchgeknallt und dass er der größte Idiot aller Zeiten war. Im Grunde war sie mehr wütend auf sich selbst, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und sie hatte etwas geschafft, was sie niemals für möglich gehalten hatte. Sie war gesprungen, sie hatte ihm zu hundert Prozent vertraut. Obwohl sie das niemals ohne ihn gemachte hätte, dann wäre sie zu hundert Prozent tot gewesen. Aber mit ihm war alles anders, sie nannte es Magie oder wie er – Illusion. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, aber es funktionierte und damit musste sie sich vorerst abfinden.

Er hatte sie nach Hause gebracht. Dort hatte sie tatsächlich in ihrem Briefkasten das Buch gefunden. Nun endlich lag es in ihren Händen. Der dunkelbraune Ledereinband war sehr stark abgegriffen. Mara hatte keine Ahnung, wie viele Hände es bereits berührt hatten. Sie öffnete ganz vorsichtig das Buch. Auf der ersten Seite erkannte sie eine Blume. Sie war wunderschön! Sie war gezeichnet und mit roter Farbe getränkt. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, so, als würde sie sich bewegen. Maras Finger strichen ganz sanft darüber und sie konnte jedes einzelne Blütenblatt spüren. Es war so ein irres Gefühl, einerseits war es eine Zeichnung und doch fühlte sich diese Blume vollkommen echt unter ihren Fingern an. Mara blätterte weiter. Es sah aus wie eine Widmung, handgeschrieben, doch Mara konnte diese Schrift nicht lesen. Auf den folgenden Seiten sah sie eine so akkurate und saubere Handschrift mit schwarzer Tinte geschrieben, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Die Buchstaben waren Zeichen, längliche Zeichen, immer wieder waren zwischen diesen unterschiedlich langen geschwungenen Linien, wie sie Mara beschreiben würde, Punkte und kleine Querstriche gesetzt. Mara hätte zu gern gewusst, was diese Worte wohl heißen würden. Viel weiter hinten entdeckte sie immer wieder diese eigenartigen Zeichen, die ihr Gefährte auch auf der Brust und am Hals als Tätowierung trug. Sie blätterte weiter und dann sah sie ganz viele Zeichnungen. Es waren Gesichter von Menschen. Mara blickte sich die Gesichter genau an. Eine Frau mit einem riesigen Hut. Sie wirkte so vornehm und dennoch war ihr Lächeln eiskalt. Da war dieser Mann mit dem geschwungenen Schnurbart, er hatte einen Zylinder auf seinem Kopf und eine Zigarre im Mund. Auf der folgenden Seite erkannte sie ein junges Mädchen kaum sechszehn, sie hatte glattes, langes Haar, ihre Augen wirkten so unfassbar traurig und ihr Mund war so dermaßen zusammengepresst, als wollte sie verhindern, dass ein Wort durch ihre Lippen drang. Darunter war ein Mönch. Seine Kutte verriet ihn, sowie seine leicht gebückte Haltung und seine gefalteten Hände. Eine Frau, die ein Kopftuch trug, ihr Gesicht war von Falten gezeichnet, aber ihr gutmütiges und sanftes Lächeln ließ erkennen, dass sie wohl eine liebenswerte Person gewesen sein musste. Ein kleiner Junge, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war. Seine Ohren standen so sehr von seinem Kopf ab, dass Mara grinsen musste. Er hatte diesen neugierigen Blick, den sie von ihrem Bruder kannte. Mara blätterte immer weiter und weiter. Es waren bestimmt über hundert Gesichter. Und dann kamen nur noch leere Seiten, was sie ganz und gar nicht verstand. Sie schlug die letzte Seite von den gemalten Gesichtern auf und erkannte ihn sofort. Sie schluckte schwer, denn sie hatte es verstanden. In diesem Buch waren die Personen gezeichnet, die der Feuerblume auf irgendeine Weise sehr nahe gestanden haben. Ihre Finger strichen über sein Gesicht. Sie vermisste ihn, sehr sogar. Sie liebte ihn noch immer und sie wusste nicht, wie lange dieses schmerzhafte Gefühl in ihr anhalten würde…

„Und was sagst du zu dem Buch?“, er betrachtete das Stück Torte vor sich, als wäre es ein Kunstwerk.

„Das kannst du essen!“, Mara zeigte auf seine Himbeersahnetorte und zwinkerte ihm zu.

„Wäre zu schade, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen! Vielleicht schon, aber sicher kann man sich ja nie sein!“, sagte er, als er noch immer das Stück Torte betrachtete und den Teller hin und her drehte.

„Dann musst du die Torte jetzt unbedingt probieren!“, Mara hatte ihr erstes Stück bereits in den Mund geschoben und wusste, wie lecker dieser Kuchen war. Die süßsauren Himbeeren, die sich mit dem cremigen Vanillegeschmack vereinten, das war Genuss pur. Sie beobachtete ihn und musste bei seinem Blick leicht auflachen. Schade, dass sie kein Handy mehr hatte, zu gern hätte sie diesen Moment festgehalten und ihm das Foto gezeigt.

Seine Lippen verzogen sich im ersten Moment, da er die fruchtige Säure zuerst auf seiner Zunge spürte, aber dann legte sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen, gefolgt von einem ich will mehr davon Blick. Mara schob ihm ihr Stück Torte zu, „Falls du noch mehr haben möchtest!“.

„Aber du?“, doch er war viel zu sehr damit beschäftigt diese Torte zu essen und alles, was ihn ihm passierte, vollkommen auszukosten.

„Also, das Buch ist der Hammer. Ich habe noch nie so eine außergewöhnliche Handschrift gesehen. Leider konnte ich die Schrift nicht entziffern. Die Gesichter habe ich damit in Verbindung gebracht, dass diese Menschen Teil der Feuerblume gewesen sein mussten, so wie ich. Also nehme ich mal an, dass ich dann auch irgendwann mal darin erscheinen werde!“, ihre Worte waren mehr ein Flüstern.

„Gut kombiniert Kleines!“, er zwinkerte ihr zu, „Das mit der Schrift kriegst du auch noch raus. Es gab nicht viele, die hinter das Geheimnis gestiegen sind, aber es gab welche!“ und er grinste sie aufmunternd an.

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht die Einzige bin, die etwas länger dazu braucht.“, Mara trank ihren Kaffee und sah, wie die Sonne und Wolken ein wundervolles Schattenspiel im Tal verursachten, „Sieh dir das an!“, sie zeigte aus dem Fenster.

Er blickte hinaus und ihm entging diese einzigartige Schönheit auch nicht, der See, welcher auf der einen Seite in das Sonnenlicht getaucht war und dadurch die Wasseroberfläche ins Funkeln und Glitzern geriet und die andere Seite mit Wolken überzogen war, so dass er tief und unergründlich wirkte. Er war froh, dass Mara sein neuer Boss war. Er hatte schon weit schlimmere gehabt. Sie war eine wunderschöne Frau, die ihm zu traurig, zu nachdenklich, zu verschlossen vorkam. Sie war jung, sie sollte ihr Leben genießen, sie sollte genau wie er diese Momente auskosten. Das hatte er immer getan, egal für wen er gearbeitet hatte. Es war nicht immer einfach die Menschen zu verstehen. Manche von ihnen wollten ihm Schmerzen zufügen oder wünschten ihm sogar den Tod, weil sie nicht verstanden, was das Geheimnis der Feuerblume tatsächlich bedeutete. Aber Mara, sie war ein ganz besonderer Mensch, den er vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen hatte. Er wusste, dass sie zu weit mehr fähig war, als sie sich momentan zustand. Sie würde die Feuerblume verändern, das wusste er, sie würde ihre wahre Schönheit wieder zum Vorschein bringen. Das hatte ihm sein Meister prophezeit und deshalb war sie ihm so wichtig!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 9

Dieser Morgen würde sich nicht so gut anfühlen, überlegte Mara, als sie ihre Augen öffnete. Sie hatte die Nacht kaum geschlafen. Nach ihrem gestrigen Streit mit der Feuerblume war sie irgendwann, irgendwie in ihrem Bett eingeschlafen. Die Tränen waren getrocknet, hinterließen aber noch immer dieses flaue Gefühl in ihrem Magen.

Sie wusste nicht, was genau mit Xynthia passiert war. Aber sie konnte niemanden fragen. Nachdem, was hier gestern Nacht passiert war, würden weder Tommy noch Ivonne mit ihr jemals wieder reden. Sie hatte ihr Handy letzte Nacht aus dem Fenster geschmissen. Der harte Aufprall und das laute Scheppern hatten ihr verraten, dass von dem Handy nicht mehr viel übrig geblieben war. Es war eine Kurzschlussreaktion, die sie womöglich schon bald bereuen würde. Aber so sollte es sein und es war nicht mehr gutzumachen!

Mara stand auf, duschte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie meidete schon seit Tagen die Industrieruinen. Ein Besuch bei ihrer Mutter wäre angebracht, denn die würde sich als erstes beschweren, wenn sie ihre Tochter nicht über ihr Handy erreichen konnte.

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als sie das letzte Mal vor der Tür ihrer Mutter gestanden war. Sie bemerkte, dass die anfängliche Lust bereits verflogen war, als sie den Klingelknopf drückte. Jedoch war es zu spät, um wieder umzukehren. Mara wartete einen Moment, doch nichts tat sich. Es öffnete sich keine Tür. Ihre Mutter meldete sich auch nicht über die Sprechanlage.

„Hallo Frau Sommer, Ihre Mutter ist verreist! Haben Sie das nicht gewusst?“, die Untermieterin Frau Ilse Knörzer war aus der Hauseingangstür getreten. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei und zog an einer Leine. Beinahe hätte sich die Tür geschlossen, wenn Mara nicht so impulsiv eingegriffen hätte und ihr Spitz Torben wäre gezweiteilt gewesen. Aber das schien dieser kleinen Mistkröte egal zu sein, denn sie kläffte bereits Mara an. „Torben willst du wohl still sein, dass ist nur Frau Sommer, die tut dir nichts!“.

Mara hätte am liebsten gesagt, doch, Hunde gehörten schon immer zu meiner Leibspeise, aber sie verkniff es sich lieber. Vielmehr bedankte sie sich bei Ilse Knörzer für die Auskunft und lief in Richtung Stadt. Sie kam dummerweise an den Industrieruinen vorbei. Es war nicht ihre Absicht gewesen dort hinzugehen. Aber wo sollte sie sonst hin. In der Stadt würde sie womöglich Ivonne oder Tommy oder Jessica Baier oder Marco Sanders treffen. Sie wollte niemanden sehen, sie wollte für sich ganz allein sein. Mara sah das große Lagerhaus vor sich, welches sie immer als erstes bei ihrer Joggingrunde durchlief. Sie ging darauf zu, nur dass sie es diesmal nicht durchlaufen würde, sondern, dass sie diesmal die Treppen hinaufstieg, die sie auf das Dach des Lagerhauses führten. Sie war keineswegs schwindelfrei, aber sie wusste, dass es sich hier oben weit besser anfühlte, als unten von all den Menschen erdrückt zu werden. Sie setzte sich auf das Dach, ließ sich nach hinten fallen und stützte sich auf ihren Ellenbogen ab. Sie hörte Schritte, auch hier war sie nicht allein. Sie drehte sich um und vermutete dass es Sebastian Moor war, aber der war es nicht. Sie kannte diese Person nicht. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er war groß, er wirkte stark, er war sonderbar, er machte ihr Angst.

Sie richtete sich wieder auf und blickte ihn an.

„Mädchen, wie du, haben hier oben nichts zu suchen!“, seine Stimme klang hart und kalt.

„Wenn ich noch ein Mädchen wäre, dann würde ich ganz sicher nicht hier oben sitzen, denn dann würde ich mich hier nicht mal her trauen. Was willst du von mir?“

Mara sah, wie er sich vor ihr aufrichtete. Etwas schien so sonderbar zu sein. Er wirkte so unmenschlich, so übernatürlich. Er war wie eine Illusion. Ihre Sinne schienen sie zu täuschen, das wurde ihr immer mehr und mehr bewusst. Sie hatte eindeutig zu viel Fantasie und langsam bekam sie genau davor Angst.

„Eine Illusion!“, sein Lachen klang verletzend, „So soll es wohl sein! Stehe auf Mädchen!“.

Er konnte ihre Gedanken lesen, wie beängstigend war das denn? Mara tat, was er ihr sagte. Sie wollte gerade wieder zu der Treppe und nach unten gehen, da hielt er ihre Hand fest. Er war keine Illusion. Er fühlte sich echt an. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn verwundert an.

„Hast du das Buch erhalten, welches ich dir geschickt habe?“, sein Griff war fest und Mara glaubte, er würde ihre Hand zerquetschen.

„Welches Buch, wovon redest du?“, sie wollte ihre Hand entziehen, doch sie hatte keinerlei Chance.

„Das Buch über die Feuerblume!“, er sah sie herausfordernd an.

„Wo soll denn dieses Buch sein?“, Mara wusste nichts von einem Buch.

„In deinem Briefkasten!“, er war entsetzt, wie leichtsinnig sie mit seinem Geschenk umging, „Wärest du nicht nur auf dich bedacht gewesen, dann hättest du es bestimmt gefunden. Merke dir, nicht die anderen Menschen können dich verletzen. Du selbst kannst dich am aller meisten verletzen. Schwelge weiterhin in deinem Selbstmitleid und verkrieche dich in deinen vier Wänden, dann wirst du nie das erfahren, was das Leben tatsächlich für dich bereit hält!“.

„Ich weiß, was das Leben für mich bereithält … Nichts! Und jetzt lass mich verdammt nochmal los du Idiot!“, Mara war viel zu wütend, um sich auf solche dummen Spielchen einzulassen.

Er lachte, „Idiot hat mich noch keiner genannt. Aber ich werde dir zeigen, was dieser Idiot hier alles kann.“, er hatte ihre Hand losgelassen und rannte einfach los. Er hatte das Ende des Dachs erreicht und Mara schrie laut auf, als er einfach sprang. Vierzig Meter lagen unter ihnen und der Typ war einfach gesprungen. War er denn des Wahnsinns. Mara lief an die Stelle, von welcher er in die Tiefe gesprungen war.

„Illusion!“, sie hörte seine Stimme hinter sich, „Das kannst du auch!“.

Sie war so dermaßen erschrocken, dass sie einen Schritt nach hinten, in die falsche Richtung machte und spürte, dass dieser eine Schritt zu viel war. Sie geriet ins Wanken, konnte sich nicht mehr halten und dann fiel sie. Vierzig Meter in die Tiefe und nichts mehr würde von ihr übrig bleiben. Sie schrie und spürte, wie die Fallgeschwindigkeit immer weiter zunahm. Es war vorbei, ihr Leben war hier und jetzt vorbei. Sie würde auf dem Betonboden aufprallen und nicht mehr als ein blutiger riesiger Fleck und ihr toter Körper würde übrig bleiben.

„Du bist zu schnell und der Idiot zu langsam!“, Mara hörte ihn lachen, „Mache die Augen auf, damit du siehst, was gleich mit dir passiert!“.

Sie wollte zu ihm sagen, er konnte sie mal! Vierzig Meter in die Tiefe zu fallen, war alles andere als ein Spiel.

„Komm schon, traue dich!“

Also gut, Mara öffnete ihre Augen und sah, dass sie nicht fiel. Seine Hand hatte sich um ihre gelegt, er hatte sie von der Dachkante gerettet.

„Alles nur Illusion. Du hast geglaubt, dass du fliegst. Du hast es gespürt, wie du fällst, wie dein Körper sich immer mehr dem Erdboden genähert hat. Aber es war die reine Illusion! Ihr Menschen seid viel zu schnell zu beeinflussen!“, er lachte und setzte sich auf das Dach, „Komm und setzte dich!“.

„Ich bin ein Mensch und was bist du?“, Mara setzte sich neben ihm.

„Ich bin ein Gefährte und stehe im Dienste der Feuerblume!“, er sah sie mit einem Lächeln an.

„Darf ich dich berühren?“, Mara betrachtete ihn. Er sah nicht anders aus als sie. Okay er war größer, vollkommen durchtrainiert und hatte diese irre Kleidung an. Mara glaubte zuerst er wäre ein Krieger mit seiner schwarzen Lederhose, den Lederstiefeln. Er trug ein etwas mitgenommenes, schwarzes Shirt unter seiner schwarzen Lederjacke. Mara konnte einige Tätowierungen an seinem Hals und seiner Brust sehen, wo sein Shirt eingerissen war. Symbole, die Mara noch nie zuvor gesehen hatte. Kreise, die sich vereinten. Buchstaben, die keine Buchstaben waren, aber Worte ergeben mussten. Zumindest nicht in ihre Sprache, aber sie hatte dieses Gefühl, dass es Worte waren. Er hatte kurze, schwarze Haare. Sein Gesicht war sonnengebräunt, so wie der Rest seiner Haut, den Mara zu sehen bekam. Schwarze Barstoppeln versteckten eine Narbe am Kinn. Seine Augenbrauen waren leicht geschwungen. Seine Nase war groß und gerade. Die Lippen waren voll. Seine Augenfarbe war das wohl außergewöhnlichste, was Mara jemals gesehen hatte. Es war nicht eine Farbe, es waren unzählige Farben.

„Und was hast du davon, wenn du mich berührst?“, er lachte.

„Ich will sehen, ob du echt bist, sehr witzig!“, Mara war sauer.

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, „Bin ich echt!“.

Er fühlte sich zumindest echt an. „Wann wurdest du geboren?“, Mara war trotz der Berührung noch immer am Zweifeln.

„Vor sechsunddreißig Jahren!“

„Du springst und springst doch nicht. Du gibst mir das Gefühl zu fallen, aber ich falle nicht!“, Mara überlegte laut.

„Alles eine Frage der Illusion!“ und er lächelte Mara an.

„Vielleicht bin ich nicht vor sechsunddreißig, sondern vor sechshundertdreißig Jahren geboren. Ich weiß es auch nie so genau. Ich fühle mich fantastisch!“ und wieder überzog sein Gesicht ein Lächeln und seine schneeweißen Zähne traten zum Vorschein.

Eine Illusion dachte Mara. Vielleicht gab es ihn nur in ihrer Vorstellungskraft. Vielleicht hatte sie bereits Wahnvorstellungen und würde sich genau so einen Typen vorstellen.

„Du überlegst zu viel, du verschwendest soviel Energie und viel zu viel Zeit!“

Mara blickte auf und war etwas irritiert, „Woher wusstest du, dass ich überlege?“.

„Du solltest dich dabei sehen. Frauen machen immer so ein komisches Gesicht, wenn sie angestrengt überlegen. Du schiebst dabei dein Zähne auf deine linke Unterlippe. Höchst interessant kann ich dir sagen!“, er stand auf, „Weißt du, dein Vorgänger hat mein Buch einfach weggeschmissen. Er war so wütend und ist mit unserem Geheimnis so achtlos umgegangen. Er hat uns verletzt, er hat uns mit Füßen getreten.“.

„Ich bin wohl daran Schuld!“, Mara sah in etwas verlegen an.

„Wie konnte es auch anders sein!“, er ging auf dem Dach hin und her, „Es sind immer die Frauen, die Männer zu solchen unüberlegten Handlungen bringen!“.

„Hallo, du verletzt mich gerade zutiefst!“, Mara war aufgestanden und ist hinter ihm hergelaufen.

„Oh das kleine Mädchen hat Gefühle!“, er stand ganz plötzlich direkt vor Mara und sein Zeigefinger bohrte sich oberhalb ihrer Brust in ihre Jacke.

„Du bist so ein Idiot!“, Mara sah ihn wütend an.

„Was ist eigentlich ein Idiot? Du hast mich vorhin schon so genannt!“, er sah sie neugierig an.

„Jetzt sage bloß nicht, du wüsstest es nicht. Ein Volltrottel, ein Mann der von nichts eine Ahnung hat und davon ziemlich viel. Ein Mann, der mich gerade so richtig nervt!“

„Perfekt!“ und er lachte laut auf, „So soll es sein. Sobald die Nerven einer Frau blank liegen, hören sie zu. Erst dann sind sie aufnahmefähig!“.

„Woher hast du denn diesen Mist schon wieder!“, für Mara war es zum Haareraufen.

„Alles meine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht!“, er ging um Mara herum, „Du bist mein neuer Boss wusstest du das?“.

„Ich bin kein Boss und schon gar nicht deiner!“, sie fühlte sich von ihm in die Enge getrieben, „Außerdem, wie kommst du darauf?“, sie sah ihn neugierig an.

„Heißt dieses Buch etwa ‚Fredo und das Geheimnis der Feuerblume‘? Nein, so heißt es nicht! Dein Name ist Mara, also stelle dich jetzt mal schön langsam darauf ein, dass du mein neuer Boss bist. Wir werden eine Menge Spaß haben!“, er stand schon wieder viel zu nah vor ihr und das innerhalb von Sekunden. Mara bekam langsam Angst vor ihm.

„Ich werde jetzt von diesem Dach gehen und dann kannst du dir einen neuen Boss suchen!“, sie lief zur Treppe.

„Warum springst du nicht mit mir? Wir zwei gemeinsam!“, er folgte ihr.

„Nein danke, mein Leben ist mir etwas zu wichtig, um geradewegs in den Tod zu springen!“

„Du vertraust mir also nicht!“, jetzt lief er direkt neben ihr her, „Du bist wie dein Vorgänger. Er hatte es nicht mal geschafft mich zu sehen. Geschweige denn mit dem Buch richtig umzugeben. Und du siehst mich und vertraust mir nicht. Menschen sind eigenartig und nicht zu verstehen!“.

Mara war stehen geblieben, „Du willst mir erzählen, er hat dich nie gesehen. Er hat sich als die Feuerblume ausgegeben und war nicht im Entferntesten so weit wie ich und konnte dich nicht einmal sehen?“.

Er tat gelangweilt, „Ja, es war so. Du bist seit langem mal wieder die Erste, die mich sieht. Hatte schon an mir gezweifelt, ob es an mir liegt, dass man mich nicht sehen will!“.

„Und du siehst immer so aus, wie ich dich jetzt vor mir sehe?“, Mara drehte sich zu ihm.

„Kommt darauf an, wie du mich siehst. Wie siehst du mich denn?“, er sah sie leicht grinsend an.

„Du bist so verdammt groß, hast eine fantastische Figur, bist durchtrainiert, braungebrannt. Trägst diese etwas mitgenommenen Lederklamotten. Ich sehe einige Tätowierungen auf deiner Haut. Du hast volle Lippe und am Kinn eine Narbe, die du unter einen Dreitagebart versteckst. Du hast eine große, aber dennoch gerade Nase. Deine Augenbrauen sind perfekt für einen Mann, leicht geschwungen und nicht so verwachsen. Deine Augenfarbe ist irre, ich kann sie nicht genau beschreiben. Von allem etwas würde ich sagen, also ganz unterschiedliche Farben!“, Mara war mit ihrer Beschreibung fertig und sah ihn herausfordernd an.

„Diesmal muss ich ja richtig gut aussehen!“, er war sichtlich froh über die Beschreibung von Mara, „Ich hatte schon weit schlimmere Beschreibungen. Ich war sogar schon ein Baum, für eine Frau, sie hat unter mir gesessen und den Rest erspare ich dir lieber. Ihr Hund hatte mich zu seinem Lieblingsbaum gewählt. Das war … ich sage mal dazu, eine ganz besondere Erfahrung!“.

„Warum hat dich mein Vorgänger nicht gesehen?“, Mara trat noch näher an ihn heran.

„Was tust du da?“, er zog seine Augenbrauen in die Höhe.

„Nichts, wovor du Angst haben könntest!“, Mara grinste, „Warum ich und nicht er?“.

„Weil du die Auserwählte bist!“

Mara ließ sich die Gedanken durch den Kopf gehen und freundete sich so langsam damit an. Obwohl sie rein gar nichts kapierte, aber das war ja bei diesen Typen so oder so egal. Alles nur eine Frage der Illusion, soviel hatte sie bereits verstanden.

„Springst du jetzt mit mir?“, er reichte ihr seine Hand.

Mara wollte schon sagen, ob er noch ganz bei Trost sei. Aber dann ruderte sie zurück und spürte diese Herausforderung in sich, wenn es wirklich stimmte und sie konnte ihm zu hundert Prozent vertrauen, dann würde sie dort unten auf der Erde stehen und sie wäre vollkommen unversehrt. „Ich springe!“.

„Hey coole Sache!“, er war sichtlich erfreut und zog sie bereits zum Rand des Lagerhauses.

Mara blickte unter sich. Vierzig Meter Tiefe lagen unter ihr. Alles wirkte so verdammt klein. Sie hatte Schiss, richtigen Schiss, aber sie wusste, so, wie es jetzt war, so konnte ihr Leben keineswegs weitergehen. Sie blickte ihn an. Er hatte sie beobachtet.

„Bist du bereit?“, fragte er sie.

Sie nickte ihm zu.

„Stelle dir vor, du kommst dort unten stehend auf. Wir zwei stehen nebeneinander. Alles eine Frage der Illusion. Du und ich würden niemals fallen, wir stehen!“

Mara nickte erneut und dann ließ sie sich zusammen mit ihm fallen. Sie schrie und fiel.

Alles eine Frage der Illusion!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 8

Mara war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken zu den letzten Stunden, welche sie mit Marco Sanders verbracht hatte. Sie fühlte diese tiefe innere Zufriedenheit, endlich war sie mit sich im Reinen. Jahrelang hatte sie diesen Konflikt ausgetragen, eine Versagerin zu sein, schlechter als alle anderen zu sein. Eigentlich war es Jessica Baier, die genau diese Worte für sie übrig gehabt hatte. Aber irgendwann, oh ja, irgendwann zweifelte sie an sich und redete sich genau das ein, was andere über sie gesagt hatten und dann fühlte sie es ganz tief in sich drin. Sie war Mara Sommer, die Versagerin. Und dann kamen diese Alpträumen, jede Nacht zogen sie Mara in die Tiefe der Einsamkeit und Angst. Wenn sie schrie kam nachts niemand an ihr Bett und schenkte ihr tröstende Worte. Ihre Mutter verbrachte ihre Nächte bei ihren Liebhabern. Mara war alleine mit ihren drei Jahre jüngeren Bruder, der viel zu fest schlief, um etwas von ihren Panikattacken mitzubekommen. Es war eine schlimme Zeit für Mara gewesen, sie wusste, sie hätte Hilfe gebraucht. Die Scheidung ihrer Eltern, die ständigen verbalen Angriffe in der Schule waren für ein elfjähriges Mädchen nicht leicht zu verkraften. Sie gab sich die Schuld an der Scheidung ihrer Eltern, sie gab sich die Schuld für Jessica Baiers Worte und irgendwann ließ sie keine anderen Gedanken mehr zu, weil sie tatsächlich glaubte, dass sie eine Versagerin war. Sie bestand nur noch aus den Worten fremder Menschen, von denen sie gehasst wurde. Eigentlich kannte sie den wahren Grund nicht, weshalb man sie hasste. Aber Jessica Baier hatte diesen enormen Einfluss alle davon zu überzeugen, dass Mara eine Versagerin war und am Ende glaubte es Jeder. Ihr gesamtes Umfeld betrachtete Mara genau so, wie es mit Worten manipuliert worden war. Das war der Knackpunkt, die Menschen verloren ihre eigene Meinung, ihre eigenen Worte und am Ende verloren sie ihre eigene Sichtweise, weil sie merkten, dass es einfacher war, mit den Worten eines anderen zu reden!

Mara wusste, dass dies nicht die letzte Begegnung mit Marco Sanders gewesen war. Sie wusste aber auch, dass es ihr nur um ihren lang ersehnten Racheakt gegenüber Jessica Baier ging. Sie hatte nie gedacht, dass sie Sex mit einem Mann haben konnte, ohne jegliche Gefühle für ihn zu empfinden. Natürlich war Marco Sanders ein äußerst attraktiver Mann und somit ist ihr diese Begegnung weit leichter gefallen. Aber sie war kalt, sie war rational, sie war vollkommen emotionslos. So kannte sie sich definitiv nicht!

„Wo bist du gewesen?“, Ivonne war aus ihrem Auto gestiegen, als Mara auf ihr Haus zulief. Sie hatte das Auto von Tommy nicht bemerkt, welches am Straßenrand parkte. Mara erschrak, denn sie war so in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie gar nicht damit gerechnet hatte, dass Ivonne hier plötzlich auftauchen würde. Ivonne sah vollkommen verheult aus. Neben ihr im Auto saß Tommy. Er schrieb gerade eine Nachricht auf seinem Handy.

„Was macht ihr hier?“, fragte Mara erstaunt.

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!“, Ivonne sah Mara eindringlich an, „Du weißt es noch nicht?“.

„Was soll ich nicht wissen?“, Mara verstand die Frage nicht.

Tommy stieg aus dem Wagen, „Ich habe ihm gerade geschrieben. Er ist so froh, dass Mara nichts passiert ist!“.

„Wer ist froh? Und was ist hier eigentlich los?“, Mara hatte keine Ahnung von was Tommy da sprach.

Ivonne kam auf sie zu und umarmte sie ganz fest, „Es ist etwas ganz Schlimmes passiert und wir dachten, du hättest auch dieses schreckliche Zeug genommen und …“, Ivonne brachte kein Wort mehr über ihre Lippen, sondern begann ganz bitterlich zu weinen.

„Es geht um Xynthia!“, Tommy sprach sehr leise. Er sah Mara so eigenartig an und ihr wurde ganz flau im Magen.

„Sie … Xynthia  ist tot!“, Ivonnes Worte klangen wie ein Hilfeschrei und sie schluchzte laut auf. Sie hatte sich an Mara geklammert, als wäre sie ihr Rettungsanker. Doch Mara riss diese Nachricht genauso in die Tiefe. Die Worte drangen zu ihr vor, jedoch schienen sie so unwirklich zu sein. Mara hatte Xynthia noch vor einigen Stunden gesehen. Sie war in ihrer Wohnung gewesen, sie waren gemeinsam zu der Party gegangen und jetzt soll sie tot sein! Mara war vollkommen geschockt, ihr wurde schlecht, sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen ins Wanken geriet und dann war es vollkommen schwarz um sie herum.

Maras Kopf fühlte sich an, als wäre sie gegen die Wand gelaufen, er dröhnte und schmerzte zugleich. Sie stöhnte leicht auf, als sie ihre Augen öffnete. Es war dunkel, sie lag in ihrem Bett. Sie wusste nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war. Hilfesuchend blickte sie sich um. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch funktionierte diese mal wieder nicht. Mara richtete sich leicht auf, erst da bemerkte sie die Person, welche gegenüber von ihr auf einem Stuhl saß. Mara sah die Umrisse einer Person, ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie schloss noch einmal ihre Augen und öffnete sie erneut.

„Tommy bist du das?“, ihre Stimme klang fürchterlich, es ähnelte eher einem Krächzen.

„Nein, Ivonne und Tommy sind vor zwei Stunden nach Hause gefahren. Ich habe gesagt, dass ich heute Nacht bei dir bleibe!“, er war aufgestanden und setzte sich zu Mara auf’s Bett. Es war die Feuerblume. Deshalb ging ihr Licht nicht.

Mara ließ sich zurück in ihr Kissen fallen, „Wie bin ich in mein Bett gekommen?“.

„Du bist umgekippt, Tommy hat dich gerade so aufgefangen. Ivonne und er haben dich anschließend ins Bett gebracht.“

Erst jetzt fiel Mara wieder ein, was passiert war, was Ivonne zu ihr gesagt hatte und sie spürte diesen Druck, welcher sich auf ihr Brustkorb legte, „Das mit Xynthia, das ist wahr? Ich meine, das stimmt, was Ivonne und Tommy gesagt haben?“, Mara suchte nach Worten, denn sie konnte das Wort – tot – nicht in den Mund nehmen, das alles erschien ihr so irreal. Besonders, weil sie gestern Abend noch mit Xynthia zusammen gewesen war.

„Ja es ist wahr!“, die Feuerblume setzte sich ganz nah zu Mara. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Mara weinte, ihre Tränen durchtränkten sein Shirt. Seine Hand streichelte ihr zur Beruhigung immer wieder über den Rücken. Sie konnte nichts anders, sie ließ die Tränen einfach laufen, all die Angst, ihre Panikattacken, ihre emotionales Zusammenbrüche und nun der Tod von Xynthia brachen aus ihr heraus. Es hatte sie vollkommen überrollt, sie konnte nicht mehr zurück, sie musste ihm die Wahrheit sagen.

Mara schob sich ein wenig von ihm weg, „Ich bin an Xynthias Tod Schuld!“.

„Du?“, sie hörte die entsetzte Tonlage in seiner Stimme.

„Ich habe mich nicht um sie gekümmert. Ich hätte nach ihr sehen sollen. Ich war so verdammt egoistisch und nun wirst du mich hassen für das, was ich getan habe!“, Maras Stimme schrie fast.

„Ich werde dich niemals hassen!“, er versuchte sie zu beruhigen und zog sie wieder in seine Arme, er wollte sie beschützen, er wollte, dass sie spürte, dass er für sie da war.

„Ich war bei Marco Sanders!“, sie sprach die Worte schnell, viel zu schnell, denn sie wollte es endlich loswerden. Sie spürte, wie er sich versteifte, wie seine Handbewegung plötzlich innehielt, wie er sich nicht mehr regte. Sie wartete darauf, dass er sie von sich stieß.

„Was hast du bei ihm gemacht?“, er fragte vorsichtig nach.

„Oh Gott, wie kann ich dir das erzählen, ohne dich zu verletzen. Ich … ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren und …“

Er nahm sie erneut in seine Arme, „Pssssst mein Engel, ganz ruhig. Ich liebe dich doch auch, mehr als du dir vorstellen kannst. Du wirst mich niemals verlieren, das schwöre ich dir!“.

„Das sagst du so einfach!“, erneut wurde Mara von einer Heulattacke erfasst, sie schluckte schwer, „Ich hatte Sex mit Marco Sanders!“ und dann wie aus heiterem Himmel wurde ihr bei den Worten kotzschlecht und sie schob sich von ihm weg und rannte im Dunkeln ins Badezimmer. Sie spürte, wie sie zu würgen anfing, instinktiv riss sie den Klodeckel nach oben und sie hatte sich gerade nach vorn gebeugt, als sie ins Klobecken erbrach. Mara hatte das Gefühl, als wollte alles aus ihr heraus, der Würgereiz nahm kein Ende. Irgendwann richtete sie sich auf und ging leicht benommen zum Waschbecken, sie spülte sich immer wieder ihren Mund aus. Als sie ihren Mund abgetrocknete, erkannte sie ihn, wie er am Türrahmen lehnte und sie wohl die ganze Zeit schweigend beobachtet hatte. Sie ging auf ihn zu, „Du bist enttäuscht, nicht wahr?“, Mara stellte sich ihm gegenüber, „Lass es mich wenigstens erklären!“

„Was gibt es da zu erklären Mara, du hattest Sex mit Marco Sanders!“, seine Stimme klang so enttäuscht.

„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich liebe dich, nur dich!“, Mara flehte ihn an, sie zu verstehen. Sie ging auf ihn zu, jedoch trat er einen Schritt zurück.

„Mara, ich rufe Ivonne an. Es ist besser, wenn sie heute Nacht kommt. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder zu dir kommen werde.“, er holte sein Handy aus der Tasche.

Mara schrie laut auf, „Unterstehe dich Ivonne anzurufen. Ich will sie nicht hier haben, hast du mich verstanden. Und wenn du mich nicht verstehen willst, oh Gott …“, sie brach erneut in Tränen aus, „Dann lass es einfach. Ich will mich nicht mehr erklären müssen, bei niemanden mehr. Geh!“, schrie sie, „Geh einfach und lass mich in Ruhe.“, sie sackte im Flur zusammen und biss sich auf ihre Hand, um nicht noch lauter schreien zu müssen. Sie hörte, wie die Tür ins Schloss knallte und sie wusste, sie hatte ihn für immer verloren.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 7

Mara hatte ihr Auto geparkt, als sie durch die Autoscheibe Xynthia erkannte, welche ihr entgegenlief und über ihren Arm ein glitzerndes Etwas hielt. Sie winkte Mara überschwänglich zu.

„Womit habe ich die Ehre!“, Mara stieg aus ihrem Auto und sah neugierig zu ihr.

„Wir zwei gehen heute Abend auf eine Party!“, Xynthia drehte sich vor Mara im Kreis. Erst jetzt bemerkte sie, dass Xynthia ein kurzes, schwarzes Kleid trug, welches ihre langen Beine noch länger erscheinen ließ und durch den engen Schnitt ihr Busen so richtig zur Schau stellte. Ihre High Heels hatten solche spektakulären Mörderabsätze. Diese Frau wird heute Abend nicht lang allein sein, überlegte sich Mara beim Betrachten.

Sie hatte sich wohl verhört, „Was hast du gesagt?“. Sie schloss ihr Auto ab und lief zu ihrer Wohnung, gefolgt von Xynthia.

„Wir zwei gehen heute Abend auf eine Party!“, rief Xynthia überschwänglich hinter ihr.

Du gehst auf eine Party!“, Mara hatte sich kurz umgedreht und auf sie gezeigt, „Ich werde jetzt duschen und anschließend meinen Abend auf der Couch vorm Fernseher verbringen. Mir tut alles weh!“. Sie hat seit elf Uhr morgens Pizzen für Carlo ausgefahren. Um neunzehn Uhr kam dann endlich Giovanni um sie abzulösen. Es war ein harter Tag für Mara gewesen. Sie hatte sich seit Stunden so sehr nach ihrer Couch gesehnt und genau deshalb wird eine Xynthia Schneider sie heute Abend auf keine Party schleifen, „Nimm Ivonne mit!“, schlug sie ihr vor.

„Das geht nicht, außerdem hat Ivonne gemeint, ich werde mit dir dort hingehen !“

„Das hat Ivonne gemeint! Und wieso weiß Ivonne so genau, was ich will?“, Mara drehte sich erstaunt zu Xynthia um.

„Ich soll dir sagen, es wäre ein Auftrag und du wüsstest schon, was sie damit meint!“

„Ein Auftrag also!“, Mara sprach mehr zu sich selbst. Wenn sie an ihren letzten Auftrag im ‚Ricardos‘ dachte, da wollte sie gar nicht erst wissen, was sie heute Abend erwartete. Xynthia hatte nicht bemerkt, dass Mara an der Haustür stehen geblieben war, um in ihrem Briefkasten nach der Post zu schauen und rannte mit voller Wucht gegen sie.

„Pass doch auf!“, Mara sah sie böse an. Sie waren noch nie beste Freundinnen gewesen. Nur wegen Ivonne versuchte Mara mit ihr auszukommen. Ansonsten hatte sie mit dieser Frau absolut nichts am Hut. Schon gar nicht, weil Xynthia sich zu Jessica Baiers Freundeskreis zählte, das war für Mara ein absolutes No Go.

Maras Handy vibrierte in ihrer Hosentasche. Wer nervt jetzt noch? Sie zog es aus der Tasche und war sichtlich erstaunt.

Er: Hallo mein Engel würdest du mir heute Abend diesen großen Gefallen tun und mit Xynthia auf die Party gehen?  Die Frage endete mit einem Kusssmiley.

Es war eine Nachricht von der Feuerblume. Woher hatte er ihre Handynummer? Sie hatte die Wahl – ihn zu blockieren oder ihn zu ihren Kontakten hinzufügen. Sie wollte nicht auf diese bekloppte Party! Innerlich fluchte sie, aber sie konnte ihm diesen Gefallen auch nicht ausschlagen, schließlich war er ihr Boss und welcher Boss nannte sie schon Engel. Mein Engel! Ja, das hörte sich nach einer Fastbeziehung an, mein Engel. Mara fügte ihn zu ihren Kontakten hinzu, währenddessen sie die Treppenstufen zu ihrer Wohnung hochging.

Sie: Woher hast du meine Nummer???

„Ich tue es, aber nicht für Ivonne und auch nicht für dich!“, Maras Blick sprach Bände, so böse schaute sie Xynthia an.

„Für wen dann, wenn ich fragen darf?“

„Darfst du nicht!“, Mara hatte die Wohnungstür aufgeschlossen.

Er: Das soll mein Geheimnis bleiben!

„Was soll ich bitteschön anziehen?“, Mara blickte erwartungsvoll zu Xynthia.

Sie: Ich hasse Geheimnisse!

„Tada!“, sie hob das glitzerndes Etwas vor sich. Es war ein silbernes Minikleid.

Er: Ich liebe Geheimnisse! Und unser Geheimnis ist das Schönste mein Engel!

„Da sehe ich ja aus wie eine Discokugel!“, Mara hielt sich die Augen zu.

Sie: Fragt sich nur wie lange?

„Discokugel bist du des Wahnsinns. Dieser Fetzen hat mich schlappe fünfhundert Mäuse gekostet und du erzählst mir, du siehst darin aus wie eine Discokugel!“, Xynthia war sichtlich eingeschnappt.

Er: Solange du es für dich behältst! Herzsmiley Außerdem vermisse ich dich mein Engel!

„Ich gehe jetzt duschen und dann probiere ich deinen teuren Fetzen an und wehe … ach lass es gut sein!“, Mara sparte sich weitere Worte, „In der Küche ist Wasser oder was auch immer du trinken willst, bediene dich einfach!“.

Sie: Hört sich fantastisch an, ich vermisse dich auch, sehr sogar! Diesmal wagte Mara einen Kusssmiley.

„Mache ich! Gehe du duschen und ich mache es mir gemütlich!“, Xynthia schien sich bereits in ihrer Küche zu bedienen.

Diese Frau war doch echt der Knaller! Sie verstand Ivonne nicht, wie sie mit dieser aufgedrehten Person befreundet sein konnte! Xynthia halt, eine Frau die nie erwachsen wurde und das Leben in vollen Zügen genoss! Sie musste sich schließlich auch keinerlei Gedanken machen. Ihr Vater war der Inhaber von ‚Brucks & Maier‘. Es war ein Familienunternehmen, welches bereits in der vierten Generation bestand. Sie stellten Designermöbel her. Ihre Möbel waren weltweit gefragt. Sie wussten halt, wie man Geschäfte machte. Und Xynthia wusste, wie man das Geld ausgab und ihre drei Schwestern und ihre Mutter auch.

Er: Gehst du zur Party?

Mara kam aus der Dusche und schnappte sich ihr Handy. Typisch Mann! Erst mit schmalzigen Worten die Frau einlullen und dann gleich zum Geschäftlichen kommen.

Sie: Ja!!!

Kaum zwei Sekunden später kam die Antwort.

Er: Danke mein Engel! Ich wusste, ich kann mich auf dich verlassen. Falls du morgen Abend noch kein Date hast, würde ich gern zu dir kommen!

Das kann dir so passen! Erst die Arbeit und dann das Vergnügen. Mara hatte ihn durchschaut!

Sie: Morgen Abend … muss ich mir nochmal überlegen. Schreibe ich dir dann morgen!

Lasse nie einen Mann zu schnell spüren, dass du etwas von ihm willst, das hatte ihre Mutter mal zu Mara gesagt. Sie fand die Ratschläge ihrer Mutter einfach nur dämlich, weil sie noch immer keine feste Beziehung hatte. Aber heute befolgte sie ihn dann doch. Sie ignorierte seine Nachrichten und machte sich für die bevorstehende Party fertig.

„Zu welcher Party gehen wir überhaupt?“, Mara lief neben Xynthia die Treppenstufen zu einer sagenhaften Villa im viktorianischen Stil hinauf. „Die Villa ist der Hammer!“, sie kam nicht mehr aus dem Staunen heraus.

„Ach ja habe ich ganz vergessen zu sagen. Marco Sanders, ihm gehört auch die Villa!“

„Der Marco Sanders!“, Mara war ganz erstaunt, „Der lässt mich doch niemals zu seiner Party!“.

„Mit Begleitperson Schätzchen!“,  Xynthia hielt ihr die Einladung entgegen.

„Da bin ich echt mal gespannt!“, Mara hörte bereits die laute Musik und die tiefen Bässe, die aus der Villa drangen.

„Da ist schon voll was los!“, Xynthia hielt dem Security ihre Einladung entgegen, „Sie ist meine Begleitperson!“, dieser öffnete ihr wortlos die Tür.

Mara sah Menschen über Menschen im Haus. In der Eingangshalle, auf der Treppe, in den dahinterliegenden Räumen. Laute Musik dröhnte durch die Räume, dass man sich kaum unterhalten konnte. Lichteffekte veränderten immer wieder ihre Farben und tauchten die Räume und Menschen in ein spektakuläres Lichtspiel. Es war der Hammer! Mara war noch nie zu so einer Party eingeladen worden.

„Xynthia!“, Mara hörte eine Stimme hinter sich vor Freude aufkreischen. Als sie die Person erblickte, wäre sie am liebsten wieder gegangen. Es war Samantha, die beste Freundin von Jessica Baier.

Samantha umarmte Xynthia und erblickte Mara, „Was macht sie hier?“, fragte sie erstaunt.

„Sie ist meine Begleitperson!“, Xynthia stellte sich neben Mara und hakte sich bei ihr unter.

„Cooles Kleid!“, Samantha gab Mara die Hand.

„Siehst du, doch keine Discokugel!“, flüsterte Xynthia Mara ins Ohr, während sie Samantha folgten.

Jetzt sollte es spannend werden! Mara hatte Jessica entdeckt und sie anscheinend auch Mara. Nach ihrem Blick zu urteilen, mit welchem sie auf Mara zukam, musste es so sein.

„Was macht sie hier?“, Jessica baute sich vor Mara auf.

„Mara ist meine Begleitperson!“, Xynthia umarmte Jessica, als wären sie beste Freundinnen.

„Das ist jetzt echt nicht dein Ernst!“, Jessica sah Xynthia extrem sauer an.

„Doch mein voller Ernst!“, Xynthia jedoch ließ sich nicht beirren.

„Hey Schatz, wer sind diese hübschen Ladys? Oh hallo Xynthia schön dich zu sehen!“, er umarmte Xynthia und drehte sich anschließend zu Mara, „Hallo schöne Frau!“ Dieser Mann war groß gewachsen, hatte seinen langen, braunen Haare zu einem Pferdeschwanz gebunden und trug einen Dreitagebart. Seine grünen Augen betrachteten Mara voller Neugier. Er reichte ihr seine Hand, „Marco Sanders!“.

„Mara Sommer!“, seine Hand hielt noch immer ihre fest. Sein Blick verweilte viel zu lange auf ihr und das bemerkte Jessica sofort und somit schob sie sich zwischen die Beiden.

„Schatz wir müssen noch mehr Gäste begrüßen!“, Jessica warf Mara einen bitterbösen Blick zu.

„Genießen Sie meine Party Mara. Übrigens das Kleid ist der Hammer, sie sehen umwerfend aus!“ und schon wurde er von Jessica weggezogen.

„Discokugel!“, Xynthia sah Mara breit grinsend an und zog sie zu einer Bar.

Mara hatte noch nie so viele Cocktails getrunken, wie an diesem Abend, sie fühlte sich, als würde sie schweben. Die Cocktails hatten es in sich, die Musik war nicht immer ihr Geschmack, aber es ließ sich ganz gut bei der Musik tanzen und sie wurde reihenweise von irgendwelchen Typen angequatscht. Und die Nachrichten auf ihrem Handy wurden auch nicht weniger, obwohl sie sie ignorierte.

„Hallo schöne Frau!“, Marco Sanders hatte Mara abgepasst, als sie von der Toilette kam. „Ich bin mir nicht sicher, aber wir kennen uns irgendwoher. Diese blonden Locken und grünen Augen sind nicht zu übersehen!“ Er drängte Mara an die Wand, seine Finger spielten mit ihren Locken. Seine Lippen hingen an ihrem Hals, „Wir müssen uns unbedingt treffen!“, flüsterte er in ihr Ohr. Seine Hand glitt zu ihrem Hals hinab, verweilte einen Moment am Ausschnitt ihres Kleides und umkreiste ihren Busen, „Du bist ein Traum von einer Frau, das weißt du!“, seine Hand strich über ihren Bauch und umfasste ihre Hüfte. Er zog sie eng an sich heran und blickte ihr dabei tief in die Augen. Sein Kopf senkte sich zu ihr. Mara musste es tun, nicht, weil sie es gewollt hätte, sondern weil sie es Jessica Baier heimzahlen wollte. Sie schob sich ihm entgegen, ihre Lippen trafen voller Gier auf seine. Ihre Hand schob sich in seinen Nacken, er beugte sich ihr noch weiter entgegen. Sie öffnete ihren Mund und glitt mit ihrer Zunge über seine Lippen. Es gefiel ihm. Er brauchte nicht lange, um zu wissen, was sie wollte. Dieser Kuss hatte es in sich, er war heiß und voller Begehren. Mara schob ihr Bein nach vorn, sie wollte ihm zeigen, dass sie gewillt war. Seine Erregung war unmittelbar zu spüren. Ihre Zungen tanzten miteinander. Seine Hände gaben ihr Halt und sie genoss es, oh ja sie genoss es, den Mann von Jessica Baier zu verführen.

„Ich fasse es nicht!“, hinter Marco Sanders schimpfte eine Frau laut auf, er jedoch ließ sich nicht beirren und küsste mit voller Hingabe Mara weiterhin. Mara kannte die Stimme, es war Samantha gewesen. Jetzt war es nur noch eine Frage der Zeit, wann Jessica hier auftauchen würde. Allzu ungern löste sie sich von ihm.

„Oh ja, wir sollten uns unbedingt treffen!“, Mara war etwas benommen und lächelte Marco Sanders an.

„Das werden wir!“, er zwinkerte ihr zu, „Jo!“, Marco Sanders hatte sich etwas von Mara entfernt. „Gib mir mal einen Stift. Die sagenhafte Lady hier braucht unbedingt meine Nummer!“ Jo reicht ihm einen Kugelschreiber. Er schob den Träger von Maras Kleid etwas herunter und legte so den Ansatz ihres Busens etwas frei. Er begann auf ihrer Haut seine Telefonnummer zu schreiben. Mara war erstaunt auf welche Gedanken dieser Mann kam. Aber so konnte sie tatsächlich seine Nummer nicht verlieren. Marco beugte sich erneut vor und küsste Mara mitten auf den Mund, „Du rufst mich an, du sagenhafte Frau!“ und er schob Maras Träger wieder zurecht.

„Hier bist du mein Schatz!“, Jessica trat neben Marco Sanders und zeigte Mara ganz offensichtlich, dass dieser Mann ihr gehörte. Sie küsste ihn, nein, sie leckte ihn ab. Mara grinste in sich hinein. Die Frau hatte es doch echt nötig. Samantha hatte ganze Arbeit geleistet!

„Ich gehe mal Xynthia suchen!“, Mara sah zu den Beiden. Marco zwinkerte ihr zu, Jessica ignorierte sie, aber das war sie ja schließlich gewöhnt.

Mara konnte Xynthia nirgendwo finden. Als die meisten Gäste bereits gegangen waren lief ihr Samantha über den Weg, „Hast du Xynthia gesehen?“.

„Die ist oben, ich glaube, die war da mit irgendeinen Typen!“, Samantha zeigte die Treppe hoch, „Mara, es wäre nicht so gut, wenn du was mit Marco anfangen würdest, da versteht Jessi echt keinen Spaß. Ich habe ihr von euch nichts erzählt. Sie hätte dich hier hochkant rausgeschmissen. Lass die Finger von Marco, gut gemeinter Rat von mir!“, Samantha lächelte Mara vorsichtig an.

„Danke für den Rat!“, Mara hätte wetten können, dass Samantha Jessica erzählt hatte, dass Marco Sanders und sie etwas zu weit gegangen waren, aber anscheinend hatte sie sich in dieser Frau geirrt. Und jetzt bekam Mara erst richtig Lust Jessica Baiers Freund den Kopf zu verdrehen.

Mara ging nach oben, kannte sich eigentlich nicht im Haus von Marco Sanders aus, aber sie wollte Xynthia unter keinen Umständen hier allein zurücklassen.

„Da bist du ja, ich habe dich schon überall gesucht!“, Mara drehte sich um, hinter ihr stand Marco Sanders. Er kam auf sie zu, legte seine Arm um sie und dirigierte sie zu einer geschlossenen Tür. Er drehte sich noch einmal um, so, als wollte er sich vergewissern, dass niemand sah, wie er und Mara in den Raum gingen. Hinter sich schloss er die Tür ab. Es war ein Zimmer, in welchem es keine Tapete, sondern nur Spiegel gab. In der Mitte des Raumes stand ein riesiges Bett oder sollte man eher Spielwiese dazu sagen. Mara hatte so etwas noch nie mit eigenen Augen gesehen. Marco Sanders stand hinter ihr und schob die Träger ihres Kleides über ihre Schulter, das Kleid rutschte wie von selbst auf den Boden. Mara trug nur noch ihren winzigen schwarzen Tanga und einen minimalistischen Busenhalter. Er ging um sie herum und betrachtete sie ausgiebig.

„Du gefällst mir!“

Mara trat auf ihn zu. Ihre Finger glitten über seine Lippen, sanft biss er in ihren Zeigefinger. Ihre Hand suchte seinen Weg hinab zu seinem Hemd, nach und nach knöpfte sie sein Hemd auf. Ihr Blick war von seinen grünen Augen gefangen. Sie streifte ihm das Hemd ab und trat ihm entgegen. Ihre Hände berührten voller Begehren seine nackte Haut, ihre Lippen forderten ihn heraus. Zügellos und voller Verlangen trafen sich ihre Zungen. Sie wollte heiß, begehrenswert und verführerisch sein. Sie wollte, dass dieser Mann den Namen Jessica Baier vergaß und nur noch sie in seinem Kopf hatte. Sie war so rachsüchtig! Oh ja, sie wollte es Jessica Baier heimzahlen! Sie löste sich von seinen Lippen und betrachtete ihn voller Lust. Sein nackter Oberkörper war vollkommen durchtrainiert und von der Sonne gebräunt. Sie beugte sich nach vorn und ihre Lippen glitten von seinem Hals hinunter zu seiner Brust, erreichten seinen Bauch und saugten sich fest in seinen Bauchnabel. Mit ihren Händen öffnete sie seine Hose. Sie spürte seine Erregung und rieb etwas fester mit ihrer Hand darüber. Mara bemerkte diese unbändigen Drang in sich aufsteigen diesen Mann zu kontrollieren. Er stand vollkommen nackt vor ihr. Sie genoss seinen Anblick. Sie gab ihn einen letzten leidenschaftlichen Kuss, dann kniete sie sich vor ihn. Ihr Mund nahm seine Erregung auf und sein hemmungsloses Stöhnen durchdrang den Raum.

Mara wusste nicht wie lange sie in diesem Raum mit Marco Sanders gewesen war. Sie hatte ihn vollkommen unter Kontrolle gehabt und das gefiel ihr. So kannte sie sich nicht, als die begehrenswerte Frau, die einen Mann verführte. Diese Spiegel hatten sie vollkommen verändert. Mara wusste, dass dies erst der Anfang war! Die Vergeltung für all die Demütigungen von Jessica Baier hatte soeben begonnen!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Épisode 5

Sie brauchen ein Date! Heute Abend um 18.00 Uhr im Ricardos.

Mara hielt die Nachricht von der Feuerblume in ihrer Hand und war vollkommen durcheinander. Ein Date mit ihm! Natürlich wusste sie nicht, ob er ein er war. Aber Tommy hatte sich einmal verplappert und da war sie sich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass die Feuerblume ein Mann sein musste, auch wenn Tommy es seitdem vehement abstreitet. Zwei Jahre kannte sie bereits die Feuerblume und hatte noch nie näheren Kontakt zu ihm gehabt.

Mara musste sofort ihren Kleiderschrank checken, schließlich musste sie gut aussehen, nein, sie musste umwerfend aussehen. Geschlagene zwei Stunden hatte sie gebraucht, bis sie mit sich zufrieden war. Sie wusste, dass das ‚Ricardos‘ eines der teuersten Restaurants der Stadt war. Dort einen Platz zu bekommen war mehr als schwierig. Entweder man kannte dort jemanden oder man gehörte zur Elite der Stadt. Mara hatte weder Beziehungen zu den Angestellten des Restaurants, noch war sie reich.

Sie blickte auf ihre Uhr. Sie hatte noch genügend Zeit, um vor ihm im Restaurant zu sein. Da sie nicht wusste, wie dieser Abend ausgehen würde, also wenn die Frage kam – Zu dir oder zu mir? – da rief sie sich dann doch lieber ein Taxi. Zehn Minuten vor achtzehn Uhr betrat sie das ‚Ricardos‘. Nun spürte sie, wie nervös sie eigentlich war. Die ganze Zeit war sie damit beschäftigt gewesen ihren Kleiderschrank zu durchsuchen, zu duschen, ihre Haare zu stylen, sich zu schminken und sich letztlich in ihr spektakuläres Kleid zu zwängen.

Die Dame am Empfang sah sie freundlich an. „Ich habe um achtzehn Uhr eine Verabredung!“ Sie schaute in ihr Buch, „Frau Sommer?“ und nannte oder fragte vielmehr nach ihren Namen.

„Ja, das bin ich, Mara Sommer!“, Mara war total aufgeregt. Sie konnte kaum ruhig stehen. Ihre Finger öffneten und schlossen schon während der Taxifahrt ständig ihre Clutch.

„Kommen Sie bitte mit. Ihre Verabredung ist noch nicht da. Ich hoffe, das stört sie nicht?“ Sie brachte Mara an einen Tisch für zwei Personen. Mara überlegte, auf welche Seite sie sich lieber hinsetzen sollte. Im Rücken zu den Leuten und sich nur auf ihn konzentrieren oder doch eher in den Raum blickend. Die Dame vom Empfang hatte bereits einen Stuhl nach hinten geschoben und so Maras Überlegungen ein schnelles Ende gesetzt, mit dem Rücken zu den Leuten. „Darf ich Ihnen schon etwas zu Trinken bringen?“

Mara überlegte einen kurzen Moment, „Ich warte lieber auf meine Begleitung!“ Die Dame vom Empfang nickte ihr zu und entfernte sich wieder.

Mara hätte schon gern etwas Stärkeres bestellt, damit sie ihre Angst oder doch eher ihre Aufregung wegtrinken konnte. Aber sie wollte sich bei ihrem ersten Date ganz sicher nicht blamieren. Das Restaurant füllte sich nach und nach. Direkt neben Mara setzten sich zwei Pärchen. Sie schienen eng befreundet zu sein. Die Männer redeten über ihren Arbeitstag, die Frauen über ihren momentanen Erschöpfungszustand. Man, man, man, dachte sich Mara, die Frauen hatten vielleicht Probleme. Sie war schließlich alles andere als erschöpft, sie hatte Adrenalin pur in sich, so sehr machte sie sich vor Angst in die Hose.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin!“

Mara blickte sich um, eigentlich hätte sie sich nicht einmal umblicken müssen, denn die Stimme kam ihr mehr als bekannt vor. Es war Tommy!

Mara wollte schon aufspringen, da legte er ihr seine Hand auf die Schultern, „Alles ist gut. Es ist ein Auftrag Mara!“.

Ein Auftrag! Mara schossen hunderte von Schimpfwörter durch den Kopf. Sie war wütend! Sie war fassungslos! Sie war entsetzt! Ein Auftrag! Und sie hatte stundenlang gebraucht, um sich zurechtzumachen. Hätte sie gewusst, dass es ein Auftrag ist, wäre sie in Jogginghose gekommen.

„Mara bleib bitte ruhig!“, Tommy sah es Mara an, sie war kurz vorm Explodieren.

„Was darf ich Ihnen zu Trinken bringen?“, die Kellnerin war an ihren Tisch getreten.

„Einen Whisky!“, Maras Entschluss stand fest.

„Wir haben verschiedene Whiskysorten!“, die Kellnerin wollte ihr gerade alle Whiskysorten des Hauses aufzählen.

„Egal, Hauptsache stark!“, Mara schnitt ihr das Wort ab.

„Für mich ein Pils bitte!“, sagte Tommy, „Und für die Dame ein eher nicht so starken Whisky!“, fügte er hinzu.

„Das habe ich gehört Tommy!“, Mara sah ihn böse an.

Die Kellnerin entfernte sich von ihrem Tisch. Neben den beiden ging es bereits hoch her. Es wurde laut gelacht und die Witze, die die Herren erzählten, waren nicht für die Ohren der anwesenden Gäste geeignet.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?“, Mara hätte heulen können.

„Ich musste es ihm hoch und heilig versprechen.“, Tommy beugte sich ein wenig nach vorn und begann zu flüstern, „Der Tisch neben uns, das sind die Personen, die wir beobachten sollen. Falls wir etwas Auffälliges bemerken, sollen wir ihm Bescheid geben, damit die Polizei rechtzeitig informiert wird!“.

„Bescheid!“, sagte Mara trotzig.

„Ach Mara jetzt sei doch nicht sauer!“, Tommy sah sie an und versucht sie zu beruhigen.

Doch Mara ließ ihm keinerlei Chance dazu, „Du kannst dieser dämlichen Feuerblume Bescheid geben, dass sie mir mal kreuzweise den Buckel runterrutschen kann oder noch besser am Arsch vorbei geht.“, wütend sprang Mara auf, „Wo ist hier das Klo?“.

Die Kellnerin stand direkt hinter ihr, „Die Toiletten befinden sich dort drüben, Treppe hinunter, erste Tür rechts!“.

Mara war zu wütend, um sich bei ihr zu bedanken. Sie stampfte davon. Im Klo schloss sie sich ein und wusste nicht, ob sie heulen sollte, dann war aber ihr schönes Make up vollkommen ruiniert. Nicht mal das konnte sie in diesem Laden! Sie musste perfekt aussehen, für ein perfektes Date, mit einem perfekten Mann. Sie könnte kotzen. Ein Auftrag! Was hätte es auch anderes sein sollen, als ein Auftrag.

Im Klo, dass heißt, direkt vor ihrem Klo wurde es ziemlich laut. Ein Gekicher und Gegacker. Mara hielt sich die Ohren zu, damit sie wenigstens ihr kleines Geschäft in Ruhe verrichten konnte. Nachdem sie ihr enges Kleid versucht hatte halbwegs wieder glatt nach unten zu ziehen verließ sie die Toilette. Draußen standen die zwei Frauen vom Nachbartisch. Sie hatten Mara gar nicht bemerkt.

Eine der Damen hielt eine Tüte mit roten Tabletten in ihrer Hand, „Nimm, die werden dir gut tun!“. Sie hielt der Frau die Tüte hin, als wären es Schokobonbons. Mara traute ihren Augen kaum. Sie nahm eine Tablette. „Musst zwei nehmen, da ist die Wirkung noch explosiver!“, tatsächlich sie griff noch einmal zu.

Mara ging einen Schritt zurück, schob leise die Tür wieder von innen zu. Erneut drückte sie auf die Toilettenspülung. Laut hustend trat sie aus der Toilette. Nun endlich hatten die Frauen Mara bemerkt. Die Frau mit den Tabletten in der Hand, schob diese unbemerkt, naja alles andere als unbemerkt in ihre Handtasche zurück. Die andere Frau, die soeben noch unter dem Wasserhahn gehangen war, hob blitzartig ihren Kopf und erkundigte sich nach ihrer Frisur.

„Sieht gut aus!“, sagte Mara zu ihr.

„Meinen Sie wirklich?“, sie prüfte erneut, ob alle Strähnen ihres Bobs richtig lagen.

„Die Haare liegen perfekt!“, Mara hatte sich neben die Frau gestellt und wusch ihre Hände. Bevor sie zur Tür ging, drehte sie sich noch einmal um, „Schönen Abend wünsche ich Ihnen!“. Sie öffnete die Tür und hörte noch, „Das ist eine sehr nette Person!“.

Wenn die wüssten, wie nett ich bin, dachte sich Mara und ging mit eiligen Schritten auf ihren Tisch zu. „Du kannst Mister Vollpfosten anbimmeln, die Damen haben sich soeben auf dem Klo zugedröhnt. Die Menge, die sie in ihre Tasche hat, reicht für uns alle hier!“, zischte Mara über den Tisch. Sie nahm den Whisky, „Prost!“.

Tommy funkelte sie böse an und schüttelte seinen Kopf.

„Was ist?“, Mara blickte Tommy unschuldig an.

„Unterstehe dich, dass du dich hier volllaufen lässt!“

„Und wenn, die Rechnung bezahlt doch so und so dein bester Freund!“

„Unser bester Freund!“, Tommy verpasste Mara einen leichten Tritt unter dem Tisch. „Autsch!“

In diesem Moment kamen die zwei Frauen vollkommen relaxt oder doch eher vollkommen high zurück an den Nachbartisch. Mara war so angewidert. Sie verstand die Leute nicht, die dieses Zeug nahmen. Sie wussten wohl nicht, wie sehr sie damit ihren Körper schadeten, nur um einmal gut drauf zu sein. Ganz ehrlich da trinkt Mara lieber noch einen Whisky. Die Bestellung wurde gebracht, obwohl Mara nichts bestellt hatte. Sie sah erstaunt zu Tommy, der schien aber genauso überrascht zu sein. „Mit bester Empfehlung und einen angenehmen Abend soll ich Ihnen ausrichten!“, die Kellnerin begutachtete noch einmal alle Teller und Schüsseln, welche sie gerade auf den Tisch gestellt hatte. Auf dem Tisch stapelten sich die Teller und Schüsseln mit dem leckersten Essen. Mara musste zugeben, so schlecht war ihr Boss dann doch nicht, er wusste, wie man Leib und Seele glücklich machte, „Lass uns essen, wenn schon kein Date, dann wenigstens richtig gutes Essen!“.

Das Essen wurde durch das Eintreffen der Polizei gestört, aber Mara ließ sich nicht beirren. Sie starrte nicht, wie die anderen Gäste zu den zwei Pärchen, die mit Handschellen abgeführt wurden. „Ich bin zwar voll, aber auf das Dessert verzichte ich ganz sicher nicht!“, Mara hätte platzen können, aber nach diesem Tag war es ihr egal, mit wie vielen Pfunden mehr sie nach Hause kam und in ihr Bett fiel.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 4

Wir begeben uns zehn Jahre zurück. Alexander Kilian gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Interforce Consulting. Gründer dieser Firma sind Benjamin Steinhold und Oliver Brecht. Wenn wir uns weitere sechs Jahre zurückbegeben, fügen wir eine weitere Person hinzu – Sebastian Moor. Alle drei kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit und waren stets eng miteinander befreundet gewesen. Ganz gewiss hatten die drei Jungs eine überschäumende Fantasie und sie schmiedeten gemeinsame Pläne ihre Stadt zu verändern. Benjamin Steinhold war das Zahlengenie. Er war wie sein Vater der geborene Kaufmann. Alle Geschäfte, welche er bisher bei Interforce Consulting getätigt hatte fuhren beträchtliche Gewinne ein. Oliver Brecht war der Computernerd. Er hatte bereits mit dreizehn alle Passwörter des Computersystems der Schule geknackt. Und Sebastian Moor war die Überzeugungskraft in die Wiege gelegt worden. Er hatte das Talent Menschen mit seinen Visionen zu begeistern, Menschen für seine Vorhaben zu gewinnen. Jedoch gab es nur zwei Gründer bei Interforce Consulting. Sebastian Moor ließ sich gerne inspirieren und hatte sich letztendlich gegen das Projekt seiner Freunde entschieden. Es gab weit größere Pläne, die vor ihm lagen – das Industriegebiet Sanders & Moor. Marco Sanders war der Sohn des damaligen Bürgermeisters, er hatte schnell erkannt welche Begabungen in Sebastian Moor steckten. Hier trennten sich die Wege der drei ehemals besten Freunde.

Alexander Kilian war in der Forschungsabteilung von Interforce Consulting tätig. Interforce Consulting gehörte zu den führenden Anbietern der Kosmetikbranche. Ihr meistverkauftes Produkt war ein Serum, welches der Zellerneuerung diente. Alexander Kilian war ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, bislang hatte er nie Fragen zu Veränderungen oder Neuerungen gestellt. Jedoch zweifelte er an den neuen Wirkstoff, den Benjamin Steinhold bei seiner letzten Teambesprechnung erwähnte. Er recherchierte nach diesem Derotrexin, welches Benjamin Steinhold als die Neuentdeckung auf dem Markt angepriesen hat. Dieser Wirkstoff würde die Zellerneuerung um bis zu fünfzig Prozent beschleunigen. Wenn Interforce Consulting diesen Wirkstoff ihrem bisherigen Serum hinzufügen würde, dann würden die Verkaufszahlen des neuen Serums in die Höhe schießen. Alexander Kilian konnte jedoch keinerlei Daten oder Zusammensetzungen darüber finden. Zwei Wochen später wurde dieses Derotrexin in einer großen Menge angeliefert. Es war ein hellbraunes Pulver, welches in winzigen Tütchen verpackt war. Alexander Kilian wollte das Pulver sogleich in seinem Labor untersuchen und hatte ganz ausversehen eines der Tütchen in seinem Laborkittel verschwinden lassen. Zwei Tage später war er tot und das gesamte Derotrexin war wie vom Erdboden verschluckt. Nun lag die ganze Hoffnung in der Akte, welche Mara Sommer aus dem Safe von Dr. Barner entwendet hatte. An diesem Abend gab es noch jede Menge Pizzen von Pizza Carlo auf dem Polizeirevier. Und irgendwie, auf ganz mysteriöse Weise ist die Akte von Alexander Kilian auf dem Schreibtisch des Dienststellenleiters gelandet.

Eine Woche später stand es in den Zeitungen:

Die Firma Interforce Consulting muss sich für den Tod an Alexander Kilian verantworten! Die Polizei geht neuen Hinweisen nach. Aus ermittlungstechnischen Gründen können keine weiteren Angaben gemacht werden!

Es hätte nicht besser laufen können für Mara, glücklich und mehr als zufrieden blätterte sie die Zeitung wieder zu und legte sie auf den großen Stapel alter Zeitungen.

Bevor Mara zu Plan B übergehen konnte, musste im Vorfeld noch einiges getan werden. Sie brauchte mehrere Tage, um herauszufinden, wo sich diese Akte genau befand. Anschließend hackte sie sich in die Überwachungskameras der Firma Interforce Consulting und beobachtete diesen Dr. Barner und seine Assistentin. Sie ging noch einen Stück weiter und folgte den Beiden in der Mittagspause. Nach drei Tagen hatte sie herausgefunden, dass sie immer zu selben Zeit, das selbe Restaurant aufsuchten. Abwechslung stand wohl nicht so hoch im Kurs bei Dr. Barner und Frau Mittelstedt. Aber ihr sollte es Recht sein, denn so konnte sie diese eine Stunde nutzen, um die Akte aus dem Safe im achtundfünfzigsten Stock zu holen. Ein Tag vor der Umsetzung ihres Plan B’s stellte sie sich mit einer riesigen Menge an Flyern von Pizza Carlo vor das Bürogebäude von Interforce Consulting. Sie verteilte an jede Person, welche das Gebäude verließ, einen Flyer. Sie hatte nicht mit so einer großen Menge Pizzen gerechnet, die bei Pizza Carlo bestellt worden waren. Am Ende des Tages verzeichnete Carlo achtundachtzig Pizzen, die von den Mitarbeitern von Interforce Consulting bestellt worden waren. Ihr Plan war aufgegangen und das machte Mara noch weit glücklicher. Sie hatte Carlo neue Kundschaft verschafft und sie hatte gleichzeitig Zutritt zum Bürogebäude von Interforce Consulting gehabt. Was wollte sie mehr und am Ende hatte sie sogar die Akte von Alexander Kilian in der Hand. Tommy hatte am Abend zu ihr gesagt, er wusste schon immer, dass er sich zu hundert Prozent auf Mara verlassen kon

nte.

Mara war glücklich und das war etwas ganz Besonderes, denn sie hatte die letzten Jahre das Glück mehr gesucht, als gepachtet. Es wurmte sie noch immer, als sie Jessica Baier gegenüberstand. Aber sie wusste schon immer, dass sie eine blöde Kuh war und dass sie sich wohl niemals ändern würde. Zu gern hätte sie gewusst mit wem sie zusammen war. Tommy wusste es, aber wollte es ihr nicht verraten. Irgendwann würde es Mara schon herausbekommen. Und zum Thema Versagerin, oh ja Mara war tatsächlich eine Versagerin, aber es störte sie kaum noch. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da ist sie an dieser Vorstellung zugrunde gegangen, aber mittlerweile hatte sie sich mit dem Zustand ‚Mara Sommer die Versagerin‘ abgefunden. Wenn sie tatsächlich so eine Niete war, wie es Jessica Baier behauptete, wieso war sie dann Teil der Feuerblume und hatte bereits ihren vierten Fall mit Erfolg gelöst. Es war ein geheimes Abkommen, über welches sie niemals reden durfte, das hatte sie Tommy hoch und heilig versprochen. Aber manchmal wurmte es sie gewaltig, dass sie den anderen da draußen nicht auch zeigen durfte, dass etwas in ihr steckte. Mara sollte tatsächlich mehr nach vorn schauen, als immer nur zurück, dann würde das mit ihren Träumen auch weit besser funktionieren!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 3

Mara hatte das Lauftraining absolviert und sie wusste, dass nun Plan B zum Zuge kam. Sie brauchte immer einen Plan B. Es war selten, dass Plan B umgesetzt wurde, aber dieses Mal war es Plan B. Mara war eine Meisterin, wenn es darum ging zu improvisieren. Und genau das durfte sie heute tun. Sie hatte sich ihre Jacke von Pizza Carlo übergezogen und das Cap tief ins Gesicht geschoben. Es gab viel zu tun. Die Telefondrähte liefen bereits heiß. Gerade ist die vierzigste Pizzabestellung von Interforce Consulting eingegangen. Carlo fluchte und lachte zugleich. Aber Mara wusste selbst diese Situation würde Carlo mit Bravour meistern.

Giovanni schob Mara die ersten Pizzabestellungen entgegen, „Hier stehen die Büros und die Namen der Besteller drauf! Du fährst die erste Tour. Ich die Nächste!“. Mara schnappte sich die heißen Pizzakartons und verpackte sie in einer Warmhaltebox. Den Bestellzettel schob sie in ihre Jackentasche. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die kleine Pizzeria.

Mara brauchte ungefähr eine viertel Stunde mit dem Auto bis sie Interforce Consulting erreicht hatte. Sie versuchte die Pizzabox heil durch die Drehtür zu bekommen. Sie beobachtete beim Reingehen die zwei Wachposten. Einer stand direkt an der Drehtür und nickte Mara freundlich zu. Ein weiterer lehnte lässig am Empfangstresen und schien sich mit der Empfangsdame bestens zu unterhalten. Mara ging zielstrebig auf die Beiden zu, wurde jedoch mit Missachtung gestraft. Sie räusperte sich laut, um so etwas von der Aufmerksamkeit der zwei Turteltauben auf sich zu lenken.

„Wie können wir Ihnen helfen?“, die Empfangsdame verzog ihr Gesicht, denn sie duldete keine Unterbrechung und genau das hatte Mara gewagt.

„Ich muss diese Pizzen hier liefern. An diese Büros.“, Mara zog den Bestellzettel aus ihrer Jackentasche und reichte sie der Dame.

„Das ist im dreiundfünfzigsten Stock. Kleinen Moment!“, sie nahm den Telefonhörer in die Hand und tippte eine Nummer ein. Während sie auf den anderen Teilnehmer wartete lächelte sie unentwegt den schmierigen Wachmann an, der noch immer wie ein lästiges Kaugummi am Tresen klebte. „Eure Pizzabestellung ist da, kommst du runter und holst diese Pizzabotin ab!“, ihre Worte waren voller Missachtung, das entging Mara ganz gewiss nicht. „Okay, bis gleich!“, flötete sie ins Telefon.

Du bist doch so eine miese Schauspielerin Bianca Meerbusch – schoss es Mara durch den Kopf. Sie lächelte noch immer die Dame an, jedoch in ihrem tiefsten Inneren empfand sie nur Abscheu und Mitleid für ihre ehemalige Klassenkollegin. Mara war froh, dass sie sich trotz ihrer Jobsuche nie bei Interforce Consulting beworben hatte, denn genau das hier hätte sie zur Amokläuferin werden lassen.

„Sie kommt gleich!“, es war das Zeichen, dass Mara sich endlich von dem Tresen entfernen sollte. Jedoch machte sie keinerlei Anstalten. Sie zog stattdessen ihr Handy aus der Jackentasche und checkte noch einmal, ob die Verbindung zu ihren Computern daheim noch nicht unterbrochen war. Mara hörte die schmalzigen Worte von diesem ausgelutschten Kaugummi, sie gab ihnen eine Nacht, dann klebte er an einem anderen Schreibtisch.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Mara nahm ihre Box und ging auf den Fahrstuhl zu. Ein weiterer Moment an dem sie hätte kotzen können. Jessica Baier trat gerade aus dem Fahrstuhl. Die Jessica Baier. Die Nummer eins in der Schule. Ihr blonder Bob saß perfekt – ihre weiße Bluse hatte den perfekten Ausschnitt für das ausgelutschte Kaugummi am Tresen – ihr enger, schwarzer Rock saß perfekt – ihre Beine waren lang und perfekt und ihre schwarzen High Heels waren sensationell hoch – alles in allem, sie war mal wieder perfekt. Genau wie früher stellte Mara fest. Nichts hatte sich an Miss Perfect geändert. Ach ja doch eine winzige Kleinigkeit, Mara konnte sich nicht vorstellen, dass sie und Sebastian Moor noch immer das perfekte Traumpaar waren, nachdem sie ihn gestern das erste Mal wieder gesehen hatte.

Jessica hatte Mara erreicht und musste zweimal hinschauen, „Ich glaube es nicht Mara Sommer! Hey Bianca hast du nicht gesehen, dass das Mara Sommer ist!“, Jessicas stimmte hallte durch den gesamten Empfangsbereich. Mara wäre am liebsten im Boden versunken.

„Ist nicht wahr!“, kreischte Bianca hinter Mara auf, „Ich habe die ganze Zeit schon überlegt.“.

Na klar doch, dachte sich Mara, weil du ja auch soviel Gehirn hast. Dein Blick und deine Worte gehörten doch die ganze Zeit diesem ausgelutschten Kaugummi vor dir. Mara lachte Jessica Baier mit einem übertriebenen Lächeln an, „Wo soll die Bestellung hin?“.

„Ich begleite dich nach oben!“, sie stöckelte neben Mara her, „Ich fasse es noch immer nicht. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, was aus der kleinen Versagerin Mara Sommer geworden ist. Genau wie deine Mutter, hast es echt zu nichts gebracht!“.

Lieber eine Versagerin, als immer nur eine Ja-Sagerin, schoss es Mara durch den Kopf.

Die Fahrstuhltür schloss sich. Mara überlegte, ob sie die Box absetzen sollte und sich auf Jessica Baier stürzen sollte und sie eigenhändig erwürgen sollte. Ja, sie war tatsächlich drauf und dran gewesen. Doch Jessica Baier ließ sich keineswegs in ihrem Redefluss unterbrechen.

„Ach wusstest du das Samantha auch hier arbeitet. Ich bin Abteilungsleiterin vom Marketing und Samantha ist Chefin von der IT-Abteilung. Und Caro ist ganz oben bei den Chefs, ihre persönliche Assistentin. Das ist alles so perfekt! Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich die perfekte Abteilungsleiterin für Interforce Consulting bin!“

Diese Frau war genau wie früher, wenn nicht sogar noch einen Tick schlimmer. Sie war so dermaßen überzeugt von sich. Mara hatte Jessica Baier und ihre zwei Anhängsel noch nie leiden können. In der Schule waren sie die Créme de la Créme, sie wurden vergöttert, geliebt und gehasst. Bei Mara war Letzteres der Fall.

„Dann seid ihr drei ja noch immer vereint, so wie früher!“, Mara blickte geradeaus auf die geschlossene Fahrstuhltür, ihre Hände umklammerten fest die Warmhaltebox. Verdammt fest, denn sie wusste, wenn sie es nicht tat, dann würde sie Jessica Baiers Hals ganz fest umklammern und dann würde Mara im Gefängnis landen. ‚Mord im Fahrstuhl‘ würde dann überall in den Zeitungen stehen und ihre Mutter und ihr kleiner Bruder würden in dieser Stadt von Jessicas Familie geächtet werden. „Sebastian Moor und du, seid ihr jetzt verheiratet?“, Mara konnte es nicht lassen, sie wollte es wissen, ob Jessica noch immer mit ihm zusammen war, so entstellt, wie Sebastian Moor jetzt aussah.

„Spinnst du! Seit seinem Gefängnisaufenthalt hat ihn niemand mehr gesehen.“, verächtlich verzog Jessica ihr Gesicht, „Ich glaube kaum das Benjamin und Oliver gut auf ihn zu sprechen sind. Marco hat mir schon oft gesagt, dass Sebastian noch weitere zehn Jahre für seine Taten ins Gefängnis gehört!“.

Benjamin Steinhold und Oliver Brecht waren die ehemals besten Freunde von Sebastian Moor. Marco Sanders war der Partner von Sebastian Moor gewesen, sie haben zusammen das Industriegebiet Sanders & Moor gegründet.

Mara sah zu Jessica, „Traurig, wie die ehemals besten Freunde zu den größten Feinden werden können!“.

„Das hat sich Sebastian selbst zuzuschreiben. Er hat hier in der Stadt von so vielen Menschen die Existenz kaputt gemacht, das wird ihm wohl niemand mehr verzeihen!“, Jessica und Maras Blicke trafen sich. Mara erkannte die Wut in ihren Augen und sie wusste, weshalb sie diese Frau schon immer gehasst hatte. Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür. Mara trat erleichtert heraus. Kein Mord im Fahrstuhl und sie hoffte, dass sie Jessica Baier nie wieder sehen musste!

Die Pizzen waren verteilt, das Geld dafür hatte sie gut verstaut. Niemand interessierte sich mehr für Mara. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Ein kurzer Blick auf ihr Handy. Es war Mittagszeit. Dr. Barner und seine Assistentin Frau Mittelstedt waren zu diesem Zeitpunkt in der Mittagspause. Mara ging zum Treppenhaus, nun war es an der Zeit die Überwachungskameras des Treppenhauses lahmzulegen. Sie befand sich momentan im dreiundfünfzigsten Stock. Es hätte nicht besser laufen können, die paar Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock konnte Mara trotz ihrer schlechten Laufleistung relativ schnell überwinden. Mara stellte ihre Box ab und begann nach oben zu rennen, in der Hoffnung jetzt niemanden zu begegnen. Sie hatte die Lage über das Überwachungssystem mehrere Tage beobachtet, um diese Zeit hielt sich niemand im Treppenhaus auf. Alle waren in der Mittagspause und es war ziemlich ruhig in diesem riesigen Bürogebäude.

Sie hatte den achtundfünfzigsten Stock erreicht. Es war die Etage von Dr. Barner. In seinem Safe befand sich die Krankenakte von Alexander Kilian und diese brauchte sie für die Polizei. Kameras gab es zum Glück in dieser Etage nicht. Es musste wohl daran liegen, dass Untersuchungen eines Arztes der ärztlichen Schweigepflicht unterlagen und somit durften der Arzt und sein Patient nicht gefilmt werden. Das war ein gewaltiger Vorteil für Mara, aber sie hätte die Überwachungskameras auch über ihr Handy ausschalten können. Sie hatte mehrfach geprüft, wann Dr. Barner und seine Vorzimmerdame mittags in die Stadt zum Essen gingen. Manchmal empfand Mara, dass das Observieren von Personen ein tiefes Eindringen in deren Privatsphäre war, denn so hatte sie herausgefunden, dass Dr. Barner und Frau Mittelstedt seit längerer Zeit ein sehr enges Verhältnis pflegten, obwohl beide verheiratet waren. Im Grunde war es Mara egal, welche außerehelichen Verhältnisse die beiden miteinander hatten, ihr war es nur wichtig, dass sie ungestört die Akte aus dem Safe holen konnte.

Aus ihrer Hosentasche zog sie ihre Handschuhe, welche sie sich beim Gehen über die Hände streifte. Die Tür zum Vorzimmer von Frau Mittelstedt war offen. Die Tür zu Dr. Barners Büro war natürlich abgeschlossen. Mara brauchte nicht länger als einige Sekunden bis sie seine Tür geöffnet hatte. Den Code für den Transponder hatte sie bereits vor zwei Tagen über das Computersystem von Interforce Consulting herausgefunden. Tommy hatte ihr einen Transponder besorgt und für sie codiert. Nun konnte sie ganz einfach die Tür zu Dr. Barners Büro öffnen. Sie lief in sein Büro und sah sich um, wo nur konnte er seinen Safe versteckt haben? Da erblickte sie eine Tür am anderen Ende des Büros. Zu allem Übel war die natürlich abgeschlossen. Mara drehte sich im Kreis und ihre Augen suchten alle Wände und Möbel ab. Sie durchsuchte den Schreibtisch und öffnete alle Schränke im Büro, da entdeckte sie über dem Besuchertisch ein Bild, welches viel zu groß und wuchtig wirkte und irgendwie ganz und gar nicht in dieses Büro passte. Sie tastete mit ihren Fingern den Rahmen des Bildes ab und bemerkte, wie sich das Bild von der Wand löste. Ohne große Anstrengungen ließ es sich zur Seite klappen und tatsächlich darunter befand sich der Safe. Das war der Moment, der Mara aufatmen ließ. Heute Morgen hatte ihr Tommy die Kombination für den Safe gebracht – 84312. Mara hatte ihn nicht weiter gefragt, wie er an die Zahlen gekommen war, sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass Plan B ins Rollen kam. Sie gab die Zahlenkombination 84312 ein. Der Safe öffnete sich. Unzählige Akten lagen darin. Mara wurde unruhig als sie die vielen Akten sah, denn ihr lief die Zeit davon. Sie zog einige der Akten heraus. Natürlich war die von Alexander Kilian nicht dabei. Sie hatte jede Akte in der Hand gehabt und war langsam am Verzweifeln. Sie nahm die unterste Akte, es war die letzte Akte im Safe und wenn es die auch nicht war? Dann hatte Mara ein gewaltiges Problem. Sie sah auf das Namensschild: es war nicht Alexander Kilians Akte. Mara fluchte laut auf. Der Safe war leer. Sie musste hier schleunigst Ordnung schaffen, sie schob alle Akten fein säuberlich zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild wieder an die Wand. Was würde sie Tommy sagen und er der Feuerblume, Mara hatte versagt. Jessica Baier hatte vollkommen Recht, sie war eine Versagerin. Mara drehte sich um und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie ganz oben auf dem Bücherregal ein Stück Papiers entdeckte, welches hervorragte. Sie schob den Stuhl zum Regal und kletterte auf ihn, selbst da schien ihr das Stück Papier noch viel zu weit entfernt. Sie streckte sich mit aller Macht, ergriff das Stück Papier und zog einen Stapel hinter sich her. Unzählige Blätter flatterten durch das Zimmer. Das auch noch! Mara blickte um sich, sah auf die Uhr, welche an der Wand hing und gab sich noch fünf Minuten bis Dr. Barner mit seiner Assistentin erschien. Sie sprang vom Stuhl und sammelte eiligst alle Blätter auf. Immer wieder fiel ihr Blick auf einen Namen Alexander Kilian Es war seine Akte, verteilt im Büro, aber sie hatte sie tatsächlich gefunden. Endlich hatte sie die unzähligen Blätter aufgesammelt. Sie schob die einzelnen Blätter sogleich unter ihre Jacke, diese war zum Glück etwas enger geschnitten, so konnten die Blätter ganz sicher nicht herausfallen und sie pressten sich fest an ihren Körper. Sie sah auf die Uhr, zwei Minuten. Den Stuhl schob sie wieder an den ursprünglichen Platz zurück. Sie verließ das Büro und hatte die Tür von Dr. Barners Büro abgeschlossen. Gerade steckte sie ihre Handschuhe wieder in ihre Hosentaschen, als sich die Fahrstuhltür öffnete und direkt gegenüber von ihr eine Frau und ein Mann standen. Das mussten Dr. Barner und Frau Mittelstedt sein. Mara blieb ruhig, denn sie hatte die Akte, sie musste nur noch raus hier.

„Was können wir für Sie tun?“ Dr. Barner beachtete Mara nicht weiter, ging sofort in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Seine Assistentin sah sie fragend an.

„Ich wollte Ihnen einen Bestellzettel von Pizza Carlo bringen. Momentan sind hier alle ganz heiß auf seine Pizzen!“, Mara zog einen neuen Flyer von der kleinen Pizzeria aus ihrer Jackentasche.

„Wir habe gerade zu Mittag gegessen. Aber dennoch danke!“

Das war für Mara das Stichwort schnellstmöglich diese Etage zu verlassen. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, „Ich muss auch schon wieder gehen, es sind noch weitere Bestellungen von Interforce Consulting eingegangen. Ich kann Ihnen die Pizza echt empfehlen!“. Mara hatte die Überwachungskameras des Treppenhauses ein weiteres Mal ausgeschaltet.

Was war hier nur los bei Interforce Consulting? Ein breites Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte die Akte von Alexander Kilian! Und das fühlte sich verdammt gut an!

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