Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 11

Mara spürte den kalten Fahrtwind, welcher ihr das Gefühl von Freiheit gab. Ihre Arme lagen noch immer fest um seinen Hüften. Sie vertraute ihm vollkommen und begab sich mit ihm auf ihre Reise zu sich selbst. Er war ein sehr guter Motorradfahrer. Sie fuhren seit einer Stunde. Mara war noch nie so weit aufs Land gefahren. Ihre Eltern liebten die Stadt und hatten es immer gemieden das umliegende Land ihren Kindern zu zeigen. Mara staunte über die vielen kleinen Dörfer und Gehöfte an denen sie vorüberfuhren. Jede Menge Wälder, Wiesen und Felder zogen an ihnen vorüber. Sie sah einen gewaltigen Berg, welcher sich vor ihnen auftat. Die Spitze des Berges war von einer Wolkenschicht verhangen. Mara staunte nicht schlecht, als sie am Fuße des Berges einen riesigen, glasklaren See erkannte. Einige Autos standen bereits auf dem Parkplatz, auf welchen er jetzt auch fuhr.

Mara lief neben ihm her. Er war so groß und sie wirkte neben ihm so klein und zierlich.

„Dort oben ist eine kleine Hütte, da bekommen wir bestimmt etwas Gutes zu Essen. Warst du da schon einmal?“, er zeigte auf einen winzigen Punkt in der Mitte des Berges.

Mara war erstaunt, wie gut er sich hier auskannte, „Nein, aber woher kennst du diese Hütte?“.

Er lachte, „Wenn man sechshundertdreißig Jahre alt ist, dann kennt man sehr vieles!“ und er zwinkerte Mara zu. Er half ihr den schmalen Weg des Berges zu besteigen. Mara hatte natürlich nicht die geeigneten Schuhe an, das hatte er nicht mit einkalkuliert. Aber er war sehr fürsorglich und reichte ihr immer wieder seine Hand, damit sie einen besseren Halt beim Gehen hatte.

Sie hatten einen Tisch am Fenster bekommen und somit einen fantastischen Ausblick hinunter ins Tal. Mara hätte zu gern ihrem Bruder diesen Moment gegönnt und sie spürte wieder einmal, wie sehr sie ihre Eltern für ihre egoistische Denkweise doch hasste. Sie hatten immer nur an sich gedacht und ihre Kinder vollkommen vergessen. Ihr kleiner Bruder war Teil ihres Lebens und sie nahm sich ganz fest vor, ihn diesen Moment auch einmal zu schenken.

„Hast du ein Handy?“, sie sah ihn fragend an.

„Nein! Ist mir zu anstrengend! Außerdem weiß ich doch nicht, was mein nächster Boss aus mir macht!“, er lachte laut auf und Mara grinste verlegen.

„Ist dir das zu viel. Ich meine so, wie du jetzt bist?“, Mara sah ihn verlegen an.

„Mache dir mal keine Sorgen um mich Kleines. Mir geht es fantastisch. Ich mache mir mehr Sorgen um dich!“, er sah sie eindringlich an.

„Mir geht es bestens!“, versicherte ihm Mara.

Die Kellnerin brachte ihnen zwei Kaffee und zwei Stückchen Himbeersahnetorte.

„Vielen Dank, sieht fantastisch aus!“, Mara entging nicht, dass er mit jeden weiblichen Wesen flirtete. So, wie er aussah, war das schließlich ein Kinderspiel, die Frauen lagen ihm ja quasi zu Füßen. Im Grunde war Mara sogar froh, denn wer hatte schon so einen überaus attraktiven Gefährten an seiner Seite. Mara beobachtete ihn, als er einen Schluck Kaffee trank. Seine Augen waren geschlossen und er genoss diesen Moment so sehr. Für Mara war ein Schluck Kaffee etwas ganz Normales. Er hatte sechshundertdreißig Jahre alles sein können und deshalb war ein Schluck Kaffee seine momentane geschmackliche Explosion, die er auf sich wirken ließ.

Er öffnete seine Augen und bemerkte, wie Mara ihn beobachtet hatte und grinste verlegen, „War das erste Mal für mich! Also ganz sicher habe ich irgendwann schon einmal Kaffee getrunken, aber mein Gehirn kann schließlich nicht alle Erinnerungen so haargenau abspeichern!“.

Nun musste auch sie grinsen, „Du bist so genial!“.

„Ist das ein Kompliment?“, er kannte sich in ihrer Sprache noch nicht so gut aus und das fand Mara noch weit lustiger.

„Ja, würde ich schon sagen!“ und sie lächelte ihn glücklich an.

„Hast du dir das Buch angeschaut?“, er sprach nun sehr leise zu ihr, denn dieses Geheimnis sollte ein Geheimnis bleiben.

„Ja habe ich!“, flüstere Mara zurück …

… Mara hatte seine Hand gespürt, wie er sie ganz fest hielt und dann war sie mit ihm gemeinsam gesprungen, im freien Fall vom Lagerdach. Sie schrie aus Leibeskräften, es gab keinerlei Sicherheit für sie, kein Seil oder ähnliches. Sie schrie und schrie und spürte, wie sie immer tiefer und tiefer fiel. Weit entfernt hörte sie eine männliche Stimme, sie sang ‚Yello Submarine‘ von den Beatles. Wie konnte er singen, wenn sie vierzig Meter tief fielen. Hatte er noch alle Latten am Zaun. Mara wurde wütend und öffnete ihre Augen. Sie fiel gar nicht, sie stand auf der Erde und er saß auf dem Gehsteig neben ihr und sang lauthals dieses Lied. Mara war so wütend, dass sie ihn am liebsten erwürgt hätte.

„Das kannst du vergessen Kleines!“, er war aufgestanden und grinste sie an.

„Was?“, sie funkelte ihn böse an.

„Das du mich erwürgst!“, er lief voraus, ohne sie weiter zu beachten.

Sie rannte hinter ihm her und schrie aus Leibeskräfte, wie bekloppt er doch wäre und was für ein Arsch und vollkommen durchgeknallt und dass er der größte Idiot aller Zeiten war. Im Grunde war sie mehr wütend auf sich selbst, sie hatte die Kontrolle über sich verloren und sie hatte etwas geschafft, was sie niemals für möglich gehalten hatte. Sie war gesprungen, sie hatte ihm zu hundert Prozent vertraut. Obwohl sie das niemals ohne ihn gemachte hätte, dann wäre sie zu hundert Prozent tot gewesen. Aber mit ihm war alles anders, sie nannte es Magie oder wie er – Illusion. Sie hatte keine Ahnung, wie es funktionierte, aber es funktionierte und damit musste sie sich vorerst abfinden.

Er hatte sie nach Hause gebracht. Dort hatte sie tatsächlich in ihrem Briefkasten das Buch gefunden. Nun endlich lag es in ihren Händen. Der dunkelbraune Ledereinband war sehr stark abgegriffen. Mara hatte keine Ahnung, wie viele Hände es bereits berührt hatten. Sie öffnete ganz vorsichtig das Buch. Auf der ersten Seite erkannte sie eine Blume. Sie war wunderschön! Sie war gezeichnet und mit roter Farbe getränkt. Sie hatte etwas Lebendiges an sich, so, als würde sie sich bewegen. Maras Finger strichen ganz sanft darüber und sie konnte jedes einzelne Blütenblatt spüren. Es war so ein irres Gefühl, einerseits war es eine Zeichnung und doch fühlte sich diese Blume vollkommen echt unter ihren Fingern an. Mara blätterte weiter. Es sah aus wie eine Widmung, handgeschrieben, doch Mara konnte diese Schrift nicht lesen. Auf den folgenden Seiten sah sie eine so akkurate und saubere Handschrift mit schwarzer Tinte geschrieben, wie sie es noch nie zuvor in ihrem Leben gesehen hatte. Die Buchstaben waren Zeichen, längliche Zeichen, immer wieder waren zwischen diesen unterschiedlich langen geschwungenen Linien, wie sie Mara beschreiben würde, Punkte und kleine Querstriche gesetzt. Mara hätte zu gern gewusst, was diese Worte wohl heißen würden. Viel weiter hinten entdeckte sie immer wieder diese eigenartigen Zeichen, die ihr Gefährte auch auf der Brust und am Hals als Tätowierung trug. Sie blätterte weiter und dann sah sie ganz viele Zeichnungen. Es waren Gesichter von Menschen. Mara blickte sich die Gesichter genau an. Eine Frau mit einem riesigen Hut. Sie wirkte so vornehm und dennoch war ihr Lächeln eiskalt. Da war dieser Mann mit dem geschwungenen Schnurbart, er hatte einen Zylinder auf seinem Kopf und eine Zigarre im Mund. Auf der folgenden Seite erkannte sie ein junges Mädchen kaum sechszehn, sie hatte glattes, langes Haar, ihre Augen wirkten so unfassbar traurig und ihr Mund war so dermaßen zusammengepresst, als wollte sie verhindern, dass ein Wort durch ihre Lippen drang. Darunter war ein Mönch. Seine Kutte verriet ihn, sowie seine leicht gebückte Haltung und seine gefalteten Hände. Eine Frau, die ein Kopftuch trug, ihr Gesicht war von Falten gezeichnet, aber ihr gutmütiges und sanftes Lächeln ließ erkennen, dass sie wohl eine liebenswerte Person gewesen sein musste. Ein kleiner Junge, dessen Gesicht mit Sommersprossen übersät war. Seine Ohren standen so sehr von seinem Kopf ab, dass Mara grinsen musste. Er hatte diesen neugierigen Blick, den sie von ihrem Bruder kannte. Mara blätterte immer weiter und weiter. Es waren bestimmt über hundert Gesichter. Und dann kamen nur noch leere Seiten, was sie ganz und gar nicht verstand. Sie schlug die letzte Seite von den gemalten Gesichtern auf und erkannte ihn sofort. Sie schluckte schwer, denn sie hatte es verstanden. In diesem Buch waren die Personen gezeichnet, die der Feuerblume auf irgendeine Weise sehr nahe gestanden haben. Ihre Finger strichen über sein Gesicht. Sie vermisste ihn, sehr sogar. Sie liebte ihn noch immer und sie wusste nicht, wie lange dieses schmerzhafte Gefühl in ihr anhalten würde…

„Und was sagst du zu dem Buch?“, er betrachtete das Stück Torte vor sich, als wäre es ein Kunstwerk.

„Das kannst du essen!“, Mara zeigte auf seine Himbeersahnetorte und zwinkerte ihm zu.

„Wäre zu schade, so etwas habe ich noch nie zuvor gesehen! Vielleicht schon, aber sicher kann man sich ja nie sein!“, sagte er, als er noch immer das Stück Torte betrachtete und den Teller hin und her drehte.

„Dann musst du die Torte jetzt unbedingt probieren!“, Mara hatte ihr erstes Stück bereits in den Mund geschoben und wusste, wie lecker dieser Kuchen war. Die süßsauren Himbeeren, die sich mit dem cremigen Vanillegeschmack vereinten, das war Genuss pur. Sie beobachtete ihn und musste bei seinem Blick leicht auflachen. Schade, dass sie kein Handy mehr hatte, zu gern hätte sie diesen Moment festgehalten und ihm das Foto gezeigt.

Seine Lippen verzogen sich im ersten Moment, da er die fruchtige Säure zuerst auf seiner Zunge spürte, aber dann legte sich ein sanftes Lächeln auf seine Lippen, gefolgt von einem ich will mehr davon Blick. Mara schob ihm ihr Stück Torte zu, „Falls du noch mehr haben möchtest!“.

„Aber du?“, doch er war viel zu sehr damit beschäftigt diese Torte zu essen und alles, was ihn ihm passierte, vollkommen auszukosten.

„Also, das Buch ist der Hammer. Ich habe noch nie so eine außergewöhnliche Handschrift gesehen. Leider konnte ich die Schrift nicht entziffern. Die Gesichter habe ich damit in Verbindung gebracht, dass diese Menschen Teil der Feuerblume gewesen sein mussten, so wie ich. Also nehme ich mal an, dass ich dann auch irgendwann mal darin erscheinen werde!“, ihre Worte waren mehr ein Flüstern.

„Gut kombiniert Kleines!“, er zwinkerte ihr zu, „Das mit der Schrift kriegst du auch noch raus. Es gab nicht viele, die hinter das Geheimnis gestiegen sind, aber es gab welche!“ und er grinste sie aufmunternd an.

„Da bin ich ja froh, dass ich nicht die Einzige bin, die etwas länger dazu braucht.“, Mara trank ihren Kaffee und sah, wie die Sonne und Wolken ein wundervolles Schattenspiel im Tal verursachten, „Sieh dir das an!“, sie zeigte aus dem Fenster.

Er blickte hinaus und ihm entging diese einzigartige Schönheit auch nicht, der See, welcher auf der einen Seite in das Sonnenlicht getaucht war und dadurch die Wasseroberfläche ins Funkeln und Glitzern geriet und die andere Seite mit Wolken überzogen war, so dass er tief und unergründlich wirkte. Er war froh, dass Mara sein neuer Boss war. Er hatte schon weit schlimmere gehabt. Sie war eine wunderschöne Frau, die ihm zu traurig, zu nachdenklich, zu verschlossen vorkam. Sie war jung, sie sollte ihr Leben genießen, sie sollte genau wie er diese Momente auskosten. Das hatte er immer getan, egal für wen er gearbeitet hatte. Es war nicht immer einfach die Menschen zu verstehen. Manche von ihnen wollten ihm Schmerzen zufügen oder wünschten ihm sogar den Tod, weil sie nicht verstanden, was das Geheimnis der Feuerblume tatsächlich bedeutete. Aber Mara, sie war ein ganz besonderer Mensch, den er vom ersten Augenblick in sein Herz geschlossen hatte. Er wusste, dass sie zu weit mehr fähig war, als sie sich momentan zustand. Sie würde die Feuerblume verändern, das wusste er, sie würde ihre wahre Schönheit wieder zum Vorschein bringen. Das hatte ihm sein Meister prophezeit und deshalb war sie ihm so wichtig!

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