Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 10

Es war der Tag von Xynthias Beerdigung. Mara war mit den letzten Trauergästen eingetroffen. Sie schritt langsam zum Sarg und erwies Xynthia ihre letzte Ehre. Es war der schwerste Gang, den sie bislang vor sich gehabt hatte. Noch nie war so eine junge Frau in ihrem Leben gestorben. Menschen, die ihr Leben gelebt hatten, die diese vielen Momente gespürt hatten, die das Leben für sie bereit gehalten hatte, auf deren Beerdigungen war Mara bislang gewesen. Aber noch nie bei so einer junge Frau, deren Leben in voller Blüte stand und die genauso alt war, wie sie. Dieser Moment am Sarg war so unvorstellbar hart für Mara, sie zitterte am ganzen Körper, ihre Tränen liefen ihr übers Gesicht. Hätte sie damals in der Nacht so vieles anders machen können, hätte sie den Tod von Xynthia verhindern können? Sie wusste es nicht und es würde wohl für immer ein in ihr nagendes Gefühl der Ungewissheit bleiben. Mara ließ den anderen Trauergästen Vortritt, damit auch sie sich von Xynthia verabschieden konnten. Sie blickte sich nicht weiter in der Kirche um, sondern sie steuerte die letzten Sitzbänke an. Sie hatte lange mit sich gerungen, ob sie auf die Trauerfeier gehen sollte. Letztlich hatte sie beschlossen, dass sie hingeht.

Mara erkannte Tommy und Ivonne in der zweiten Reihe, direkt neben den Beiden saßen Jessica, Marco, Samantha und David. Sie war froh, dass sie sich für die hintersten Sitzplätze entschieden hatte, so konnte sie nach der Trauerfeier ohne weiteres Aufsehen aus der Kirche verschwinden.

Der Abschied von Xynthia fiel allen schwer. Eine junge Frau, die ihr Leben noch vor sich hatte, war auf unerklärliche Weise um’s Leben gekommen, so die Worte des Pfarrers.

Auf unerklärliche Weise, Mara zweifelte an dieser Aussage. Tief in ihrem Inneren spürte sie, dass da etwas ganz gewaltig faul sein musste. Xynthia war an diesem Tag noch bei ihr gewesen, sie wies keinerlei Anzeichen einer Erkrankung auf. Sie war gut drauf, quicklebendig und war ganz sicher nicht vom Tode gezeichnet gewesen. Jedoch wusste Mara auch nichts Näheres zu der Todesursache. Wenn es die Feuerblume noch geben würde, dann hätte sie ganz sicher einen neuen Auftrag gehabt und sie hätte gemeinsam mit Tommy in diesem Fall ermittelt. Nun gab es aber nicht mehr die Feuerblume, also musste Mara eine andere Denkweise an den Tag legen.

Das letzte Lied, welches für Xynthia gespielt wurde, erklang, es war ‚My heart will go on‘ von Celine Dion. Mara wischte sich die Tränen von ihren Wangen und schniefte leise in ihr Taschentuch. Die Trauerfeier war zu Ende. Viele Trauergäste gingen noch einmal zu Xynthias Eltern, um ihnen ihr Beileid zu bekunden. Mara reihte sich in den Menschenstrom ein, welcher sofort nach der Trauerfeier die Kirche verließ. Sie kannte Xynthia zu wenig, um noch ein letztes Wort mit ihren Eltern zu reden.

Mara hatte sich bereits von der Kirche entfernt, als sie ihren Namen rufen hörte. Sie ärgerte sich, dass sie nicht gleich aufgestanden war und die Kirche sofort verlassen hatte. Sie drehte sich um und sah, dass Ivonne auf sie zugeeilt kam, „Mara, wie geht es dir? Ich habe dir einige Nachrichten auf dein Handy geschrieben, aber du hast nicht geantwortet!“, sie blieb direkt vor Mara stehen.

„Ich habe kein Handy mehr, ist mir aus dem Fenster gefallen. Und jetzt ist es nur noch Schrott!“, Mara schob ihre Hände tief in ihre Manteltaschen. Sie fühlte sich nicht mehr wohl in Ivonnes Nähe, denn sie hatte Angst, dass sie etwas von ihrem Streit mit ihm wusste.

„Tommy und ich, wir haben uns solche Sorgen gemacht, weil wir nichts mehr von dir gehört haben!“, Ivonne sah ihre Freundin voller Mitgefühl an. Sie vermisste Mara ganz schrecklich. Sie wusste nicht, was in dieser Nacht geschehen war. Tommy hatte zu ihr gesagt, Mara gehörte nicht mehr zum ‚Team Feuerblume‘. Er war genauso überrascht gewesen, wie sie und er vermisste die Zeit mit Mara viel zu sehr. Am liebsten hätte Ivonne Mara ganz fest umarmt, ihrer Freundin gezeigt, dass sie für sie da war, aber Mara war so anders. Sie hatte sich total verändert, war nicht mehr die Mara, die Ivonne immer gekannt hatte. Ivonne war dankbar gewesen, dass Mara ihre beste Freundin war. Sie wusste, dass es für Mara alles andere als leicht in der Schule gewesen sein musste, aber sie hatte nie an der Freundschaft zu ihr gezweifelt. Obwohl sie zwei vollkommen unterschiedliche Menschen waren, waren sie stets zwei Menschen, die weit mehr verband, um füreinander da zu sein. Ivonne hätte alles dafür getan die alte Mara wieder zu haben, aber sie wusste nicht wie.

Es war ein ohrenbetäubender Lärm, der immer näher und näher kam. Beim Betrachten der Straße erkannte man, wer dieses Geräusch verursachte, es war ein Motorrad, welches die Straße hinunterfuhr. Der Fahrer blieb direkt vor Ivonne und Mara stehen. Er klappte sein Visier nach oben. Mara erkannte seine Augen sofort, ein freudiges Lächeln glitt über ihr Gesicht.

„Mara kommst du?“, er hielt ihr einen Motorradhelm hin. Sie ging auf ihn zu, nahm den Helm entgegen. Ivonne war vollkommen sprachlos. Alle Trauergäste, die soeben noch in der Kirche gesessen waren, standen nun vor der Kirche, auch Jessica und Marco. Ein tiefes Gefühl der inneren Genugtuung flutete Maras Körper, als sie den Helm aufsetzte.

„Tschüss Ivonne. Bestelle Tommy liebe Grüße von mir!“, sie schwang sich hinter ihm aufs Motorrad und legte ihre Arme ganz fest um seine Hüften.

„Gut festhalten Kleines!“, rief er ihr zu. Mit ohrenbetäubenden Lärm drehte er und fuhr an den staunenden Trauergästen vorbei.

Ivonne kannte diesen Mann nicht, wusste nicht einmal, dass Mara neuerdings auf Rocker stand. Sie war vollkommen verblüfft, als sich Mara zu ihm aufs Motorrad gesetzt hatte.

„Wer war das?“, Tommy war zu Ivonne gerannt und blieb neben ihr stehen.

„Ich habe keine Ahnung!“, sie sah ihren Mann total entgeistert an, „Was ist nur mit ihr los? Hast du nochmal mit ihm gesprochen, was in dieser Nacht passiert ist?“.

„Ja, aber er weigert sich mit mir darüber zu reden. Ich haben keine Ahnung. Er muss verletzt sein, sonst hätte er niemals so überreagiert. Du kennst ihn, er hat schon viel im Leben mitgemacht, was ihn verändert hat. Aber dieses Mal muss es tiefer gegangen sein, sonst hätte er doch niemals solch eine Entscheidung getroffen. Mara war sein bestes Pferd im Stall. Sie war doch diejenige die seine Aufträge erfüllt hatte. Ich war immer nur der Statist, der ziemlich erbärmlich neben Mara gewirkt hatte. “

„Warst du ganz sicher nicht mein Schatz!“, Ivonne legte ihren Arm um ihren Mann und gab Tommy einen Kuss auf den Mund, „Ich liebe dich! Und du warst nicht nur ein Statist. Du hast soviel für ihn getan und dafür bin ich dir unendlich dankbar und er ist es mit Sicherheit auch. Du kennst ihn, Gefühle waren noch nie so sein Ding. Er ist nicht wie du. Er war schon immer derjenige, der es hasste, wenn er über seine Gefühle sprechen musste. Aber du hast ihn ja schon selbst oft genug erlebt!“

Tommy lächelte seine Frau an. Oh ja, dass hatte er und er hatte ihn schon oft genug auf den Mond schießen können. Er, mit seiner überheblichen, arroganten Art, der immer alles besser wusste und keine gut gemeinten Ratschläge annahm. Jedoch Mara hatte es geschafft ihn ihm etwas zu verändern. Er war anfangs noch dagegen, als Tommy vorschlug sie in ihr Team zu holen. Aber nach einer gewissen Zeit kam es Tommy so vor, als wäre er das erste Mal ein anderer Mensch. Er war zurückhaltender geworden. Hatte Mara zu hundert Prozent vertraut. Hatte ihr manchmal zu viel zugestanden, was Tommy auch nicht immer verstand. Aber Frauen konnten Männer ganz wunderbar um ihren Finger wickeln, das kannte er schließlich von Ivonne auch. Tommy hatte da so seine Vermutung, welche er noch nicht laut ausgesprochen hatte. Er befürchtete, dass zwischen Mara und ihm mehr gewesen sein musste. Ansonsten er hätte niemals so eine harte Entscheidung getroffen!

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