Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 13

„Ladies and Gentlemen, der Tag ist früh, die Nacht war kurz!“, seine laute Stimme riss Mara und Sebastian aus ihren Schlaf.

„Das auch noch!“, Mara sah erschrocken auf und erblickte ihren Gefährten in der Schlafzimmertür. Sie war müde, sie wollte schlafen und ließ sich wieder zurück in ihr Kissen fallen. Sebastian regte sich nun auch neben ihr.

„Hallo ihr zwei Nachteulen, ich habe frische Brötchen gekauft. Weil es alle getan haben. Ich habe mich in diese Reihe gestellt und habe gefragt, was denn hier los sei. Und sie haben gesagt, dass sie für ihre Frau oder Freundin Brötchen kaufen, da es sonst sehr ungemütlich am Sonntagmorgen werden würde. Und so dachte ich mir, dass ich das gleiche für meine Freunde tue. Naja, habe gedacht, dass ihr euch wenigstens freut!“, er verzog sein Gesicht zu einer bemitleidenswerten Miene, das hatte er schon voll drauf.

„Das ist echt lieb von dir, nur ist es irgendwie noch viel zu früh!“, Mara richtete sich wieder auf und sah diesen riesigen Kerl mit der Bäckertüte in der Hand und musste lächeln. Sie entschied sich aufzustehen und zog dabei die Decke an sich.

„Hey Engel, was tust du da!“, Sebastian schimpfte, als Mara mitsamt der Decke aufstand und er vollkommen nackt auf dem Bett lag. Sogleich zog er das Kissen unter seinem Kopf hervor und bedeckte seinen Schambereich.

„Er ist ein Mann, du bist ein Mann, ich glaube nicht, dass er nicht auch das gesehen hat, was du hast!“, Mara richtete sich auf und ging wie eine Königin zur Schlafzimmertür, ihre Decke zog sie wie ein lange Schleppe hinter sich her.

„Du redest von einem Penis, einem männlichen Geschlecht, auch Glied oder Phallus genannt!“, dieser Mann war … Mara ging auf ihn zu und gab ihn einen Kuss auf die Wange.

„Genau davon!“ und sie zwinkerte ihm zu, „Das ist übrigens Sebastian!“.

„Ich weiß!“

„Dann solltet ihr euch anfreunden. Anscheinend sieht er dich ja jetzt!“, Mara war bereits aus der Tür gegangen.

„Ich habe ihn auch schon vorher gesehen, aber ich habe ihn ignoriert. Er hat die ganze Zeit wie ein Verrückter gesungen!“, rief Sebastian hinter ihr her.

Mara war bei seinen Worten wieder umgekehrt, „Sebastian Moor, du bist doch der größte Trottel aller Zeiten. Er ist der Schlüssel zur Feuerblume und du hast ihn ignoriert. Liebster gewöhne dich an den Gedanken, dass wir jetzt ein Team sind und dass er auch dazu gehört!“, Mara zeigte auf ihren Gefährten.

„Das werde ich!“, stöhnend ließ sich Sebastian nach hinten fallen, „Aber bitte ohne seine Gesänge!“.

Lauthals begann er ‚The Show must go on‘ von Queen zu singen und ging hinter Mara her und bog Richtung Küche ab.

Mara lachte laut auf, sie mochte ihren Gefährten viel zu sehr und verschwand im Badezimmer.

Frisch geduscht und wie ein vollkommen neuer Mensch kam Mara aus dem Badezimmer, als sie die Worte hörte, welche aus der Küche drangen. Sie folgte dem Geruch von frisch gebrühten Kaffee und diesen verheißungsvollen Brötchen, welche er extra vom Bäcker geholt hatte. Sebastian saß zusammen mit ihm am Tisch. Sie waren in ein Gespräch vertieft und das gefiel Mara sehr. Sie ließ sich auf einen der freien Stühle nieder und versuchte bei ihrem Gespräch Anschluss zu finden, doch so richtig schlau wurde sie nicht.

Ihr Gefährte goss ihr Kaffee in die Tasse, wofür sie sich bei ihm bedankte. Sie nahm sich ein Brötchen und grinste beide Männer an ihrem Tisch an, „Dieser Tag ist so perfekt!“.

„Warum?“, Sebastian sah sie fragend an.

„Mein Liebster fragt mich, warum! Weil du bei mir bist und ich so unendlich glücklich bin. Und weil wir einen gemeinsamen Freund haben, der uns bezüglich der Feuerblume hilft. Was kann da nicht perfekt sein?“

„Die Vorstellung, dass Xynthia an einer illegalen Substanz gestorben sein muss!“, Sebastian war viel zu realistisch.

„Wie kommst du darauf?“, Mara sah Sebastian entsetzt an.

„Die Ärzte haben es erwähnt, aber es wird vertuscht, weil es da weit mächtigere Männer gibt, die dafür verantwortlich sind!“

„Bleib bitte ruhig Mara, wir finden diese Männer und dann werden sie zur Verantwortung gezogen!“, der Gefährte hatte seine Hand auf ihre gelegt, weil er bemerkte, wie in Mara die Erinnerungen hochkamen und sie noch lange nicht den Tod von Xynthia verarbeitet hatte. Sie wischte sich ihre Tränen aus dem Gesicht.

Mara räusperte sich und sprach, „Ihr habt Recht. Wir haben jetzt die Chance gemeinsam zu ermitteln und das werden wir auch tun!“.

„Aber keinen Sex mehr mit Marco Sanders!“, Sebastian sah sie eindringlich an.

„Wenn er uns weiterhilft!“, sagte Mara ohne groß zu überlegen.

Sebastian ließ laut scheppernd das Messer fallen und sah Mara vollkommen entgeistert an. Er liebte diese Frau und sie würde allen Ernstes Sex mit Marco Sanders haben, wenn es sie in ihren Ermittlungen weiterbrachte.

„Du solltest es Sebastian erklären, wieso du Sex mit ihm hattest!“, der Gefährte redete Mara gut zu.

„Sage bloß, du hast mit ihm schon darüber geredet?“, Sebastian war fassungslos.

„Nein Mister Neunmalklug!“, Mara funkelte Sebastian böse an, „Er kann unsere Gedanken lesen, was manchmal sehr hilfreich ist!“.

„Okayyyy!“, Sebastian sah den Gefährten mehr als misstrauisch an.

Dieser grinste breit, „Keine Angst, ich sage ihr nichts von deiner Affäre mit Roxanne letzte Woche!“.

Mara wollte gerade aufspringen, als ihr Gefährte sie mit seiner Hand festhielt, „Kleines, das war ein Scherz! Jetzt beruhigst du dich erstmal und dann redet ihr zwei, was dringend nötig ist, denn so kommen wir bezüglich der Feuerblume nicht weiter!“.

Sebastian fand ihn allmählich sympathisch und er lächelte ihn dankbar an. Mara war nicht immer einfach, aber mit ihm an seiner Seite, war es weit einfacher für Sebastian.

„Du hörst mir jetzt zu, ohne mich zu unterbrechen!“, Mara sah Sebastian an und war aufgestanden. Sie hatte sich ans Fenster gestellt und den beiden Männer ihren Rücken zugekehrt. Sie konnte ihnen bei ihren Worten nicht in die Augen blicken, „Die erste Begegnung an diesem Abend mit Marco Sanders hatte ich, als Xynthia mich einigen Leuten vorstellte. Plötzlich kam Jessica Baier wie eine Furie auf mich zugelaufen. Sie hätte mich am liebsten sofort von der Party geschmissen. Marco Sanders wurde mir als ihr Freund vorgestellt und irgendwie schien ich ihm zu gefallen, denn seine Blicke sprachen Bände. Jessica bemerkte das natürlich und war dann noch schlechter drauf. Sie wollte seinem peinlichen Auftritt ein Ende setzen und sagte ihm, er müsste noch mehr Gäste begrüßen. Laufe des Abends begegneten wir uns immer wieder rein zufällig, aber es kam zu keinen weiteren Gespräch. Irgendwann, als ich die Toilette verließ, musste er mich abgepasst haben, denn er stand davor und sprach mich sofort an. Ich hatte bereits etliche Cocktails getrunken und fühlte mich leicht benommen, war im Grunde nicht mehr zurechnungsfähig. Er redete auf mich ein, was für eine schöne Frau ich sei und halt das, was Frauen hören wollen. Plötzlich hatte ich diese innere Eingebung, er war der Mann, der in mir Rachegelüste hervorrief. Der mich von meinen tiefen seelischen Schmerzen, die mir Jessica Baier all die Jahre zugefügt hatte, befreien konnte. Ich sah ihn an und sah, wie sehr ich mit ihm Jessica Baier demütigen konnte. Es war meine Chance es endlich Jessica so richtig heimzuzahlen. Ich begann ihn zu küssen, nachdem er mich unmissverständlich angemacht hatte und mir direkt gesagt hatte, er wollte sich unbedingt mit mir treffen. Ich zeigte ihm, dass ich eine heiße, begehrenswerte Frau war und er war so leicht um den Finger zu wickeln. Samantha hatte uns erwischt, ich hatte geglaubt, sie würde es sofort Jessica erzählten. Am späteren Abend jedoch redete sie auf mich ein, dass ich lieber die Finger von Marco Sanders lassen sollte, denn das würde mir Jessica niemals verzeihen. Ich war auf der Suche nach Xynthia, als ich wie durch Zufall Marco Sanders über den Weg lief. Er nahm mich in sein Spiegelzimmer, so etwas hatte ich zuvor noch nie gesehen. Wir küssten uns und währenddessen spürte ich es tief in mir, ich musste diesen Mann vollkommen unter Kontrolle haben. Ich war der Racheengel, meine Gedanken waren so kalkuliert, so leidenschaftslos, so eiskalt, dass ich im ersten Moment selbst vor mir erschrak. Aber dieses Zimmer mit den Spiegeln, der Gedanke daran, dass ich in diesen Moment Jessica Baier zutiefst verletzen würde, machte aus mir eine vollkommen andere Frau. Wir hatten Sex, ich hatte die Kontrolle über ihn, was ihm scheinbar sehr gefiel. Es war eine lange Nacht mit dem wohl unromantischsten Sex, den ich je gehabt habe.“, Mara drehte sich um und blickte Sebastian an.

Er brauchte einige Minuten, um ihre Worte zu verarbeiten, dann stand er auf und ging auf sie zu, „Ich habe immer gedacht, wir Männer wären nur zu so etwas fähig, aber dass ihr Frauen das auch könnt, das erschreckt mich jetzt ein wenig!“. Er nahm sie fest in seine Arme, „Ich liebe dich mein Engel, verzeihe mir, dass ich gedacht hatte, du würdest den Sex mit Marco genießen. Du musst mich verstehen, er sieht fantastisch aus, ich bin nur noch ein Krüppel. Ich habe einfach nur Angst, ich könnte dich verlieren!“.

Mara schmiegte sich ganz fest an ihn, „Niemals, ich gehöre nur dir!“, sie küsste ihn und wäre ihr Gefährte nicht da gewesen, so wusste sie ganz genau, was sie als nächstes mit ihm gemacht hätte.

„Somit wäre das jetzt auch endlich geklärt und wir können uns endlich dem widmen, was momentan weit wichtiger ist!“, ihr Gefährte goss sich erneut einen Kaffee ein, „Dieses leckere Frühstück hier zu genießen!“

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 12

Es geht nicht darum besser zu sein, es geht darum anders zu sein!

Mara blickte sich im Spiegel an und fand, dass sie vollkommen übermüdet aussah. Der Tag mit ihrem Gefährten hatte ihr gut getan. Jedoch die Trauerfeier von Xynthia hatte sie vollkommen fertig gemacht. Letztlich war es ihr wichtig, dass sie herausfinden musste, warum Xynthia sterben musste. Weder Tommy noch Ivonne könnten ihr helfen. Also musste sie umdenken, sie war jetzt der Boss, laut ihrem Gefährten, also musste sie Entscheidungen treffen. Nur welche Entscheidungen?

Mit der Zahnbürste im Mund rannte sie durch die Wohnung und versuchte zu ein paar brauchbaren Gedanken zu gelangen. Nichts! Ihr Kopf fühlte sich vollkommen leer an. Wie sollte sie hinter das Geheimnis der Feuerblume kommen, wenn sie es nicht einmal schaffte ansatzweise wie ein Boss zu denken. Als es an ihrer Wohnungstür klingelte, wurde Mara aus ihren Gedanken gerissen. Mit samt ihrer Zahnbürste im Mund lief sie zur Tür und öffnete diese. Sie kam nicht mehr aus dem Staunen heraus. Die Zahnpasta tropfte auf den Boden, doch Mara stand bewegungslos im Türrahmen.

„Würdest du mich bitte reinlassen!“, es war Sebastian Moor. Er hatte sich die Kapuze seiner Jacke tief ins Gesicht gezogen, um nicht erkannt zu werden.

Mara wollte sprechen, bemerkte jedoch, dass ihr Mund voller Zahnpasta war. Sie rannte ins Badezimmer, spuckte die Zahnpasta ins Waschbecken und spülte sich ihren Mund aus. Sebastian war ihr gefolgt und stand genau an der Stelle, als er zu ihr gesagt hatte, dass er nicht mehr zu ihr kommen würde. Er war die Feuerblume, sie hatte es gewusst. Und als sie sein Bild im Buch der Feuerblume gesehen hatte, da waren alle Zweifel in ihr gewichen. Sie blickte zu ihm und er schob sich seine Kapuze vom Kopf. Sie sah seine Narben, aber sie empfand sie nicht als schlimm. Sie wusste, dass sie diesen Mann liebte.

Nachdem sie sich ihren Mund mit dem Handtuch abgetrocknet hatte, ging sie zu ihm. Was würde er dieses Mal zu ihr sagen. Sie stand vor ihm, er sagte kein einziges Wort, sondern blickte sie nur an. Sie spürte, dass er zögerte. Also war es an der Zeit, dass sie den ersten Schritt tat. Schließlich war sie neunundzwanzig und musste niemanden mehr fragen, ob sie diesen Mann küssen durfte.

Sie umfasste seine Hände und ging diesen letzten Schritt auf ihn zu, um nun direkt vor ihm zu stehen, „Ich liebe dich!“, flüsterte sie, ihre Lippen trafen auf seinen Mund. Er war nicht überrascht, er war sichtlich angetan, dass sie den ersten Schritt getan hatte. Er zog sie ganz eng an sich. Seine Hände streichelten sanft über ihren Rücken. Ihre Lippen öffneten sich leicht, sogleich fand seine Zunge ihre und es fühlte sich fantastisch an. Sie wollte ihn, nur ihn. Sie zog ihm seine Jacke aus, zog ihm das Shirt über den Kopf. Er stand mit nacktem Oberkörper vor ihr. Mara sah, wie sich die Brandnarben von seinem Gesicht zu seinem Hals über seine Schulter zu seinem Arm zogen. Es störte sie keineswegs. Sie war so ungeduldig, dass sie mit zittrigen Händen seine Hose öffnete. Vollkommen außer Atem von ihren vielen Küssen landeten sie auf Maras Bett. Er liebkoste ihren Körper, jeden Zentimeter ihrer Haut. Sie fühlte sich so wundervoll an, dass Sebastian nicht genug von Mara bekommen konnte. Immer wieder stöhnte sie auf, wenn er eine besonders empfindliche Stelle ihres Körpers erobert hatte, das machte ihn noch verrückter und er musste diese Stelle ein weiteres Mal verwöhnen. Angekommen zwischen ihren Schenkeln tauchte er hinab. Seine Lippen und seine Zunge brachten Mara zu dem Gipfel der puren Lust und entfachte in ihr das Feuer der Leidenschaft. Ihr Stöhnen wurde lauter, ihr Atem kürzer, ihre Bewegungen schneller. Mara hatte sich kaum erholt, da spürte sie, wie er sich auf sie legte. Nun war es an der Zeit, dass sie das Ruder übernahm. Sie stieß ihn weg, was ihn verwunderte. Als sie begann seinen Körper zu küssen und zu streicheln, ließ er es geschehen und genoss jede einzelne Liebkosung von ihr so sehr. Mara spürte wieder diese unbändige Lust in sich, die Kontrolle zu übernehmen. Immer wieder küsste sie Sebastian auf den Mund, gab sich ihm hin, um sich im nächsten Moment ihm wieder zu entziehen. Es war ein Spiel, was Mara gefiel, diesen Mann heiß zu machen, ihn an seine Grenzen zu bringen. Ihre Hände und Lippen vollführten wahre Wunder, er begehrte diese Frau so sehr, dass er nicht länger warten konnte. Es war nicht zu übersehen und für Mara war es ein besonderer Genuss, als sie ihn zuerst mit ihren Händen, dann mit ihren Lippen verwöhnen durfte und letztlich tief in sich spüren durfte. Er sah ihr dabei tief in die Augen, sie war so unglaublich glücklich, dass sie ihn anlächelte, er erwiderte ihr Lächeln und küsste sie immer wieder, mal sanft und anschließend fordernd. Seine Bewegungen wurden intensiver und tiefer. Mara hatte sich nichts sehnlicher gewünscht, als diesen Moment mit ihm zu teilen, den Mann, den sie über alles liebte.

Sie lag in seinen Armen. Bislang hatte noch keiner ein Wort gesprochen. Mara war so glücklich. Ihr linkes Bein umschlang seinen Körper, dieser Mann gehörte ihr, nur ihr.

„Ivonne hat gesagt, du hättest einen Freund mit einem Motorrad?“, seine Stimme war sanft und dennoch neugierig.

Mara hob ihren Kopf und küsste die Narben auf seiner Schulter, „Mein Freund liegt gerade hier in meinem Bett!“, sie schob sich leicht nach oben und küsste ihn auf seinen Mund. Wieder fanden sich ihre Zungen, sie konnte von diesem Mann einfach nicht genug bekommen.

Sebastian schob sie leicht von sich, „Wer ist er?“.

„Warte!“, Mara war aufgestanden und lief nackt durch die Wohnung. Sie kam mit dem Buch der Feuerblume zurück und gab es ihm. Sie sah an seinem verdutzten Blick, dass ihm das Buch bekannt vorkam. „Er ist mein Gefährte!“, Mara erzählte ihm die ganze Geschichte, dass sie nach ihrem Streit ihr Handy aus dem Fenster geworfen hatte, dass sie deshalb ihre Mutter besuchen wollte, aber anschließend bei den Industrieruinen gelandet war und dass sie ihn auf dem Dach des ersten Lagerhauses getroffen hatte. Dass sie mit ihm vierzig Meter in die Tiefe gesprungen war und noch immer lebte. Dass sie nach der Trauerfeier von Xynhia mit ihm auf seinem Motorrad einen Ausflug zu einer Hütte auf einem Berg unternommen hatte. Dass sie sein Boss war, so wie Sebastian ihr Boss gewesen war. Und dass er Sebastian kannte.

„Er wusste, wer ich war?“, Sebastian hielt das Buch in seinen Händen.

„Ja und wenn du mal das Buch durchblätterst, dann wirst du etwas entdecken!“

Er tat wie ihr befohlen und blätterte die Seiten um, dann erkannte er sich und neben ihm war Mara. Jetzt war auch sie ganz verblüfft. Sie richtete sich auf und es war eindeutig zu sehen, sie gehörten zusammen, sie beide waren dazu da, um das Geheimnis der Feuerblume zu entschlüsseln!

Sebastian strich sanft über die Zeichnung von Mara, klappte das Buch zu und legte es auf ihr Nachttisch, „Ich war so eifersüchtig gewesen, als Ivonne es mir erzählt hat. Ich war so wütend auf dich, erst Marco Sanders und dann, wie nannte ihn Ivonne, einen Rocker!“, Sebastian lag über ihr und streichelte sanft ihr Gesicht. Ihre Blicke trafen sich, „Du gehörst mir mein Engel, nur mir! Ich liebe dich so sehr!“.

„Genau das wollte ich doch nur hören!“ und sie zog ihn zu sich herunter und küsste ihn erneut.

Es geht nicht darum besser zu sein, es geht darum anders zu sein! Jetzt verstand auch Mara diesen Satz. Sie musste nicht besser als Sebastian sein. Sie musste anders sein, diesmal gab es nicht nur eine Person, wie sonst, die im Dienste der Feuerblume stand. Dieses Mal gab es zwei. Sie waren noch immer ein Team, jedoch waren sie diesmal ein ebenbürtiges Team.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 9

Dieser Morgen würde sich nicht so gut anfühlen, überlegte Mara, als sie ihre Augen öffnete. Sie hatte die Nacht kaum geschlafen. Nach ihrem gestrigen Streit mit der Feuerblume war sie irgendwann, irgendwie in ihrem Bett eingeschlafen. Die Tränen waren getrocknet, hinterließen aber noch immer dieses flaue Gefühl in ihrem Magen.

Sie wusste nicht, was genau mit Xynthia passiert war. Aber sie konnte niemanden fragen. Nachdem, was hier gestern Nacht passiert war, würden weder Tommy noch Ivonne mit ihr jemals wieder reden. Sie hatte ihr Handy letzte Nacht aus dem Fenster geschmissen. Der harte Aufprall und das laute Scheppern hatten ihr verraten, dass von dem Handy nicht mehr viel übrig geblieben war. Es war eine Kurzschlussreaktion, die sie womöglich schon bald bereuen würde. Aber so sollte es sein und es war nicht mehr gutzumachen!

Mara stand auf, duschte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie meidete schon seit Tagen die Industrieruinen. Ein Besuch bei ihrer Mutter wäre angebracht, denn die würde sich als erstes beschweren, wenn sie ihre Tochter nicht über ihr Handy erreichen konnte.

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als sie das letzte Mal vor der Tür ihrer Mutter gestanden war. Sie bemerkte, dass die anfängliche Lust bereits verflogen war, als sie den Klingelknopf drückte. Jedoch war es zu spät, um wieder umzukehren. Mara wartete einen Moment, doch nichts tat sich. Es öffnete sich keine Tür. Ihre Mutter meldete sich auch nicht über die Sprechanlage.

„Hallo Frau Sommer, Ihre Mutter ist verreist! Haben Sie das nicht gewusst?“, die Untermieterin Frau Ilse Knörzer war aus der Hauseingangstür getreten. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei und zog an einer Leine. Beinahe hätte sich die Tür geschlossen, wenn Mara nicht so impulsiv eingegriffen hätte und ihr Spitz Torben wäre gezweiteilt gewesen. Aber das schien dieser kleinen Mistkröte egal zu sein, denn sie kläffte bereits Mara an. „Torben willst du wohl still sein, dass ist nur Frau Sommer, die tut dir nichts!“.

Mara hätte am liebsten gesagt, doch, Hunde gehörten schon immer zu meiner Leibspeise, aber sie verkniff es sich lieber. Vielmehr bedankte sie sich bei Ilse Knörzer für die Auskunft und lief in Richtung Stadt. Sie kam dummerweise an den Industrieruinen vorbei. Es war nicht ihre Absicht gewesen dort hinzugehen. Aber wo sollte sie sonst hin. In der Stadt würde sie womöglich Ivonne oder Tommy oder Jessica Baier oder Marco Sanders treffen. Sie wollte niemanden sehen, sie wollte für sich ganz allein sein. Mara sah das große Lagerhaus vor sich, welches sie immer als erstes bei ihrer Joggingrunde durchlief. Sie ging darauf zu, nur dass sie es diesmal nicht durchlaufen würde, sondern, dass sie diesmal die Treppen hinaufstieg, die sie auf das Dach des Lagerhauses führten. Sie war keineswegs schwindelfrei, aber sie wusste, dass es sich hier oben weit besser anfühlte, als unten von all den Menschen erdrückt zu werden. Sie setzte sich auf das Dach, ließ sich nach hinten fallen und stützte sich auf ihren Ellenbogen ab. Sie hörte Schritte, auch hier war sie nicht allein. Sie drehte sich um und vermutete dass es Sebastian Moor war, aber der war es nicht. Sie kannte diese Person nicht. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er war groß, er wirkte stark, er war sonderbar, er machte ihr Angst.

Sie richtete sich wieder auf und blickte ihn an.

„Mädchen, wie du, haben hier oben nichts zu suchen!“, seine Stimme klang hart und kalt.

„Wenn ich noch ein Mädchen wäre, dann würde ich ganz sicher nicht hier oben sitzen, denn dann würde ich mich hier nicht mal her trauen. Was willst du von mir?“

Mara sah, wie er sich vor ihr aufrichtete. Etwas schien so sonderbar zu sein. Er wirkte so unmenschlich, so übernatürlich. Er war wie eine Illusion. Ihre Sinne schienen sie zu täuschen, das wurde ihr immer mehr und mehr bewusst. Sie hatte eindeutig zu viel Fantasie und langsam bekam sie genau davor Angst.

„Eine Illusion!“, sein Lachen klang verletzend, „So soll es wohl sein! Stehe auf Mädchen!“.

Er konnte ihre Gedanken lesen, wie beängstigend war das denn? Mara tat, was er ihr sagte. Sie wollte gerade wieder zu der Treppe und nach unten gehen, da hielt er ihre Hand fest. Er war keine Illusion. Er fühlte sich echt an. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn verwundert an.

„Hast du das Buch erhalten, welches ich dir geschickt habe?“, sein Griff war fest und Mara glaubte, er würde ihre Hand zerquetschen.

„Welches Buch, wovon redest du?“, sie wollte ihre Hand entziehen, doch sie hatte keinerlei Chance.

„Das Buch über die Feuerblume!“, er sah sie herausfordernd an.

„Wo soll denn dieses Buch sein?“, Mara wusste nichts von einem Buch.

„In deinem Briefkasten!“, er war entsetzt, wie leichtsinnig sie mit seinem Geschenk umging, „Wärest du nicht nur auf dich bedacht gewesen, dann hättest du es bestimmt gefunden. Merke dir, nicht die anderen Menschen können dich verletzen. Du selbst kannst dich am aller meisten verletzen. Schwelge weiterhin in deinem Selbstmitleid und verkrieche dich in deinen vier Wänden, dann wirst du nie das erfahren, was das Leben tatsächlich für dich bereit hält!“.

„Ich weiß, was das Leben für mich bereithält … Nichts! Und jetzt lass mich verdammt nochmal los du Idiot!“, Mara war viel zu wütend, um sich auf solche dummen Spielchen einzulassen.

Er lachte, „Idiot hat mich noch keiner genannt. Aber ich werde dir zeigen, was dieser Idiot hier alles kann.“, er hatte ihre Hand losgelassen und rannte einfach los. Er hatte das Ende des Dachs erreicht und Mara schrie laut auf, als er einfach sprang. Vierzig Meter lagen unter ihnen und der Typ war einfach gesprungen. War er denn des Wahnsinns. Mara lief an die Stelle, von welcher er in die Tiefe gesprungen war.

„Illusion!“, sie hörte seine Stimme hinter sich, „Das kannst du auch!“.

Sie war so dermaßen erschrocken, dass sie einen Schritt nach hinten, in die falsche Richtung machte und spürte, dass dieser eine Schritt zu viel war. Sie geriet ins Wanken, konnte sich nicht mehr halten und dann fiel sie. Vierzig Meter in die Tiefe und nichts mehr würde von ihr übrig bleiben. Sie schrie und spürte, wie die Fallgeschwindigkeit immer weiter zunahm. Es war vorbei, ihr Leben war hier und jetzt vorbei. Sie würde auf dem Betonboden aufprallen und nicht mehr als ein blutiger riesiger Fleck und ihr toter Körper würde übrig bleiben.

„Du bist zu schnell und der Idiot zu langsam!“, Mara hörte ihn lachen, „Mache die Augen auf, damit du siehst, was gleich mit dir passiert!“.

Sie wollte zu ihm sagen, er konnte sie mal! Vierzig Meter in die Tiefe zu fallen, war alles andere als ein Spiel.

„Komm schon, traue dich!“

Also gut, Mara öffnete ihre Augen und sah, dass sie nicht fiel. Seine Hand hatte sich um ihre gelegt, er hatte sie von der Dachkante gerettet.

„Alles nur Illusion. Du hast geglaubt, dass du fliegst. Du hast es gespürt, wie du fällst, wie dein Körper sich immer mehr dem Erdboden genähert hat. Aber es war die reine Illusion! Ihr Menschen seid viel zu schnell zu beeinflussen!“, er lachte und setzte sich auf das Dach, „Komm und setzte dich!“.

„Ich bin ein Mensch und was bist du?“, Mara setzte sich neben ihm.

„Ich bin ein Gefährte und stehe im Dienste der Feuerblume!“, er sah sie mit einem Lächeln an.

„Darf ich dich berühren?“, Mara betrachtete ihn. Er sah nicht anders aus als sie. Okay er war größer, vollkommen durchtrainiert und hatte diese irre Kleidung an. Mara glaubte zuerst er wäre ein Krieger mit seiner schwarzen Lederhose, den Lederstiefeln. Er trug ein etwas mitgenommenes, schwarzes Shirt unter seiner schwarzen Lederjacke. Mara konnte einige Tätowierungen an seinem Hals und seiner Brust sehen, wo sein Shirt eingerissen war. Symbole, die Mara noch nie zuvor gesehen hatte. Kreise, die sich vereinten. Buchstaben, die keine Buchstaben waren, aber Worte ergeben mussten. Zumindest nicht in ihre Sprache, aber sie hatte dieses Gefühl, dass es Worte waren. Er hatte kurze, schwarze Haare. Sein Gesicht war sonnengebräunt, so wie der Rest seiner Haut, den Mara zu sehen bekam. Schwarze Barstoppeln versteckten eine Narbe am Kinn. Seine Augenbrauen waren leicht geschwungen. Seine Nase war groß und gerade. Die Lippen waren voll. Seine Augenfarbe war das wohl außergewöhnlichste, was Mara jemals gesehen hatte. Es war nicht eine Farbe, es waren unzählige Farben.

„Und was hast du davon, wenn du mich berührst?“, er lachte.

„Ich will sehen, ob du echt bist, sehr witzig!“, Mara war sauer.

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, „Bin ich echt!“.

Er fühlte sich zumindest echt an. „Wann wurdest du geboren?“, Mara war trotz der Berührung noch immer am Zweifeln.

„Vor sechsunddreißig Jahren!“

„Du springst und springst doch nicht. Du gibst mir das Gefühl zu fallen, aber ich falle nicht!“, Mara überlegte laut.

„Alles eine Frage der Illusion!“ und er lächelte Mara an.

„Vielleicht bin ich nicht vor sechsunddreißig, sondern vor sechshundertdreißig Jahren geboren. Ich weiß es auch nie so genau. Ich fühle mich fantastisch!“ und wieder überzog sein Gesicht ein Lächeln und seine schneeweißen Zähne traten zum Vorschein.

Eine Illusion dachte Mara. Vielleicht gab es ihn nur in ihrer Vorstellungskraft. Vielleicht hatte sie bereits Wahnvorstellungen und würde sich genau so einen Typen vorstellen.

„Du überlegst zu viel, du verschwendest soviel Energie und viel zu viel Zeit!“

Mara blickte auf und war etwas irritiert, „Woher wusstest du, dass ich überlege?“.

„Du solltest dich dabei sehen. Frauen machen immer so ein komisches Gesicht, wenn sie angestrengt überlegen. Du schiebst dabei dein Zähne auf deine linke Unterlippe. Höchst interessant kann ich dir sagen!“, er stand auf, „Weißt du, dein Vorgänger hat mein Buch einfach weggeschmissen. Er war so wütend und ist mit unserem Geheimnis so achtlos umgegangen. Er hat uns verletzt, er hat uns mit Füßen getreten.“.

„Ich bin wohl daran Schuld!“, Mara sah in etwas verlegen an.

„Wie konnte es auch anders sein!“, er ging auf dem Dach hin und her, „Es sind immer die Frauen, die Männer zu solchen unüberlegten Handlungen bringen!“.

„Hallo, du verletzt mich gerade zutiefst!“, Mara war aufgestanden und ist hinter ihm hergelaufen.

„Oh das kleine Mädchen hat Gefühle!“, er stand ganz plötzlich direkt vor Mara und sein Zeigefinger bohrte sich oberhalb ihrer Brust in ihre Jacke.

„Du bist so ein Idiot!“, Mara sah ihn wütend an.

„Was ist eigentlich ein Idiot? Du hast mich vorhin schon so genannt!“, er sah sie neugierig an.

„Jetzt sage bloß nicht, du wüsstest es nicht. Ein Volltrottel, ein Mann der von nichts eine Ahnung hat und davon ziemlich viel. Ein Mann, der mich gerade so richtig nervt!“

„Perfekt!“ und er lachte laut auf, „So soll es sein. Sobald die Nerven einer Frau blank liegen, hören sie zu. Erst dann sind sie aufnahmefähig!“.

„Woher hast du denn diesen Mist schon wieder!“, für Mara war es zum Haareraufen.

„Alles meine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht!“, er ging um Mara herum, „Du bist mein neuer Boss wusstest du das?“.

„Ich bin kein Boss und schon gar nicht deiner!“, sie fühlte sich von ihm in die Enge getrieben, „Außerdem, wie kommst du darauf?“, sie sah ihn neugierig an.

„Heißt dieses Buch etwa ‚Fredo und das Geheimnis der Feuerblume‘? Nein, so heißt es nicht! Dein Name ist Mara, also stelle dich jetzt mal schön langsam darauf ein, dass du mein neuer Boss bist. Wir werden eine Menge Spaß haben!“, er stand schon wieder viel zu nah vor ihr und das innerhalb von Sekunden. Mara bekam langsam Angst vor ihm.

„Ich werde jetzt von diesem Dach gehen und dann kannst du dir einen neuen Boss suchen!“, sie lief zur Treppe.

„Warum springst du nicht mit mir? Wir zwei gemeinsam!“, er folgte ihr.

„Nein danke, mein Leben ist mir etwas zu wichtig, um geradewegs in den Tod zu springen!“

„Du vertraust mir also nicht!“, jetzt lief er direkt neben ihr her, „Du bist wie dein Vorgänger. Er hatte es nicht mal geschafft mich zu sehen. Geschweige denn mit dem Buch richtig umzugeben. Und du siehst mich und vertraust mir nicht. Menschen sind eigenartig und nicht zu verstehen!“.

Mara war stehen geblieben, „Du willst mir erzählen, er hat dich nie gesehen. Er hat sich als die Feuerblume ausgegeben und war nicht im Entferntesten so weit wie ich und konnte dich nicht einmal sehen?“.

Er tat gelangweilt, „Ja, es war so. Du bist seit langem mal wieder die Erste, die mich sieht. Hatte schon an mir gezweifelt, ob es an mir liegt, dass man mich nicht sehen will!“.

„Und du siehst immer so aus, wie ich dich jetzt vor mir sehe?“, Mara drehte sich zu ihm.

„Kommt darauf an, wie du mich siehst. Wie siehst du mich denn?“, er sah sie leicht grinsend an.

„Du bist so verdammt groß, hast eine fantastische Figur, bist durchtrainiert, braungebrannt. Trägst diese etwas mitgenommenen Lederklamotten. Ich sehe einige Tätowierungen auf deiner Haut. Du hast volle Lippe und am Kinn eine Narbe, die du unter einen Dreitagebart versteckst. Du hast eine große, aber dennoch gerade Nase. Deine Augenbrauen sind perfekt für einen Mann, leicht geschwungen und nicht so verwachsen. Deine Augenfarbe ist irre, ich kann sie nicht genau beschreiben. Von allem etwas würde ich sagen, also ganz unterschiedliche Farben!“, Mara war mit ihrer Beschreibung fertig und sah ihn herausfordernd an.

„Diesmal muss ich ja richtig gut aussehen!“, er war sichtlich froh über die Beschreibung von Mara, „Ich hatte schon weit schlimmere Beschreibungen. Ich war sogar schon ein Baum, für eine Frau, sie hat unter mir gesessen und den Rest erspare ich dir lieber. Ihr Hund hatte mich zu seinem Lieblingsbaum gewählt. Das war … ich sage mal dazu, eine ganz besondere Erfahrung!“.

„Warum hat dich mein Vorgänger nicht gesehen?“, Mara trat noch näher an ihn heran.

„Was tust du da?“, er zog seine Augenbrauen in die Höhe.

„Nichts, wovor du Angst haben könntest!“, Mara grinste, „Warum ich und nicht er?“.

„Weil du die Auserwählte bist!“

Mara ließ sich die Gedanken durch den Kopf gehen und freundete sich so langsam damit an. Obwohl sie rein gar nichts kapierte, aber das war ja bei diesen Typen so oder so egal. Alles nur eine Frage der Illusion, soviel hatte sie bereits verstanden.

„Springst du jetzt mit mir?“, er reichte ihr seine Hand.

Mara wollte schon sagen, ob er noch ganz bei Trost sei. Aber dann ruderte sie zurück und spürte diese Herausforderung in sich, wenn es wirklich stimmte und sie konnte ihm zu hundert Prozent vertrauen, dann würde sie dort unten auf der Erde stehen und sie wäre vollkommen unversehrt. „Ich springe!“.

„Hey coole Sache!“, er war sichtlich erfreut und zog sie bereits zum Rand des Lagerhauses.

Mara blickte unter sich. Vierzig Meter Tiefe lagen unter ihr. Alles wirkte so verdammt klein. Sie hatte Schiss, richtigen Schiss, aber sie wusste, so, wie es jetzt war, so konnte ihr Leben keineswegs weitergehen. Sie blickte ihn an. Er hatte sie beobachtet.

„Bist du bereit?“, fragte er sie.

Sie nickte ihm zu.

„Stelle dir vor, du kommst dort unten stehend auf. Wir zwei stehen nebeneinander. Alles eine Frage der Illusion. Du und ich würden niemals fallen, wir stehen!“

Mara nickte erneut und dann ließ sie sich zusammen mit ihm fallen. Sie schrie und fiel.

Alles eine Frage der Illusion!

Dieses Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 8

Mara war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken zu den letzten Stunden, welche sie mit Marco Sanders verbracht hatte. Sie fühlte diese tiefe innere Zufriedenheit, endlich war sie mit sich im Reinen. Jahrelang hatte sie diesen Konflikt ausgetragen, eine Versagerin zu sein, schlechter als alle anderen zu sein. Eigentlich war es Jessica Baier, die genau diese Worte für sie übrig gehabt hatte. Aber irgendwann, oh ja, irgendwann zweifelte sie an sich und redete sich genau das ein, was andere über sie gesagt hatten und dann fühlte sie es ganz tief in sich drin. Sie war Mara Sommer, die Versagerin. Und dann kamen diese Alpträumen, jede Nacht zogen sie Mara in die Tiefe der Einsamkeit und Angst. Wenn sie schrie kam nachts niemand an ihr Bett und schenkte ihr tröstende Worte. Ihre Mutter verbrachte ihre Nächte bei ihren Liebhabern. Mara war alleine mit ihren drei Jahre jüngeren Bruder, der viel zu fest schlief, um etwas von ihren Panikattacken mitzubekommen. Es war eine schlimme Zeit für Mara gewesen, sie wusste, sie hätte Hilfe gebraucht. Die Scheidung ihrer Eltern, die ständigen verbalen Angriffe in der Schule waren für ein elfjähriges Mädchen nicht leicht zu verkraften. Sie gab sich die Schuld an der Scheidung ihrer Eltern, sie gab sich die Schuld für Jessica Baiers Worte und irgendwann ließ sie keine anderen Gedanken mehr zu, weil sie tatsächlich glaubte, dass sie eine Versagerin war. Sie bestand nur noch aus den Worten fremder Menschen, von denen sie gehasst wurde. Eigentlich kannte sie den wahren Grund nicht, weshalb man sie hasste. Aber Jessica Baier hatte diesen enormen Einfluss alle davon zu überzeugen, dass Mara eine Versagerin war und am Ende glaubte es Jeder. Ihr gesamtes Umfeld betrachtete Mara genau so, wie es mit Worten manipuliert worden war. Das war der Knackpunkt, die Menschen verloren ihre eigene Meinung, ihre eigenen Worte und am Ende verloren sie ihre eigene Sichtweise, weil sie merkten, dass es einfacher war, mit den Worten eines anderen zu reden!

Mara wusste, dass dies nicht die letzte Begegnung mit Marco Sanders gewesen war. Sie wusste aber auch, dass es ihr nur um ihren lang ersehnten Racheakt gegenüber Jessica Baier ging. Sie hatte nie gedacht, dass sie Sex mit einem Mann haben konnte, ohne jegliche Gefühle für ihn zu empfinden. Natürlich war Marco Sanders ein äußerst attraktiver Mann und somit ist ihr diese Begegnung weit leichter gefallen. Aber sie war kalt, sie war rational, sie war vollkommen emotionslos. So kannte sie sich definitiv nicht!

„Wo bist du gewesen?“, Ivonne war aus ihrem Auto gestiegen, als Mara auf ihr Haus zulief. Sie hatte das Auto von Tommy nicht bemerkt, welches am Straßenrand parkte. Mara erschrak, denn sie war so in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie gar nicht damit gerechnet hatte, dass Ivonne hier plötzlich auftauchen würde. Ivonne sah vollkommen verheult aus. Neben ihr im Auto saß Tommy. Er schrieb gerade eine Nachricht auf seinem Handy.

„Was macht ihr hier?“, fragte Mara erstaunt.

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!“, Ivonne sah Mara eindringlich an, „Du weißt es noch nicht?“.

„Was soll ich nicht wissen?“, Mara verstand die Frage nicht.

Tommy stieg aus dem Wagen, „Ich habe ihm gerade geschrieben. Er ist so froh, dass Mara nichts passiert ist!“.

„Wer ist froh? Und was ist hier eigentlich los?“, Mara hatte keine Ahnung von was Tommy da sprach.

Ivonne kam auf sie zu und umarmte sie ganz fest, „Es ist etwas ganz Schlimmes passiert und wir dachten, du hättest auch dieses schreckliche Zeug genommen und …“, Ivonne brachte kein Wort mehr über ihre Lippen, sondern begann ganz bitterlich zu weinen.

„Es geht um Xynthia!“, Tommy sprach sehr leise. Er sah Mara so eigenartig an und ihr wurde ganz flau im Magen.

„Sie … Xynthia  ist tot!“, Ivonnes Worte klangen wie ein Hilfeschrei und sie schluchzte laut auf. Sie hatte sich an Mara geklammert, als wäre sie ihr Rettungsanker. Doch Mara riss diese Nachricht genauso in die Tiefe. Die Worte drangen zu ihr vor, jedoch schienen sie so unwirklich zu sein. Mara hatte Xynthia noch vor einigen Stunden gesehen. Sie war in ihrer Wohnung gewesen, sie waren gemeinsam zu der Party gegangen und jetzt soll sie tot sein! Mara war vollkommen geschockt, ihr wurde schlecht, sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen ins Wanken geriet und dann war es vollkommen schwarz um sie herum.

Maras Kopf fühlte sich an, als wäre sie gegen die Wand gelaufen, er dröhnte und schmerzte zugleich. Sie stöhnte leicht auf, als sie ihre Augen öffnete. Es war dunkel, sie lag in ihrem Bett. Sie wusste nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war. Hilfesuchend blickte sie sich um. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch funktionierte diese mal wieder nicht. Mara richtete sich leicht auf, erst da bemerkte sie die Person, welche gegenüber von ihr auf einem Stuhl saß. Mara sah die Umrisse einer Person, ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie schloss noch einmal ihre Augen und öffnete sie erneut.

„Tommy bist du das?“, ihre Stimme klang fürchterlich, es ähnelte eher einem Krächzen.

„Nein, Ivonne und Tommy sind vor zwei Stunden nach Hause gefahren. Ich habe gesagt, dass ich heute Nacht bei dir bleibe!“, er war aufgestanden und setzte sich zu Mara auf’s Bett. Es war die Feuerblume. Deshalb ging ihr Licht nicht.

Mara ließ sich zurück in ihr Kissen fallen, „Wie bin ich in mein Bett gekommen?“.

„Du bist umgekippt, Tommy hat dich gerade so aufgefangen. Ivonne und er haben dich anschließend ins Bett gebracht.“

Erst jetzt fiel Mara wieder ein, was passiert war, was Ivonne zu ihr gesagt hatte und sie spürte diesen Druck, welcher sich auf ihr Brustkorb legte, „Das mit Xynthia, das ist wahr? Ich meine, das stimmt, was Ivonne und Tommy gesagt haben?“, Mara suchte nach Worten, denn sie konnte das Wort – tot – nicht in den Mund nehmen, das alles erschien ihr so irreal. Besonders, weil sie gestern Abend noch mit Xynthia zusammen gewesen war.

„Ja es ist wahr!“, die Feuerblume setzte sich ganz nah zu Mara. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Mara weinte, ihre Tränen durchtränkten sein Shirt. Seine Hand streichelte ihr zur Beruhigung immer wieder über den Rücken. Sie konnte nichts anders, sie ließ die Tränen einfach laufen, all die Angst, ihre Panikattacken, ihre emotionales Zusammenbrüche und nun der Tod von Xynthia brachen aus ihr heraus. Es hatte sie vollkommen überrollt, sie konnte nicht mehr zurück, sie musste ihm die Wahrheit sagen.

Mara schob sich ein wenig von ihm weg, „Ich bin an Xynthias Tod Schuld!“.

„Du?“, sie hörte die entsetzte Tonlage in seiner Stimme.

„Ich habe mich nicht um sie gekümmert. Ich hätte nach ihr sehen sollen. Ich war so verdammt egoistisch und nun wirst du mich hassen für das, was ich getan habe!“, Maras Stimme schrie fast.

„Ich werde dich niemals hassen!“, er versuchte sie zu beruhigen und zog sie wieder in seine Arme, er wollte sie beschützen, er wollte, dass sie spürte, dass er für sie da war.

„Ich war bei Marco Sanders!“, sie sprach die Worte schnell, viel zu schnell, denn sie wollte es endlich loswerden. Sie spürte, wie er sich versteifte, wie seine Handbewegung plötzlich innehielt, wie er sich nicht mehr regte. Sie wartete darauf, dass er sie von sich stieß.

„Was hast du bei ihm gemacht?“, er fragte vorsichtig nach.

„Oh Gott, wie kann ich dir das erzählen, ohne dich zu verletzen. Ich … ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren und …“

Er nahm sie erneut in seine Arme, „Pssssst mein Engel, ganz ruhig. Ich liebe dich doch auch, mehr als du dir vorstellen kannst. Du wirst mich niemals verlieren, das schwöre ich dir!“.

„Das sagst du so einfach!“, erneut wurde Mara von einer Heulattacke erfasst, sie schluckte schwer, „Ich hatte Sex mit Marco Sanders!“ und dann wie aus heiterem Himmel wurde ihr bei den Worten kotzschlecht und sie schob sich von ihm weg und rannte im Dunkeln ins Badezimmer. Sie spürte, wie sie zu würgen anfing, instinktiv riss sie den Klodeckel nach oben und sie hatte sich gerade nach vorn gebeugt, als sie ins Klobecken erbrach. Mara hatte das Gefühl, als wollte alles aus ihr heraus, der Würgereiz nahm kein Ende. Irgendwann richtete sie sich auf und ging leicht benommen zum Waschbecken, sie spülte sich immer wieder ihren Mund aus. Als sie ihren Mund abgetrocknete, erkannte sie ihn, wie er am Türrahmen lehnte und sie wohl die ganze Zeit schweigend beobachtet hatte. Sie ging auf ihn zu, „Du bist enttäuscht, nicht wahr?“, Mara stellte sich ihm gegenüber, „Lass es mich wenigstens erklären!“

„Was gibt es da zu erklären Mara, du hattest Sex mit Marco Sanders!“, seine Stimme klang so enttäuscht.

„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich liebe dich, nur dich!“, Mara flehte ihn an, sie zu verstehen. Sie ging auf ihn zu, jedoch trat er einen Schritt zurück.

„Mara, ich rufe Ivonne an. Es ist besser, wenn sie heute Nacht kommt. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder zu dir kommen werde.“, er holte sein Handy aus der Tasche.

Mara schrie laut auf, „Unterstehe dich Ivonne anzurufen. Ich will sie nicht hier haben, hast du mich verstanden. Und wenn du mich nicht verstehen willst, oh Gott …“, sie brach erneut in Tränen aus, „Dann lass es einfach. Ich will mich nicht mehr erklären müssen, bei niemanden mehr. Geh!“, schrie sie, „Geh einfach und lass mich in Ruhe.“, sie sackte im Flur zusammen und biss sich auf ihre Hand, um nicht noch lauter schreien zu müssen. Sie hörte, wie die Tür ins Schloss knallte und sie wusste, sie hatte ihn für immer verloren.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 4

Wir begeben uns zehn Jahre zurück. Alexander Kilian gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Interforce Consulting. Gründer dieser Firma sind Benjamin Steinhold und Oliver Brecht. Wenn wir uns weitere sechs Jahre zurückbegeben, fügen wir eine weitere Person hinzu – Sebastian Moor. Alle drei kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit und waren stets eng miteinander befreundet gewesen. Ganz gewiss hatten die drei Jungs eine überschäumende Fantasie und sie schmiedeten gemeinsame Pläne ihre Stadt zu verändern. Benjamin Steinhold war das Zahlengenie. Er war wie sein Vater der geborene Kaufmann. Alle Geschäfte, welche er bisher bei Interforce Consulting getätigt hatte fuhren beträchtliche Gewinne ein. Oliver Brecht war der Computernerd. Er hatte bereits mit dreizehn alle Passwörter des Computersystems der Schule geknackt. Und Sebastian Moor war die Überzeugungskraft in die Wiege gelegt worden. Er hatte das Talent Menschen mit seinen Visionen zu begeistern, Menschen für seine Vorhaben zu gewinnen. Jedoch gab es nur zwei Gründer bei Interforce Consulting. Sebastian Moor ließ sich gerne inspirieren und hatte sich letztendlich gegen das Projekt seiner Freunde entschieden. Es gab weit größere Pläne, die vor ihm lagen – das Industriegebiet Sanders & Moor. Marco Sanders war der Sohn des damaligen Bürgermeisters, er hatte schnell erkannt welche Begabungen in Sebastian Moor steckten. Hier trennten sich die Wege der drei ehemals besten Freunde.

Alexander Kilian war in der Forschungsabteilung von Interforce Consulting tätig. Interforce Consulting gehörte zu den führenden Anbietern der Kosmetikbranche. Ihr meistverkauftes Produkt war ein Serum, welches der Zellerneuerung diente. Alexander Kilian war ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, bislang hatte er nie Fragen zu Veränderungen oder Neuerungen gestellt. Jedoch zweifelte er an den neuen Wirkstoff, den Benjamin Steinhold bei seiner letzten Teambesprechnung erwähnte. Er recherchierte nach diesem Derotrexin, welches Benjamin Steinhold als die Neuentdeckung auf dem Markt angepriesen hat. Dieser Wirkstoff würde die Zellerneuerung um bis zu fünfzig Prozent beschleunigen. Wenn Interforce Consulting diesen Wirkstoff ihrem bisherigen Serum hinzufügen würde, dann würden die Verkaufszahlen des neuen Serums in die Höhe schießen. Alexander Kilian konnte jedoch keinerlei Daten oder Zusammensetzungen darüber finden. Zwei Wochen später wurde dieses Derotrexin in einer großen Menge angeliefert. Es war ein hellbraunes Pulver, welches in winzigen Tütchen verpackt war. Alexander Kilian wollte das Pulver sogleich in seinem Labor untersuchen und hatte ganz ausversehen eines der Tütchen in seinem Laborkittel verschwinden lassen. Zwei Tage später war er tot und das gesamte Derotrexin war wie vom Erdboden verschluckt. Nun lag die ganze Hoffnung in der Akte, welche Mara Sommer aus dem Safe von Dr. Barner entwendet hatte. An diesem Abend gab es noch jede Menge Pizzen von Pizza Carlo auf dem Polizeirevier. Und irgendwie, auf ganz mysteriöse Weise ist die Akte von Alexander Kilian auf dem Schreibtisch des Dienststellenleiters gelandet.

Eine Woche später stand es in den Zeitungen:

Die Firma Interforce Consulting muss sich für den Tod an Alexander Kilian verantworten! Die Polizei geht neuen Hinweisen nach. Aus ermittlungstechnischen Gründen können keine weiteren Angaben gemacht werden!

Es hätte nicht besser laufen können für Mara, glücklich und mehr als zufrieden blätterte sie die Zeitung wieder zu und legte sie auf den großen Stapel alter Zeitungen.

Bevor Mara zu Plan B übergehen konnte, musste im Vorfeld noch einiges getan werden. Sie brauchte mehrere Tage, um herauszufinden, wo sich diese Akte genau befand. Anschließend hackte sie sich in die Überwachungskameras der Firma Interforce Consulting und beobachtete diesen Dr. Barner und seine Assistentin. Sie ging noch einen Stück weiter und folgte den Beiden in der Mittagspause. Nach drei Tagen hatte sie herausgefunden, dass sie immer zu selben Zeit, das selbe Restaurant aufsuchten. Abwechslung stand wohl nicht so hoch im Kurs bei Dr. Barner und Frau Mittelstedt. Aber ihr sollte es Recht sein, denn so konnte sie diese eine Stunde nutzen, um die Akte aus dem Safe im achtundfünfzigsten Stock zu holen. Ein Tag vor der Umsetzung ihres Plan B’s stellte sie sich mit einer riesigen Menge an Flyern von Pizza Carlo vor das Bürogebäude von Interforce Consulting. Sie verteilte an jede Person, welche das Gebäude verließ, einen Flyer. Sie hatte nicht mit so einer großen Menge Pizzen gerechnet, die bei Pizza Carlo bestellt worden waren. Am Ende des Tages verzeichnete Carlo achtundachtzig Pizzen, die von den Mitarbeitern von Interforce Consulting bestellt worden waren. Ihr Plan war aufgegangen und das machte Mara noch weit glücklicher. Sie hatte Carlo neue Kundschaft verschafft und sie hatte gleichzeitig Zutritt zum Bürogebäude von Interforce Consulting gehabt. Was wollte sie mehr und am Ende hatte sie sogar die Akte von Alexander Kilian in der Hand. Tommy hatte am Abend zu ihr gesagt, er wusste schon immer, dass er sich zu hundert Prozent auf Mara verlassen kon

nte.

Mara war glücklich und das war etwas ganz Besonderes, denn sie hatte die letzten Jahre das Glück mehr gesucht, als gepachtet. Es wurmte sie noch immer, als sie Jessica Baier gegenüberstand. Aber sie wusste schon immer, dass sie eine blöde Kuh war und dass sie sich wohl niemals ändern würde. Zu gern hätte sie gewusst mit wem sie zusammen war. Tommy wusste es, aber wollte es ihr nicht verraten. Irgendwann würde es Mara schon herausbekommen. Und zum Thema Versagerin, oh ja Mara war tatsächlich eine Versagerin, aber es störte sie kaum noch. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da ist sie an dieser Vorstellung zugrunde gegangen, aber mittlerweile hatte sie sich mit dem Zustand ‚Mara Sommer die Versagerin‘ abgefunden. Wenn sie tatsächlich so eine Niete war, wie es Jessica Baier behauptete, wieso war sie dann Teil der Feuerblume und hatte bereits ihren vierten Fall mit Erfolg gelöst. Es war ein geheimes Abkommen, über welches sie niemals reden durfte, das hatte sie Tommy hoch und heilig versprochen. Aber manchmal wurmte es sie gewaltig, dass sie den anderen da draußen nicht auch zeigen durfte, dass etwas in ihr steckte. Mara sollte tatsächlich mehr nach vorn schauen, als immer nur zurück, dann würde das mit ihren Träumen auch weit besser funktionieren!

Das Bild ist von meinen Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 3

Mara hatte das Lauftraining absolviert und sie wusste, dass nun Plan B zum Zuge kam. Sie brauchte immer einen Plan B. Es war selten, dass Plan B umgesetzt wurde, aber dieses Mal war es Plan B. Mara war eine Meisterin, wenn es darum ging zu improvisieren. Und genau das durfte sie heute tun. Sie hatte sich ihre Jacke von Pizza Carlo übergezogen und das Cap tief ins Gesicht geschoben. Es gab viel zu tun. Die Telefondrähte liefen bereits heiß. Gerade ist die vierzigste Pizzabestellung von Interforce Consulting eingegangen. Carlo fluchte und lachte zugleich. Aber Mara wusste selbst diese Situation würde Carlo mit Bravour meistern.

Giovanni schob Mara die ersten Pizzabestellungen entgegen, „Hier stehen die Büros und die Namen der Besteller drauf! Du fährst die erste Tour. Ich die Nächste!“. Mara schnappte sich die heißen Pizzakartons und verpackte sie in einer Warmhaltebox. Den Bestellzettel schob sie in ihre Jackentasche. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die kleine Pizzeria.

Mara brauchte ungefähr eine viertel Stunde mit dem Auto bis sie Interforce Consulting erreicht hatte. Sie versuchte die Pizzabox heil durch die Drehtür zu bekommen. Sie beobachtete beim Reingehen die zwei Wachposten. Einer stand direkt an der Drehtür und nickte Mara freundlich zu. Ein weiterer lehnte lässig am Empfangstresen und schien sich mit der Empfangsdame bestens zu unterhalten. Mara ging zielstrebig auf die Beiden zu, wurde jedoch mit Missachtung gestraft. Sie räusperte sich laut, um so etwas von der Aufmerksamkeit der zwei Turteltauben auf sich zu lenken.

„Wie können wir Ihnen helfen?“, die Empfangsdame verzog ihr Gesicht, denn sie duldete keine Unterbrechung und genau das hatte Mara gewagt.

„Ich muss diese Pizzen hier liefern. An diese Büros.“, Mara zog den Bestellzettel aus ihrer Jackentasche und reichte sie der Dame.

„Das ist im dreiundfünfzigsten Stock. Kleinen Moment!“, sie nahm den Telefonhörer in die Hand und tippte eine Nummer ein. Während sie auf den anderen Teilnehmer wartete lächelte sie unentwegt den schmierigen Wachmann an, der noch immer wie ein lästiges Kaugummi am Tresen klebte. „Eure Pizzabestellung ist da, kommst du runter und holst diese Pizzabotin ab!“, ihre Worte waren voller Missachtung, das entging Mara ganz gewiss nicht. „Okay, bis gleich!“, flötete sie ins Telefon.

Du bist doch so eine miese Schauspielerin Bianca Meerbusch – schoss es Mara durch den Kopf. Sie lächelte noch immer die Dame an, jedoch in ihrem tiefsten Inneren empfand sie nur Abscheu und Mitleid für ihre ehemalige Klassenkollegin. Mara war froh, dass sie sich trotz ihrer Jobsuche nie bei Interforce Consulting beworben hatte, denn genau das hier hätte sie zur Amokläuferin werden lassen.

„Sie kommt gleich!“, es war das Zeichen, dass Mara sich endlich von dem Tresen entfernen sollte. Jedoch machte sie keinerlei Anstalten. Sie zog stattdessen ihr Handy aus der Jackentasche und checkte noch einmal, ob die Verbindung zu ihren Computern daheim noch nicht unterbrochen war. Mara hörte die schmalzigen Worte von diesem ausgelutschten Kaugummi, sie gab ihnen eine Nacht, dann klebte er an einem anderen Schreibtisch.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Mara nahm ihre Box und ging auf den Fahrstuhl zu. Ein weiterer Moment an dem sie hätte kotzen können. Jessica Baier trat gerade aus dem Fahrstuhl. Die Jessica Baier. Die Nummer eins in der Schule. Ihr blonder Bob saß perfekt – ihre weiße Bluse hatte den perfekten Ausschnitt für das ausgelutschte Kaugummi am Tresen – ihr enger, schwarzer Rock saß perfekt – ihre Beine waren lang und perfekt und ihre schwarzen High Heels waren sensationell hoch – alles in allem, sie war mal wieder perfekt. Genau wie früher stellte Mara fest. Nichts hatte sich an Miss Perfect geändert. Ach ja doch eine winzige Kleinigkeit, Mara konnte sich nicht vorstellen, dass sie und Sebastian Moor noch immer das perfekte Traumpaar waren, nachdem sie ihn gestern das erste Mal wieder gesehen hatte.

Jessica hatte Mara erreicht und musste zweimal hinschauen, „Ich glaube es nicht Mara Sommer! Hey Bianca hast du nicht gesehen, dass das Mara Sommer ist!“, Jessicas stimmte hallte durch den gesamten Empfangsbereich. Mara wäre am liebsten im Boden versunken.

„Ist nicht wahr!“, kreischte Bianca hinter Mara auf, „Ich habe die ganze Zeit schon überlegt.“.

Na klar doch, dachte sich Mara, weil du ja auch soviel Gehirn hast. Dein Blick und deine Worte gehörten doch die ganze Zeit diesem ausgelutschten Kaugummi vor dir. Mara lachte Jessica Baier mit einem übertriebenen Lächeln an, „Wo soll die Bestellung hin?“.

„Ich begleite dich nach oben!“, sie stöckelte neben Mara her, „Ich fasse es noch immer nicht. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, was aus der kleinen Versagerin Mara Sommer geworden ist. Genau wie deine Mutter, hast es echt zu nichts gebracht!“.

Lieber eine Versagerin, als immer nur eine Ja-Sagerin, schoss es Mara durch den Kopf.

Die Fahrstuhltür schloss sich. Mara überlegte, ob sie die Box absetzen sollte und sich auf Jessica Baier stürzen sollte und sie eigenhändig erwürgen sollte. Ja, sie war tatsächlich drauf und dran gewesen. Doch Jessica Baier ließ sich keineswegs in ihrem Redefluss unterbrechen.

„Ach wusstest du das Samantha auch hier arbeitet. Ich bin Abteilungsleiterin vom Marketing und Samantha ist Chefin von der IT-Abteilung. Und Caro ist ganz oben bei den Chefs, ihre persönliche Assistentin. Das ist alles so perfekt! Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich die perfekte Abteilungsleiterin für Interforce Consulting bin!“

Diese Frau war genau wie früher, wenn nicht sogar noch einen Tick schlimmer. Sie war so dermaßen überzeugt von sich. Mara hatte Jessica Baier und ihre zwei Anhängsel noch nie leiden können. In der Schule waren sie die Créme de la Créme, sie wurden vergöttert, geliebt und gehasst. Bei Mara war Letzteres der Fall.

„Dann seid ihr drei ja noch immer vereint, so wie früher!“, Mara blickte geradeaus auf die geschlossene Fahrstuhltür, ihre Hände umklammerten fest die Warmhaltebox. Verdammt fest, denn sie wusste, wenn sie es nicht tat, dann würde sie Jessica Baiers Hals ganz fest umklammern und dann würde Mara im Gefängnis landen. ‚Mord im Fahrstuhl‘ würde dann überall in den Zeitungen stehen und ihre Mutter und ihr kleiner Bruder würden in dieser Stadt von Jessicas Familie geächtet werden. „Sebastian Moor und du, seid ihr jetzt verheiratet?“, Mara konnte es nicht lassen, sie wollte es wissen, ob Jessica noch immer mit ihm zusammen war, so entstellt, wie Sebastian Moor jetzt aussah.

„Spinnst du! Seit seinem Gefängnisaufenthalt hat ihn niemand mehr gesehen.“, verächtlich verzog Jessica ihr Gesicht, „Ich glaube kaum das Benjamin und Oliver gut auf ihn zu sprechen sind. Marco hat mir schon oft gesagt, dass Sebastian noch weitere zehn Jahre für seine Taten ins Gefängnis gehört!“.

Benjamin Steinhold und Oliver Brecht waren die ehemals besten Freunde von Sebastian Moor. Marco Sanders war der Partner von Sebastian Moor gewesen, sie haben zusammen das Industriegebiet Sanders & Moor gegründet.

Mara sah zu Jessica, „Traurig, wie die ehemals besten Freunde zu den größten Feinden werden können!“.

„Das hat sich Sebastian selbst zuzuschreiben. Er hat hier in der Stadt von so vielen Menschen die Existenz kaputt gemacht, das wird ihm wohl niemand mehr verzeihen!“, Jessica und Maras Blicke trafen sich. Mara erkannte die Wut in ihren Augen und sie wusste, weshalb sie diese Frau schon immer gehasst hatte. Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür. Mara trat erleichtert heraus. Kein Mord im Fahrstuhl und sie hoffte, dass sie Jessica Baier nie wieder sehen musste!

Die Pizzen waren verteilt, das Geld dafür hatte sie gut verstaut. Niemand interessierte sich mehr für Mara. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Ein kurzer Blick auf ihr Handy. Es war Mittagszeit. Dr. Barner und seine Assistentin Frau Mittelstedt waren zu diesem Zeitpunkt in der Mittagspause. Mara ging zum Treppenhaus, nun war es an der Zeit die Überwachungskameras des Treppenhauses lahmzulegen. Sie befand sich momentan im dreiundfünfzigsten Stock. Es hätte nicht besser laufen können, die paar Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock konnte Mara trotz ihrer schlechten Laufleistung relativ schnell überwinden. Mara stellte ihre Box ab und begann nach oben zu rennen, in der Hoffnung jetzt niemanden zu begegnen. Sie hatte die Lage über das Überwachungssystem mehrere Tage beobachtet, um diese Zeit hielt sich niemand im Treppenhaus auf. Alle waren in der Mittagspause und es war ziemlich ruhig in diesem riesigen Bürogebäude.

Sie hatte den achtundfünfzigsten Stock erreicht. Es war die Etage von Dr. Barner. In seinem Safe befand sich die Krankenakte von Alexander Kilian und diese brauchte sie für die Polizei. Kameras gab es zum Glück in dieser Etage nicht. Es musste wohl daran liegen, dass Untersuchungen eines Arztes der ärztlichen Schweigepflicht unterlagen und somit durften der Arzt und sein Patient nicht gefilmt werden. Das war ein gewaltiger Vorteil für Mara, aber sie hätte die Überwachungskameras auch über ihr Handy ausschalten können. Sie hatte mehrfach geprüft, wann Dr. Barner und seine Vorzimmerdame mittags in die Stadt zum Essen gingen. Manchmal empfand Mara, dass das Observieren von Personen ein tiefes Eindringen in deren Privatsphäre war, denn so hatte sie herausgefunden, dass Dr. Barner und Frau Mittelstedt seit längerer Zeit ein sehr enges Verhältnis pflegten, obwohl beide verheiratet waren. Im Grunde war es Mara egal, welche außerehelichen Verhältnisse die beiden miteinander hatten, ihr war es nur wichtig, dass sie ungestört die Akte aus dem Safe holen konnte.

Aus ihrer Hosentasche zog sie ihre Handschuhe, welche sie sich beim Gehen über die Hände streifte. Die Tür zum Vorzimmer von Frau Mittelstedt war offen. Die Tür zu Dr. Barners Büro war natürlich abgeschlossen. Mara brauchte nicht länger als einige Sekunden bis sie seine Tür geöffnet hatte. Den Code für den Transponder hatte sie bereits vor zwei Tagen über das Computersystem von Interforce Consulting herausgefunden. Tommy hatte ihr einen Transponder besorgt und für sie codiert. Nun konnte sie ganz einfach die Tür zu Dr. Barners Büro öffnen. Sie lief in sein Büro und sah sich um, wo nur konnte er seinen Safe versteckt haben? Da erblickte sie eine Tür am anderen Ende des Büros. Zu allem Übel war die natürlich abgeschlossen. Mara drehte sich im Kreis und ihre Augen suchten alle Wände und Möbel ab. Sie durchsuchte den Schreibtisch und öffnete alle Schränke im Büro, da entdeckte sie über dem Besuchertisch ein Bild, welches viel zu groß und wuchtig wirkte und irgendwie ganz und gar nicht in dieses Büro passte. Sie tastete mit ihren Fingern den Rahmen des Bildes ab und bemerkte, wie sich das Bild von der Wand löste. Ohne große Anstrengungen ließ es sich zur Seite klappen und tatsächlich darunter befand sich der Safe. Das war der Moment, der Mara aufatmen ließ. Heute Morgen hatte ihr Tommy die Kombination für den Safe gebracht – 84312. Mara hatte ihn nicht weiter gefragt, wie er an die Zahlen gekommen war, sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass Plan B ins Rollen kam. Sie gab die Zahlenkombination 84312 ein. Der Safe öffnete sich. Unzählige Akten lagen darin. Mara wurde unruhig als sie die vielen Akten sah, denn ihr lief die Zeit davon. Sie zog einige der Akten heraus. Natürlich war die von Alexander Kilian nicht dabei. Sie hatte jede Akte in der Hand gehabt und war langsam am Verzweifeln. Sie nahm die unterste Akte, es war die letzte Akte im Safe und wenn es die auch nicht war? Dann hatte Mara ein gewaltiges Problem. Sie sah auf das Namensschild: es war nicht Alexander Kilians Akte. Mara fluchte laut auf. Der Safe war leer. Sie musste hier schleunigst Ordnung schaffen, sie schob alle Akten fein säuberlich zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild wieder an die Wand. Was würde sie Tommy sagen und er der Feuerblume, Mara hatte versagt. Jessica Baier hatte vollkommen Recht, sie war eine Versagerin. Mara drehte sich um und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie ganz oben auf dem Bücherregal ein Stück Papiers entdeckte, welches hervorragte. Sie schob den Stuhl zum Regal und kletterte auf ihn, selbst da schien ihr das Stück Papier noch viel zu weit entfernt. Sie streckte sich mit aller Macht, ergriff das Stück Papier und zog einen Stapel hinter sich her. Unzählige Blätter flatterten durch das Zimmer. Das auch noch! Mara blickte um sich, sah auf die Uhr, welche an der Wand hing und gab sich noch fünf Minuten bis Dr. Barner mit seiner Assistentin erschien. Sie sprang vom Stuhl und sammelte eiligst alle Blätter auf. Immer wieder fiel ihr Blick auf einen Namen Alexander Kilian Es war seine Akte, verteilt im Büro, aber sie hatte sie tatsächlich gefunden. Endlich hatte sie die unzähligen Blätter aufgesammelt. Sie schob die einzelnen Blätter sogleich unter ihre Jacke, diese war zum Glück etwas enger geschnitten, so konnten die Blätter ganz sicher nicht herausfallen und sie pressten sich fest an ihren Körper. Sie sah auf die Uhr, zwei Minuten. Den Stuhl schob sie wieder an den ursprünglichen Platz zurück. Sie verließ das Büro und hatte die Tür von Dr. Barners Büro abgeschlossen. Gerade steckte sie ihre Handschuhe wieder in ihre Hosentaschen, als sich die Fahrstuhltür öffnete und direkt gegenüber von ihr eine Frau und ein Mann standen. Das mussten Dr. Barner und Frau Mittelstedt sein. Mara blieb ruhig, denn sie hatte die Akte, sie musste nur noch raus hier.

„Was können wir für Sie tun?“ Dr. Barner beachtete Mara nicht weiter, ging sofort in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Seine Assistentin sah sie fragend an.

„Ich wollte Ihnen einen Bestellzettel von Pizza Carlo bringen. Momentan sind hier alle ganz heiß auf seine Pizzen!“, Mara zog einen neuen Flyer von der kleinen Pizzeria aus ihrer Jackentasche.

„Wir habe gerade zu Mittag gegessen. Aber dennoch danke!“

Das war für Mara das Stichwort schnellstmöglich diese Etage zu verlassen. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, „Ich muss auch schon wieder gehen, es sind noch weitere Bestellungen von Interforce Consulting eingegangen. Ich kann Ihnen die Pizza echt empfehlen!“. Mara hatte die Überwachungskameras des Treppenhauses ein weiteres Mal ausgeschaltet.

Was war hier nur los bei Interforce Consulting? Ein breites Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte die Akte von Alexander Kilian! Und das fühlte sich verdammt gut an!

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 2

Mara hatte sich zu den Industrieruinen aufgemacht und wollte ihre Laufkondition nach der Grippe testen. Sie schloss ihr Auto ab, zog sich die Kapuze ihrer Laufjacke über den Kopf und steuerte wie jedes Mal zuerst die großen, leeren Lagerhallen an. Dort gab es wenige Hindernisse, die sie überwinden musste, die ihr schon zu Beginn des Lauftrainings die Luft zum Atmen nahmen. Sie spürte, dass es heute anders war. Sie war weit langsamer und irgendwie auch unkonzentrierter. Sie ermahnte sich um mehr Aufmerksamkeit. Die Jugendlichen, die hier in den Ruinen abhängten machten ihr weit weniger Sorgen, sie kannten Mara bereits. Manchmal begegnete sie ein paar Obdachlosen, aber die waren es auch nicht, die sie fürchtete. Es war ‚Dark Shadow‘, wie sie ihn nannte. Sie hatte ihn noch nie vor sich gesehen, sie wusste, dass er hier war, sie spürte förmlich seine Anwesenheit. Eigentlich konnte sie nicht einmal sagen, ob es tatsächlich ein Mann war. Sie hatte ihn bislang nur immer flüchtig während ihres Lauftrainings wahrgenommen. Die Person war vollkommen schwarz gekleidet, sogar das Gesicht war mit einer Sturmhaube vermummt. Für Mara fühlte es sich bedrohlich an, wenn er ganz plötzlich wie ein Schatten in ihrer Nähe auftauchte, dann war es an der Zeit ihre Laufgeschwindigkeit noch einmal zu erhöhen und das Weite zu suchen. Meist schaffte sie es in weniger als fünf Minuten von den Bürokomplexen bis zu ihrem Auto. Jedoch zweifelte sie heute an ihrer Kondition, heute gab sie sich zehn Minuten. Fünf Minuten zu viel!

Es war verhältnismäßig ruhig, keine Jugendlichen, keine Obdachlosen. Sie hatte acht der Lagerhallen bereits durchlaufen, hatte dort ihr Hindernissparcour absolviert. Teilweise befanden sich dort noch Regale, die so hoch wie die Lagerhallen waren. Dicht nebeneinander waren sie aufgereiht. Diese eigneten sich besonders gut, um ihre Koordination zu trainieren. Sie sah die Hochhäuser mit den Treppenhäusern vor sich. Ihr Körper war wirklich noch nicht so fit, sie brauchte dringend eine Pause. Sie verlangsamte ihr Tempo, sie ging mehr, als dass sie lief. Ihre Lunge brannte, sie rang nach Luft. Noch nie hatte sie Seitenstechen gehabt. Sie schob es auf ihren zu schnellen Lauf beim Hindernissparcour. Zwei Treppenhäuser bewältigte sie in einem langsamen Lauftempo, beim Dritten erhöhte sie wieder ihre Geschwindigkeit. Sie schaltete ihre Stoppuhr am Handy ein und hatte bereits die Tür passiert. Oben angekommen blickte sie wieder auf ihr Handy. Sechs Minuten, nicht schlecht für ihren derzeitig angeschlagenen Zustand, aber eben nicht gut genug für Interforce Consulting. Zwei Treppenhäuser musste sie noch bewältigen. Das Nächste hatte sie sogar in vier Minuten geschafft, das Letzte schlug sie wieder in ihre alte Zeit zurück. Sie redete sich gut zu. Sie musste schließlich das Treppenhaus von Interforce Consulting nur einmal laufen. Also war sie im Durchschnitt gar nicht so schlecht gelaufen, wie sie zuvor noch geglaubt hatte.

Die riesigen Bürokomplexe tauchten vor ihr auf. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wie es hier früher einmal gewesen war. Mara musste zugeben, sie war nur eine Woche hier gewesen. Sie war damals vierzehn. Ihre Schulklasse hatte eines dieser Projekte. Sie musste ein Praktikum in einer dieser Firmen in den Bürokomplexen machen, um ihre soziale Kompetenz zu fördern. Für Mara war es eher ein Kaffeehol- und Kopierdienst. Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen. Fünfzehn Jahre, die hier soviel verändert hatten.

Vor Mara stand nun die letzte Aufgabe, sie musste innerhalb von zehn Minuten so viele Büroetagen wie nur möglich durchlaufen. Sie stoppte erneut die Zeit und begann zu laufen. Sie hatte die erste Etage, die zweite Etage hinter sich gelassen. Ihre Schritte hallten in den leeren Büros, obwohl sie darauf achtete, dass sie leicht auftrat, um so laute Geräusche zu vermeiden. Sie war auf dem Weg zum dritten Geschoss, als hinter ihr ein Schatten auftauchte. Mara erschrak, sie wusste, was zu tun war, sie erhöhte ihre Geschwindigkeit. Es tat ihr ganz sicher nicht gut, aber die Angst in ihr steigerte das Adrenalin, ihr Tempo verdoppelte sich. Sie durfte sich nicht umblicken, dann hatte sie verloren. Sie hatte die dritte Etage erreicht. Sie rannte, überlegte kurz, ob sie aufgeben und die restlichen Etagen nicht mehr durchlaufen sollte, aber sie hatte sich schließlich ein Ziel gesetzt. Und daran konnte sie auch ein ‚Dark Shadow‘ nicht hindern. Obwohl sie sich beinahe vor Angst in die Hose machte. Sie wusste nicht, zu was diese Person fähig war, ihr Äußeres sprach für sich. Es musste Gewalt, Schmerzen, und Leid sein, was diesen Menschen mit einer inneren Genugtuung erfüllte. Ansonsten würde er nicht seit zwei Jahren hier auf sie lauern. Sie hätte schon längst zur Polizei gehen sollen oder damals mit ihren Kollegen sprechen sollen, aber die hätten ihr nur eine Verwarnung gegeben, sie sollte sich von den Industrieruinen fernhalten. Ihr Herz raste, schlug ihr bis zum Hals, Angstschweiß trat aus ihren Poren. Sie hörte ‚Dark Shadow‘ nicht, aber sie nahm ihn ganz deutlich wahr. Die Treppe zur vierten Etage lag vor ihr. Mara zögerte einen winzigen Moment, doch dann erkannte sie in ihren Augenwinkeln diese schwarze Gestalt. Zurück konnte sie nun nicht mehr, immer weiter höher trieb er sie. Sie wusste, das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Mit kleinen, schnellen Schritten lief sie die Treppenstufen hinauf. Die letzte Stufe wurde ihr zum Verhängnis. Sie drehte sich leicht um, rutschte in diesem Moment wegen ihrer Unachtsamkeit von der Treppenstufe und fiel. Sie sah sich bereits auf die Betontreppe knallen, als zwei Hände nach ihr griffen und sie vor dem Sturz bewahrten. Zwei Hände hatten sich fest um ihren Körper gelegt. Ihr Herz raste, ihr Atem ging viel zu schnell. Sie konnte sich kaum bewegen, sie befand sich in einer Art Schockstarre. Was würde er als Nächstes mit ihr tuen?

Sie spürte, dass es ein Mann war. Er stand ganz nah hinter ihr. Sein durchtrainierter Körper presste sich an ihren. Seine Größe sprach für sich, verdammt groß würde Mara sagen, wenn sie sich zu ihm umdrehen würde, aber das traute sie sich nicht. Sie versuchte sich nicht zu bewegen.

„Warum läufst du vor mir weg?“, seine Stimme war tief, klang kalt und abweisend.

Mara überlegte, was sie darauf antworten sollte, dass sie sich vor ihm fürchtete, dass sie glaubte, er könnte ihr Schmerzen zufügen. Verdammt sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte, was richtig oder was falsch war.

„Du redest also nicht!“, er zog sie noch fester an sich, „Du hast Angst vor mir nicht wahr? Du hast Angst, ich könnte dir weh tun! Es reizt mich schon seit einiger Zeit dich so nah bei mir zu haben!“.

Was meinte er damit? Mara geriet in Panik, was wollte dieser Typ von ihr? Ihre Hände drückten gegen seine Arme, doch er hatte weit mehr Kraft als sie, „Lass mich los!“, schrie sie ihn an.

„Oh, du kannst ja doch reden!“, sie hörte den sarkastischen Ton in seiner Stimme, was ihr überhaupt nicht behagte, „Mädchen, wie du haben hier nichts verloren, weißt du das?“.

„Und du auch nicht!“, presste Mara hervor, „Typen wie du gehören in den Knast!“

Sie trat nun mit ihren Füßen abwechselnd nach hinten. Das schien ihn nicht weiter zu stören, „Du bist aber ein richtiger Wildfang, so mag ich die Mädchen besonders!“, sein Mund presste sich an ihr Ohr, „Du verstehst was ich damit meine, ich liebe es wild!“.

„Es ist mir scheißegal!“, schrie Mara laut auf.

„Nicht so laut, es könnte uns noch jemand hören!“ Genau das wollte Mara, gehört werden und gerettet werden, vor diesem Typen. Sie begann zu schreien, laut zu schreien, doch je lauter sie schrie, je mehr wurde ihr bewusst, wurde sie nicht gehört. Es wunderte Mara, dass er ihr nicht den Mund zuhielt, dass er sie schreien ließ. Aber ihr war bereits klar, dass sie ganz allein mit ihm hier war. Weder die Jugendlichen, noch die Obdachlosen waren heute hier gewesen. Nur er und sie waren hier!

„Ich lasse dich jetzt los und dann drehst du dich um und siehst mir ins Gesicht! Hast du mich verstanden!“, sein fester Griff lockerte sich, „Du haust nicht ab!“. Er drehte sie um, sie spürte, wie seine Hände von ihr ließen und sie fliehen konnte, aber sie wusste er war schneller als sie, also tat sie, was er ihr befahl. Zwei stechend blaue Augen sahen sie an. Der Rest vom Gesicht war von der Sturmhaube verhüllt.

„Du bist zu feige. um dich zu zeigen!“, Mara war wütend auf ihn, weil er sich versteckte.

„Du läufst nicht davon!“, wiederholte er seine Worte. Er hatte Mara losgelassen. Seine Hände zogen die Sturmhaube über seinen Kopf.

Mara erschrak, sie trat einen Schritt zurück und schluckte schwer. Kaum vorstellbar, wer da vor ihr stand! Wer für ihre verdammte Angst Schuld war! Sie war so wütend und ging auf ihn zu, ihre Hände waren zu Fäusten geballt und erhoben sich. Er hob schützend seine Hände vor sich. Mara hätte zuschlagen sollen, aber er war genug gestraft und das war so unvorstellbar hart und grausam, was Mara da vor sich sah. Vor ihr stand Sebastian Moor, seine rechte Gesichtshälfte war gezeichnet von Brandnarben. Sein Gesicht war einst wie gemalt gewesen. Reihenweise wurde er von den Mädchen ihrer Schule angehimmelt. Sein perfektes Äußeres war das Markenzeichen von Sebastian Moor gewesen. Aber jetzt war diese Perfektion mit einem Mal verschwunden, ausgelöscht. Mara verstand es nicht!

„Schönheit ist vergänglich Mara!“, Sebastian sah sie mit einem leicht amüsierten Blick an. Sie hatte ihn seit seinem Gefängnisaufenthalt nicht mehr gesehen.

„Wer hat dir das angetan?“, Mara war so entsetzt.

„Menschen, denen ich weit größere Schmerzen zugefügt habe!“, sein Blick hielt ihren stand. Sie wusste, dass er ohne jegliches Gewissen Menschen in den Ruin getrieben hatte. Eigentlich sollte es seine Strafe sein, dafür, was er tausenden Menschen hier in der Stadt angetan hatte. Aber für Mara war es jedoch unbegreiflich, wozu Menschen fähig waren.

„Hast du noch immer Angst vor mir?“, Sebastians Stimme war nun nicht mehr so kalt und hart, wie vorhin.

Mara lächelte, „Nein natürlich nicht, obwohl ich es nicht fassen kannst, dass du mich die ganze Zeit hier verfolgt hast!“.

„Ich wollte dich beschützen!“, er grinste ein wenig verlegen.

Oh Gott und Mara hatte geglaubt, dieser Typ wäre durchgeknallt und wollte sie umbringen.

„Sebastian Moor, wenn du mich das nächste Mal verfolgst, dann bitte ohne Maskierung!“, Mara begann zu lachen, irgendwie war sie erleichtert, aber dennoch tief erschüttert, wie sehr Sebastian Moors Gesicht entstellt war.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com