Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 6

Das gestrige Date mit Tommy hatte Spuren hinterlassen. Natürlich hatte sie sich auf dieses Date gefreut. Schließlich waren einige Jahre vergangen, dass sie sich mit einem Mann getroffen hatte. Es lag ganz sicher nicht an ihrem gestörten Verhältnis zu Männern, wie es ihre Mutter ihr immer einreden wollte. Ihre Mutter war der Überzeugung, dass die frühe Scheidung ihrer Eltern in Mara einen bleibenden Schaden hinterlassen hatte. Oh ja, ihre Mutter konnte sich da ganz besonders nett ausdrücken! Mara hatte trotz der Scheidung ihrer Eltern ein sehr gutes Verhältnis zu ihrem Vater. Die anfänglichen Hürden waren mittlerweile überwunden und sie pflegte ein inniges und freundschaftliches Verhältnis zu ihrem Vater, seiner neuen Partnerin und ihren zwei Kindern. Manchmal so war Mara überzeugt, brauchten Menschen zwei Anläufe um den richtigen Partner für’s Leben zu finden. Ausgenommen ihre Mutter, die brauchte weit mehr. Mara wusste nicht mehr wie viele es waren, aber sie wusste noch wie schmerzhaft die Beleidigungen der Mitschüler waren. Es sprach sich meistens schnell herum, wenn ihre Mutter einen neuen Mann traf. Ivonne war die Einzige die Mara verstand, denn sie hatte unter dem unmöglichen Verhalten ihres Bruders, Sebastian Moor, hart zu kämpfen gehabt. Niemand wusste wie es war, wenn der eigene Bruder der heißbegehrteste Junge an der Schule war und zu seiner Schwester der größte Kotzbrocken aller Zeiten. Aber Zeiten änderten sich, zumindest für Sebastian Moor, überlegte sich Mara.

Sie hatte ein Bad genommen und lag nun in ihrem Bett, um noch einige Seiten von ihrem neuen Roman zu lesen. Sie rutschte etwas tiefer in ihr Kopfkissen und gähnte laut. Mal schauen, nach wie vielen Seiten, wohl eher Sätzen oder doch lieber Worten sie das Buch wieder zuklappen würde.

Plötzlich ging das Licht in ihrem Zimmer aus. Mara schreckte auf und saß kerzengerade in ihrem Bett. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch tat sich gar nichts. Entweder war es ein Stromausfall oder ihre Lampe hatte soeben den Geist aufgegeben. Sie schlug die Bettdecke zurück und wollte gerade aufstehen, als sie diesen Schatten sah, der durch ihre Wohnung schlich. Ihr schlug das Herz bis zum Hals, sie fühlte sich wie gelähmt. Sie musste etwas tun, aber nur was? Mara spürte die bleierne Angst, die ihren Körper erfasst hatte. Sie musste sich dagegen wehren! Mit einem Mal schrie sie ganz laut auf und das machte sie so unglaublich stark. Mit einem großen Satz sprang sie aus ihrem Bett, da sie bemerkt hatte, dass der Schatten auf ihre Zimmertür zulief. Mit voller Wucht knallte sie die Tür von innen zu. Sie hörte, wie die Person gegen die Tür stieß und laut aufschrie, „Autsch! Verdammt nochmal!“.

Ein Einbrecher, der schrie? Mara fasste all ihren Mut zusammen und öffnete vorsichtig die Tür von innen. Sie sah die Umrisse eines Mannes, der am Boden kniete und seine Hand gegen seine Nase presste.

„Wer sind Sie?“, sie ging auf ihn zu.

Er hob seine Hand nach oben, als wollte er ihr sagen, dass sie ihm nichts tun sollte, „Die Feuerblume!“.

Das haute Mara dann vollkommen von den Socken. Sie sank nach unten auf ihre Knie, „Habe ich Sie verletzt?“.

„Ich hoffe nicht. Bluten tue ich zumindest nicht!“

Mara stand wieder auf, „Wir müssen das Licht anmachen!“.

„Nein!“, seine Antwort war etwas zu forsch, so, dass Mara einen Schritt zurückwich.

„Es ist nicht wegen Ihnen, es geht um mich. Mir ist es wichtig, dass meine Identität geheim bleibt!“

„Weshalb sind sie dann überhaupt gekommen?“, Mara war etwas pikiert, natürlich interessierte es sie, wer sich hinter der Feuerblume verbarg.

„Tommy hat erzählt, dass Sie gestern Abend ziemlich sauer auf mich waren, weil ich ihn zu dem Date geschickt habe. Es tut mir leid. Ich hätte Sie von Anfang an in den Plan einweihen sollen, aber ich hatte Bedenken, wenn Sie zu viele Details gewusst hätten, dann würden Sie manche Situation mit anderen Augen sehen oder den Personen, die wir in diesem Fall beschattet hatten, zu viel Aufmerksamkeit schenken!“

Damit hatte er natürlich Recht. Mara wäre niemals so ahnungslos auf die Toilette gegangen und hätte Aileen Seibold dabei erwischt, wie sie ihrer Bekannten das Amphetamin gegeben hatte. Aileen Seibold und ihr Mann führten eine renommierte Anwaltskanzlei in dieser Stadt. Mara wusste nicht, was Menschen dazu trieb, dass sie zu derartigen Mitteln griffen. War es der Erfolgsdruck? Im Nachhinein wurde ihr natürlich bewusst, dass sie den gesamten Abend womöglich mit ihren Ohren am Nachbartisch gehangen wäre, aber so war es eben ein Date, bei dem sie ganz zufällig Beobachterin eines Drogenaustausches geworden war.

„Stimmt, Sie kennen mich wohl besser, als ich gedacht habe!“

Er lachte, „Natürlich kenne ich Sie Mara, ansonsten wären Sie nicht in meinem Team!“.

„Das ehrt mich sehr!“, sie verbeugte sich leicht, „Aber ich friere in meinem dünnen Shirt. Wenn ich schon kein Licht anmachen darf, dann möchte ich wenigstens in mein Bett!“, sie lief zurück zu ihrem Bett und kroch wieder unter ihre Bettdecke.

„Darf ich mich dazulegen?“, er war aufgestanden und folgte ihr.

„Wie bitte?“, Mara war etwas verstört und schrie leicht auf.

„War ein Scherz!“, er lachte und setzte sich auf das unterste Bettende, „Können wir du zueinander sagen?“.

Diese Frage überraschte Mara ein wenig, aber dagegen hatte sie ganz sicher nichts einzuwenden. „Natürlich, ich bin Mara!“

„Ich weiß!“, er lächelte bei seinen Worten. Mara konnte es zwar nicht sehen, aber sie hörte es.

„Jetzt musst du mir deinen Namen sagen!“, Mara fand, dass die Feuerblume ganz schön begriffsstutzig war.

„Du darfst mir gern einen Namen geben! Aber nicht Vollpfosten!“

Hatte Tommy mal wieder seine Klappe nicht halten können, das machte Mara richtig wütend, „Das tut mir leid, dass war gestern Abend, als ich so richtig sauer auf dich war!“.

Er lachte, „Ich kann mir vorstellen, wie sauer du auf mich gewesen sein musst!“.

„Ich habe mich extra nur für dich so richtig in Schale geworfen!“, Mara spielte mit ihm, denn er sollte wissen, dass er etwas verpasst hatte.

„Ich weiß, ich habe dich gesehen! Du hast fantastisch ausgesehen!“

Jetzt war Mara erneut verärgert, „Das ist jetzt echt nicht fair!“.

„Tut mir wirklich leid Mara. Wie kann ich es nur wieder gut machen?“

Mara schmollte, er hatte sie gesehen, sie aber durfte ihn nicht sehen, was für ein blödes Spiel war das hier? Sie ließ sich in ihr Kissen fallen und sagte nichts mehr.

„Mara?“, er war aufgestanden und kam näher zu ihr, „Darf ich mich setzen?“.

Das war jetzt sehr nah! Verdammt nah! Mara richtete sich auf und keine zehn Zentimeter trennte beide voneinander.

„Ich weiß, dass du mich gestern auf den Mond schießen konntest und auch jetzt, weil du mich nicht sehen darfst! Deshalb möchte ich dir ein Angebot machen, du darfst mich berühren, also ertasten. Klingt das nicht ein wenig verlockend?“

Oh ja, das tat es! Seine Worte entfachten ein gewaltiges Feuer in Mara. Jeder Zentimeter ihres Körpers schien zu brennen. „Wo überall?“, krächzte sie.

„Wo du möchtest!“, raunte er ihr zu, sein Kopf neigte sich ein wenig nach vorn. Er kam ihr so gefährlich nah. Ihre Hand legte sich auf seine Wange. Maras Hand schreckte bei ihrer Berührung sofort zurück. Ganz deutlich hatte sie es gespürt.

„Du willst nicht mehr?“, seine Stimme war besorgt und traurig zugleich, so, als hätte er sie in diesem Moment für immer verloren.

Mara schluckte schwer. Was sollte sie nur tun? Sie hatte ihn sofort erkannt, aber er schien noch immer der Auffassung zu sein, dass sie nicht wusste wer er war. Erschwerend kam noch hinzu, dass sie ihn hassen müsste. Oh ja, sie hatte diesen Mann mehr als einmal verwünscht und ihn verflucht. Andererseits hatte er sich verändert. Seit zwei Jahre arbeitete sie für ihn. Die Feuerblume hatte einen anderen Menschen aus ihm gemacht!

Erneut legte sie ihre Hand auf seine Wange. Sie spürte, wie er wieder zu Lächeln begann. Ein winziger Schauer der Erregung lief über ihren Rücken. Ihre Hand glitt hinab zu seinem Kinn hinab. Kleine Bartstoppeln piksten in Maras Handfläche. Ihr Zeigefinger strich sanft über seine Lippen. Er lächelte noch immer, sie konnte es ganz genau spüren. Noch nie hatte sie einen Mann in vollkommener Dunkelheit berührt. Es war eine besonders schöne und außergewöhnliche Erfahrung, die Mara immer mehr genoss.

Ihre Finger wanderte nach oben, hatten seine Nasenspitze erreicht. „Autsch!“.

Mara stoppte, „Und wenn ich dich doch verletzt habe?“, ihre Worte waren so leise.

„Hast du nicht!“, er rutschte noch etwas näher an sie heran und schob sein Fußgelenk unter das andere Knie, um etwas bequemer zu sitzen.

Ganz behutsam fuhr ihr Finger über seine Nase. Sie war lang, aber nicht zu lang, dachte sich Mara. Also es war keine Stupsnase oder eine breite Nase, nein, er hatte ein schmale Nase. Sie kannte seine Nase, aber so hatte sie ihn schließlich noch nie betrachtet. Sie seufzte leise auf.

„Wenn ich dich jetzt schon zum Seufzen bringe, was tust du erst, wenn ich dich küsse?“, sagte er ganz leise zu Mara.

„Sterben?“ Er lachte. Oh Schitt, hatte Mara dieses Wort tatsächlich ausgesprochen? Dabei wollte sie es doch nur denken!

Dieser Mann machte sie ganz wahnsinnig! „Schließe deine Augen!“, flüsterte sie ihm zu. Ihr Finger fuhr ganz sanft am Wimpernrand entlang. Er hatte für einen Mann ziemlich lange Wimpern. „Welche Augenfarbe hast du?“, Mara kannte seine Augenfarbe, aber mittlerweile gefiel ihr diese Spiel der Ahnungslosen.

„Welche hättest du denn gern?“

„Blau!“, Mara hätte sich ohrfeigen können, sie antwortete viel zu unüberlegt.

„Was machst du, wenn ich keine blauen Augen habe?“

Mara überlegte diesmal etwas länger, „Ich würde dich trotzdem küssen!“.

„Du darfst mich küssen und noch einen extra Kuss, weil ich blaue Augen habe!“, sie fühlte wie er über das ganze Gesicht grinste.

Seine Hand schob sich in ihren Nacken. Ganz langsam zog er sie immer näher und näher. Mara hätte wetten können, es war im Zeitlupentempo und er machte es mit voller Absicht. Ihr Herz raste, ihr Atem ging immer schneller. Sie nahm seinen Atem auf ihrer Haut wahr. Seine Lippen berührten zuerst ihre Nasenspitze, er wollte sie necken, sie lächelte. Er spielte mit ihr. Mara hielt es nicht länger aus, sie rutschte ganz nah an ihn heran und ihre Lippen trafen auf sein. Es war eher ein Aufeinanderprallen, aber er wusste mit dieser Situation umzugehen. Seine Lippen lösten sich, um erneut auf ihre zu treffen. Immer wieder saugte sich sein Mund ganz zärtlich auf ihren. Es fühlte sich so perfekt an, so einzigartig. Ihre Hände glitten von seinem Gesicht zu seinem Hals auf seine Brust hinab. Sie spürte unter seiner Jacke wie durchtrainiert er war.

Seine Hände ruhten nun auch nicht mehr. Er streichelte ihren Hals, strich mit seinen Fingern voller Gefühl über ihre Arme. Seine Hände schoben sich unter ihr Shirt. Sie fühlte sich so herrlich warm an. Ihre Haut war unglaublich weich. Er konnte nicht genug von ihr bekommen, er musste sich unbedingt zurückhalten. Doch Mara schien das Gleiche zu wollen. Ihre Hände legten sich um seine Handgelenke, sie führte sie geradewegs zu ihrem viel zu verlockenden Busen. Ihre harten Brustwarzen drückten sich gegen seine Handflächen. Er stöhnte leicht auf, denn der Gedanke, was er mit ihnen alles machen würde, machten ihn rasend. Er wollte nicht nur dieses eine Mal, er wollte sie noch viel öfters besuchen und irgendwann, wenn die Zeit passte, dann würde er wollen, dass sie ihn auch sehen durfte. Er zog sich leicht zurück.

Mara bemerkte seine Reaktion, „Habe ich etwas falsch gemacht?“.

„Nein hast du nicht. Es war wunderschön. Gib dir bitte keine Schuld! Ich möchte dich gern wieder besuchen, aber momentan geht es nur in der Dunkelheit!“

Mara war es egal, wann er sie besuchte, es war ihr nur wichtig, dass er sie besuchte. Sie rang nach Worten, „Du kommst wieder?“.

„Natürlich. Welcher Mann kann dir schon widerstehen?“

Alle, schoss es Mara durch den Kopf. Er stand auf, beugte sich noch einmal zu ihr hinunter und gab ihr einen letzten Kuss.

Mara beobachte, wie er in der Dunkelheit zur Tür ging. „Mara, egal was passiert, ich beschütze dich. Ich bin immer für dich da!“

„Auch wenn du nicht da bist?“, Mara lächelte ein wenig.

„Auch wenn ich nicht da bin!“, sagte er und dann war er weg.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Épisode 5

Sie brauchen ein Date! Heute Abend um 18.00 Uhr im Ricardos.

Mara hielt die Nachricht von der Feuerblume in ihrer Hand und war vollkommen durcheinander. Ein Date mit ihm! Natürlich wusste sie nicht, ob er ein er war. Aber Tommy hatte sich einmal verplappert und da war sie sich zu neunundneunzig Prozent sicher, dass die Feuerblume ein Mann sein musste, auch wenn Tommy es seitdem vehement abstreitet. Zwei Jahre kannte sie bereits die Feuerblume und hatte noch nie näheren Kontakt zu ihm gehabt.

Mara musste sofort ihren Kleiderschrank checken, schließlich musste sie gut aussehen, nein, sie musste umwerfend aussehen. Geschlagene zwei Stunden hatte sie gebraucht, bis sie mit sich zufrieden war. Sie wusste, dass das ‚Ricardos‘ eines der teuersten Restaurants der Stadt war. Dort einen Platz zu bekommen war mehr als schwierig. Entweder man kannte dort jemanden oder man gehörte zur Elite der Stadt. Mara hatte weder Beziehungen zu den Angestellten des Restaurants, noch war sie reich.

Sie blickte auf ihre Uhr. Sie hatte noch genügend Zeit, um vor ihm im Restaurant zu sein. Da sie nicht wusste, wie dieser Abend ausgehen würde, also wenn die Frage kam – Zu dir oder zu mir? – da rief sie sich dann doch lieber ein Taxi. Zehn Minuten vor achtzehn Uhr betrat sie das ‚Ricardos‘. Nun spürte sie, wie nervös sie eigentlich war. Die ganze Zeit war sie damit beschäftigt gewesen ihren Kleiderschrank zu durchsuchen, zu duschen, ihre Haare zu stylen, sich zu schminken und sich letztlich in ihr spektakuläres Kleid zu zwängen.

Die Dame am Empfang sah sie freundlich an. „Ich habe um achtzehn Uhr eine Verabredung!“ Sie schaute in ihr Buch, „Frau Sommer?“ und nannte oder fragte vielmehr nach ihren Namen.

„Ja, das bin ich, Mara Sommer!“, Mara war total aufgeregt. Sie konnte kaum ruhig stehen. Ihre Finger öffneten und schlossen schon während der Taxifahrt ständig ihre Clutch.

„Kommen Sie bitte mit. Ihre Verabredung ist noch nicht da. Ich hoffe, das stört sie nicht?“ Sie brachte Mara an einen Tisch für zwei Personen. Mara überlegte, auf welche Seite sie sich lieber hinsetzen sollte. Im Rücken zu den Leuten und sich nur auf ihn konzentrieren oder doch eher in den Raum blickend. Die Dame vom Empfang hatte bereits einen Stuhl nach hinten geschoben und so Maras Überlegungen ein schnelles Ende gesetzt, mit dem Rücken zu den Leuten. „Darf ich Ihnen schon etwas zu Trinken bringen?“

Mara überlegte einen kurzen Moment, „Ich warte lieber auf meine Begleitung!“ Die Dame vom Empfang nickte ihr zu und entfernte sich wieder.

Mara hätte schon gern etwas Stärkeres bestellt, damit sie ihre Angst oder doch eher ihre Aufregung wegtrinken konnte. Aber sie wollte sich bei ihrem ersten Date ganz sicher nicht blamieren. Das Restaurant füllte sich nach und nach. Direkt neben Mara setzten sich zwei Pärchen. Sie schienen eng befreundet zu sein. Die Männer redeten über ihren Arbeitstag, die Frauen über ihren momentanen Erschöpfungszustand. Man, man, man, dachte sich Mara, die Frauen hatten vielleicht Probleme. Sie war schließlich alles andere als erschöpft, sie hatte Adrenalin pur in sich, so sehr machte sie sich vor Angst in die Hose.

„Tut mir leid, dass ich zu spät bin!“

Mara blickte sich um, eigentlich hätte sie sich nicht einmal umblicken müssen, denn die Stimme kam ihr mehr als bekannt vor. Es war Tommy!

Mara wollte schon aufspringen, da legte er ihr seine Hand auf die Schultern, „Alles ist gut. Es ist ein Auftrag Mara!“.

Ein Auftrag! Mara schossen hunderte von Schimpfwörter durch den Kopf. Sie war wütend! Sie war fassungslos! Sie war entsetzt! Ein Auftrag! Und sie hatte stundenlang gebraucht, um sich zurechtzumachen. Hätte sie gewusst, dass es ein Auftrag ist, wäre sie in Jogginghose gekommen.

„Mara bleib bitte ruhig!“, Tommy sah es Mara an, sie war kurz vorm Explodieren.

„Was darf ich Ihnen zu Trinken bringen?“, die Kellnerin war an ihren Tisch getreten.

„Einen Whisky!“, Maras Entschluss stand fest.

„Wir haben verschiedene Whiskysorten!“, die Kellnerin wollte ihr gerade alle Whiskysorten des Hauses aufzählen.

„Egal, Hauptsache stark!“, Mara schnitt ihr das Wort ab.

„Für mich ein Pils bitte!“, sagte Tommy, „Und für die Dame ein eher nicht so starken Whisky!“, fügte er hinzu.

„Das habe ich gehört Tommy!“, Mara sah ihn böse an.

Die Kellnerin entfernte sich von ihrem Tisch. Neben den beiden ging es bereits hoch her. Es wurde laut gelacht und die Witze, die die Herren erzählten, waren nicht für die Ohren der anwesenden Gäste geeignet.

„Warum hast du es mir nicht gesagt?“, Mara hätte heulen können.

„Ich musste es ihm hoch und heilig versprechen.“, Tommy beugte sich ein wenig nach vorn und begann zu flüstern, „Der Tisch neben uns, das sind die Personen, die wir beobachten sollen. Falls wir etwas Auffälliges bemerken, sollen wir ihm Bescheid geben, damit die Polizei rechtzeitig informiert wird!“.

„Bescheid!“, sagte Mara trotzig.

„Ach Mara jetzt sei doch nicht sauer!“, Tommy sah sie an und versucht sie zu beruhigen.

Doch Mara ließ ihm keinerlei Chance dazu, „Du kannst dieser dämlichen Feuerblume Bescheid geben, dass sie mir mal kreuzweise den Buckel runterrutschen kann oder noch besser am Arsch vorbei geht.“, wütend sprang Mara auf, „Wo ist hier das Klo?“.

Die Kellnerin stand direkt hinter ihr, „Die Toiletten befinden sich dort drüben, Treppe hinunter, erste Tür rechts!“.

Mara war zu wütend, um sich bei ihr zu bedanken. Sie stampfte davon. Im Klo schloss sie sich ein und wusste nicht, ob sie heulen sollte, dann war aber ihr schönes Make up vollkommen ruiniert. Nicht mal das konnte sie in diesem Laden! Sie musste perfekt aussehen, für ein perfektes Date, mit einem perfekten Mann. Sie könnte kotzen. Ein Auftrag! Was hätte es auch anderes sein sollen, als ein Auftrag.

Im Klo, dass heißt, direkt vor ihrem Klo wurde es ziemlich laut. Ein Gekicher und Gegacker. Mara hielt sich die Ohren zu, damit sie wenigstens ihr kleines Geschäft in Ruhe verrichten konnte. Nachdem sie ihr enges Kleid versucht hatte halbwegs wieder glatt nach unten zu ziehen verließ sie die Toilette. Draußen standen die zwei Frauen vom Nachbartisch. Sie hatten Mara gar nicht bemerkt.

Eine der Damen hielt eine Tüte mit roten Tabletten in ihrer Hand, „Nimm, die werden dir gut tun!“. Sie hielt der Frau die Tüte hin, als wären es Schokobonbons. Mara traute ihren Augen kaum. Sie nahm eine Tablette. „Musst zwei nehmen, da ist die Wirkung noch explosiver!“, tatsächlich sie griff noch einmal zu.

Mara ging einen Schritt zurück, schob leise die Tür wieder von innen zu. Erneut drückte sie auf die Toilettenspülung. Laut hustend trat sie aus der Toilette. Nun endlich hatten die Frauen Mara bemerkt. Die Frau mit den Tabletten in der Hand, schob diese unbemerkt, naja alles andere als unbemerkt in ihre Handtasche zurück. Die andere Frau, die soeben noch unter dem Wasserhahn gehangen war, hob blitzartig ihren Kopf und erkundigte sich nach ihrer Frisur.

„Sieht gut aus!“, sagte Mara zu ihr.

„Meinen Sie wirklich?“, sie prüfte erneut, ob alle Strähnen ihres Bobs richtig lagen.

„Die Haare liegen perfekt!“, Mara hatte sich neben die Frau gestellt und wusch ihre Hände. Bevor sie zur Tür ging, drehte sie sich noch einmal um, „Schönen Abend wünsche ich Ihnen!“. Sie öffnete die Tür und hörte noch, „Das ist eine sehr nette Person!“.

Wenn die wüssten, wie nett ich bin, dachte sich Mara und ging mit eiligen Schritten auf ihren Tisch zu. „Du kannst Mister Vollpfosten anbimmeln, die Damen haben sich soeben auf dem Klo zugedröhnt. Die Menge, die sie in ihre Tasche hat, reicht für uns alle hier!“, zischte Mara über den Tisch. Sie nahm den Whisky, „Prost!“.

Tommy funkelte sie böse an und schüttelte seinen Kopf.

„Was ist?“, Mara blickte Tommy unschuldig an.

„Unterstehe dich, dass du dich hier volllaufen lässt!“

„Und wenn, die Rechnung bezahlt doch so und so dein bester Freund!“

„Unser bester Freund!“, Tommy verpasste Mara einen leichten Tritt unter dem Tisch. „Autsch!“

In diesem Moment kamen die zwei Frauen vollkommen relaxt oder doch eher vollkommen high zurück an den Nachbartisch. Mara war so angewidert. Sie verstand die Leute nicht, die dieses Zeug nahmen. Sie wussten wohl nicht, wie sehr sie damit ihren Körper schadeten, nur um einmal gut drauf zu sein. Ganz ehrlich da trinkt Mara lieber noch einen Whisky. Die Bestellung wurde gebracht, obwohl Mara nichts bestellt hatte. Sie sah erstaunt zu Tommy, der schien aber genauso überrascht zu sein. „Mit bester Empfehlung und einen angenehmen Abend soll ich Ihnen ausrichten!“, die Kellnerin begutachtete noch einmal alle Teller und Schüsseln, welche sie gerade auf den Tisch gestellt hatte. Auf dem Tisch stapelten sich die Teller und Schüsseln mit dem leckersten Essen. Mara musste zugeben, so schlecht war ihr Boss dann doch nicht, er wusste, wie man Leib und Seele glücklich machte, „Lass uns essen, wenn schon kein Date, dann wenigstens richtig gutes Essen!“.

Das Essen wurde durch das Eintreffen der Polizei gestört, aber Mara ließ sich nicht beirren. Sie starrte nicht, wie die anderen Gäste zu den zwei Pärchen, die mit Handschellen abgeführt wurden. „Ich bin zwar voll, aber auf das Dessert verzichte ich ganz sicher nicht!“, Mara hätte platzen können, aber nach diesem Tag war es ihr egal, mit wie vielen Pfunden mehr sie nach Hause kam und in ihr Bett fiel.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 4

Wir begeben uns zehn Jahre zurück. Alexander Kilian gehörte zu den ersten Mitarbeitern von Interforce Consulting. Gründer dieser Firma sind Benjamin Steinhold und Oliver Brecht. Wenn wir uns weitere sechs Jahre zurückbegeben, fügen wir eine weitere Person hinzu – Sebastian Moor. Alle drei kannten sich bereits seit ihrer Schulzeit und waren stets eng miteinander befreundet gewesen. Ganz gewiss hatten die drei Jungs eine überschäumende Fantasie und sie schmiedeten gemeinsame Pläne ihre Stadt zu verändern. Benjamin Steinhold war das Zahlengenie. Er war wie sein Vater der geborene Kaufmann. Alle Geschäfte, welche er bisher bei Interforce Consulting getätigt hatte fuhren beträchtliche Gewinne ein. Oliver Brecht war der Computernerd. Er hatte bereits mit dreizehn alle Passwörter des Computersystems der Schule geknackt. Und Sebastian Moor war die Überzeugungskraft in die Wiege gelegt worden. Er hatte das Talent Menschen mit seinen Visionen zu begeistern, Menschen für seine Vorhaben zu gewinnen. Jedoch gab es nur zwei Gründer bei Interforce Consulting. Sebastian Moor ließ sich gerne inspirieren und hatte sich letztendlich gegen das Projekt seiner Freunde entschieden. Es gab weit größere Pläne, die vor ihm lagen – das Industriegebiet Sanders & Moor. Marco Sanders war der Sohn des damaligen Bürgermeisters, er hatte schnell erkannt welche Begabungen in Sebastian Moor steckten. Hier trennten sich die Wege der drei ehemals besten Freunde.

Alexander Kilian war in der Forschungsabteilung von Interforce Consulting tätig. Interforce Consulting gehörte zu den führenden Anbietern der Kosmetikbranche. Ihr meistverkauftes Produkt war ein Serum, welches der Zellerneuerung diente. Alexander Kilian war ein sehr gewissenhafter Mitarbeiter, bislang hatte er nie Fragen zu Veränderungen oder Neuerungen gestellt. Jedoch zweifelte er an den neuen Wirkstoff, den Benjamin Steinhold bei seiner letzten Teambesprechnung erwähnte. Er recherchierte nach diesem Derotrexin, welches Benjamin Steinhold als die Neuentdeckung auf dem Markt angepriesen hat. Dieser Wirkstoff würde die Zellerneuerung um bis zu fünfzig Prozent beschleunigen. Wenn Interforce Consulting diesen Wirkstoff ihrem bisherigen Serum hinzufügen würde, dann würden die Verkaufszahlen des neuen Serums in die Höhe schießen. Alexander Kilian konnte jedoch keinerlei Daten oder Zusammensetzungen darüber finden. Zwei Wochen später wurde dieses Derotrexin in einer großen Menge angeliefert. Es war ein hellbraunes Pulver, welches in winzigen Tütchen verpackt war. Alexander Kilian wollte das Pulver sogleich in seinem Labor untersuchen und hatte ganz ausversehen eines der Tütchen in seinem Laborkittel verschwinden lassen. Zwei Tage später war er tot und das gesamte Derotrexin war wie vom Erdboden verschluckt. Nun lag die ganze Hoffnung in der Akte, welche Mara Sommer aus dem Safe von Dr. Barner entwendet hatte. An diesem Abend gab es noch jede Menge Pizzen von Pizza Carlo auf dem Polizeirevier. Und irgendwie, auf ganz mysteriöse Weise ist die Akte von Alexander Kilian auf dem Schreibtisch des Dienststellenleiters gelandet.

Eine Woche später stand es in den Zeitungen:

Die Firma Interforce Consulting muss sich für den Tod an Alexander Kilian verantworten! Die Polizei geht neuen Hinweisen nach. Aus ermittlungstechnischen Gründen können keine weiteren Angaben gemacht werden!

Es hätte nicht besser laufen können für Mara, glücklich und mehr als zufrieden blätterte sie die Zeitung wieder zu und legte sie auf den großen Stapel alter Zeitungen.

Bevor Mara zu Plan B übergehen konnte, musste im Vorfeld noch einiges getan werden. Sie brauchte mehrere Tage, um herauszufinden, wo sich diese Akte genau befand. Anschließend hackte sie sich in die Überwachungskameras der Firma Interforce Consulting und beobachtete diesen Dr. Barner und seine Assistentin. Sie ging noch einen Stück weiter und folgte den Beiden in der Mittagspause. Nach drei Tagen hatte sie herausgefunden, dass sie immer zu selben Zeit, das selbe Restaurant aufsuchten. Abwechslung stand wohl nicht so hoch im Kurs bei Dr. Barner und Frau Mittelstedt. Aber ihr sollte es Recht sein, denn so konnte sie diese eine Stunde nutzen, um die Akte aus dem Safe im achtundfünfzigsten Stock zu holen. Ein Tag vor der Umsetzung ihres Plan B’s stellte sie sich mit einer riesigen Menge an Flyern von Pizza Carlo vor das Bürogebäude von Interforce Consulting. Sie verteilte an jede Person, welche das Gebäude verließ, einen Flyer. Sie hatte nicht mit so einer großen Menge Pizzen gerechnet, die bei Pizza Carlo bestellt worden waren. Am Ende des Tages verzeichnete Carlo achtundachtzig Pizzen, die von den Mitarbeitern von Interforce Consulting bestellt worden waren. Ihr Plan war aufgegangen und das machte Mara noch weit glücklicher. Sie hatte Carlo neue Kundschaft verschafft und sie hatte gleichzeitig Zutritt zum Bürogebäude von Interforce Consulting gehabt. Was wollte sie mehr und am Ende hatte sie sogar die Akte von Alexander Kilian in der Hand. Tommy hatte am Abend zu ihr gesagt, er wusste schon immer, dass er sich zu hundert Prozent auf Mara verlassen kon

nte.

Mara war glücklich und das war etwas ganz Besonderes, denn sie hatte die letzten Jahre das Glück mehr gesucht, als gepachtet. Es wurmte sie noch immer, als sie Jessica Baier gegenüberstand. Aber sie wusste schon immer, dass sie eine blöde Kuh war und dass sie sich wohl niemals ändern würde. Zu gern hätte sie gewusst mit wem sie zusammen war. Tommy wusste es, aber wollte es ihr nicht verraten. Irgendwann würde es Mara schon herausbekommen. Und zum Thema Versagerin, oh ja Mara war tatsächlich eine Versagerin, aber es störte sie kaum noch. Es gab Zeiten in ihrem Leben, da ist sie an dieser Vorstellung zugrunde gegangen, aber mittlerweile hatte sie sich mit dem Zustand ‚Mara Sommer die Versagerin‘ abgefunden. Wenn sie tatsächlich so eine Niete war, wie es Jessica Baier behauptete, wieso war sie dann Teil der Feuerblume und hatte bereits ihren vierten Fall mit Erfolg gelöst. Es war ein geheimes Abkommen, über welches sie niemals reden durfte, das hatte sie Tommy hoch und heilig versprochen. Aber manchmal wurmte es sie gewaltig, dass sie den anderen da draußen nicht auch zeigen durfte, dass etwas in ihr steckte. Mara sollte tatsächlich mehr nach vorn schauen, als immer nur zurück, dann würde das mit ihren Träumen auch weit besser funktionieren!

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 3

Mara hatte das Lauftraining absolviert und sie wusste, dass nun Plan B zum Zuge kam. Sie brauchte immer einen Plan B. Es war selten, dass Plan B umgesetzt wurde, aber dieses Mal war es Plan B. Mara war eine Meisterin, wenn es darum ging zu improvisieren. Und genau das durfte sie heute tun. Sie hatte sich ihre Jacke von Pizza Carlo übergezogen und das Cap tief ins Gesicht geschoben. Es gab viel zu tun. Die Telefondrähte liefen bereits heiß. Gerade ist die vierzigste Pizzabestellung von Interforce Consulting eingegangen. Carlo fluchte und lachte zugleich. Aber Mara wusste selbst diese Situation würde Carlo mit Bravour meistern.

Giovanni schob Mara die ersten Pizzabestellungen entgegen, „Hier stehen die Büros und die Namen der Besteller drauf! Du fährst die erste Tour. Ich die Nächste!“. Mara schnappte sich die heißen Pizzakartons und verpackte sie in einer Warmhaltebox. Den Bestellzettel schob sie in ihre Jackentasche. Ohne ein weiteres Wort verließ sie die kleine Pizzeria.

Mara brauchte ungefähr eine viertel Stunde mit dem Auto bis sie Interforce Consulting erreicht hatte. Sie versuchte die Pizzabox heil durch die Drehtür zu bekommen. Sie beobachtete beim Reingehen die zwei Wachposten. Einer stand direkt an der Drehtür und nickte Mara freundlich zu. Ein weiterer lehnte lässig am Empfangstresen und schien sich mit der Empfangsdame bestens zu unterhalten. Mara ging zielstrebig auf die Beiden zu, wurde jedoch mit Missachtung gestraft. Sie räusperte sich laut, um so etwas von der Aufmerksamkeit der zwei Turteltauben auf sich zu lenken.

„Wie können wir Ihnen helfen?“, die Empfangsdame verzog ihr Gesicht, denn sie duldete keine Unterbrechung und genau das hatte Mara gewagt.

„Ich muss diese Pizzen hier liefern. An diese Büros.“, Mara zog den Bestellzettel aus ihrer Jackentasche und reichte sie der Dame.

„Das ist im dreiundfünfzigsten Stock. Kleinen Moment!“, sie nahm den Telefonhörer in die Hand und tippte eine Nummer ein. Während sie auf den anderen Teilnehmer wartete lächelte sie unentwegt den schmierigen Wachmann an, der noch immer wie ein lästiges Kaugummi am Tresen klebte. „Eure Pizzabestellung ist da, kommst du runter und holst diese Pizzabotin ab!“, ihre Worte waren voller Missachtung, das entging Mara ganz gewiss nicht. „Okay, bis gleich!“, flötete sie ins Telefon.

Du bist doch so eine miese Schauspielerin Bianca Meerbusch – schoss es Mara durch den Kopf. Sie lächelte noch immer die Dame an, jedoch in ihrem tiefsten Inneren empfand sie nur Abscheu und Mitleid für ihre ehemalige Klassenkollegin. Mara war froh, dass sie sich trotz ihrer Jobsuche nie bei Interforce Consulting beworben hatte, denn genau das hier hätte sie zur Amokläuferin werden lassen.

„Sie kommt gleich!“, es war das Zeichen, dass Mara sich endlich von dem Tresen entfernen sollte. Jedoch machte sie keinerlei Anstalten. Sie zog stattdessen ihr Handy aus der Jackentasche und checkte noch einmal, ob die Verbindung zu ihren Computern daheim noch nicht unterbrochen war. Mara hörte die schmalzigen Worte von diesem ausgelutschten Kaugummi, sie gab ihnen eine Nacht, dann klebte er an einem anderen Schreibtisch.

Der Fahrstuhl öffnete sich. Mara nahm ihre Box und ging auf den Fahrstuhl zu. Ein weiterer Moment an dem sie hätte kotzen können. Jessica Baier trat gerade aus dem Fahrstuhl. Die Jessica Baier. Die Nummer eins in der Schule. Ihr blonder Bob saß perfekt – ihre weiße Bluse hatte den perfekten Ausschnitt für das ausgelutschte Kaugummi am Tresen – ihr enger, schwarzer Rock saß perfekt – ihre Beine waren lang und perfekt und ihre schwarzen High Heels waren sensationell hoch – alles in allem, sie war mal wieder perfekt. Genau wie früher stellte Mara fest. Nichts hatte sich an Miss Perfect geändert. Ach ja doch eine winzige Kleinigkeit, Mara konnte sich nicht vorstellen, dass sie und Sebastian Moor noch immer das perfekte Traumpaar waren, nachdem sie ihn gestern das erste Mal wieder gesehen hatte.

Jessica hatte Mara erreicht und musste zweimal hinschauen, „Ich glaube es nicht Mara Sommer! Hey Bianca hast du nicht gesehen, dass das Mara Sommer ist!“, Jessicas stimmte hallte durch den gesamten Empfangsbereich. Mara wäre am liebsten im Boden versunken.

„Ist nicht wahr!“, kreischte Bianca hinter Mara auf, „Ich habe die ganze Zeit schon überlegt.“.

Na klar doch, dachte sich Mara, weil du ja auch soviel Gehirn hast. Dein Blick und deine Worte gehörten doch die ganze Zeit diesem ausgelutschten Kaugummi vor dir. Mara lachte Jessica Baier mit einem übertriebenen Lächeln an, „Wo soll die Bestellung hin?“.

„Ich begleite dich nach oben!“, sie stöckelte neben Mara her, „Ich fasse es noch immer nicht. Wir haben uns schon die ganze Zeit gefragt, was aus der kleinen Versagerin Mara Sommer geworden ist. Genau wie deine Mutter, hast es echt zu nichts gebracht!“.

Lieber eine Versagerin, als immer nur eine Ja-Sagerin, schoss es Mara durch den Kopf.

Die Fahrstuhltür schloss sich. Mara überlegte, ob sie die Box absetzen sollte und sich auf Jessica Baier stürzen sollte und sie eigenhändig erwürgen sollte. Ja, sie war tatsächlich drauf und dran gewesen. Doch Jessica Baier ließ sich keineswegs in ihrem Redefluss unterbrechen.

„Ach wusstest du das Samantha auch hier arbeitet. Ich bin Abteilungsleiterin vom Marketing und Samantha ist Chefin von der IT-Abteilung. Und Caro ist ganz oben bei den Chefs, ihre persönliche Assistentin. Das ist alles so perfekt! Ich habe ja schon immer gewusst, dass ich die perfekte Abteilungsleiterin für Interforce Consulting bin!“

Diese Frau war genau wie früher, wenn nicht sogar noch einen Tick schlimmer. Sie war so dermaßen überzeugt von sich. Mara hatte Jessica Baier und ihre zwei Anhängsel noch nie leiden können. In der Schule waren sie die Créme de la Créme, sie wurden vergöttert, geliebt und gehasst. Bei Mara war Letzteres der Fall.

„Dann seid ihr drei ja noch immer vereint, so wie früher!“, Mara blickte geradeaus auf die geschlossene Fahrstuhltür, ihre Hände umklammerten fest die Warmhaltebox. Verdammt fest, denn sie wusste, wenn sie es nicht tat, dann würde sie Jessica Baiers Hals ganz fest umklammern und dann würde Mara im Gefängnis landen. ‚Mord im Fahrstuhl‘ würde dann überall in den Zeitungen stehen und ihre Mutter und ihr kleiner Bruder würden in dieser Stadt von Jessicas Familie geächtet werden. „Sebastian Moor und du, seid ihr jetzt verheiratet?“, Mara konnte es nicht lassen, sie wollte es wissen, ob Jessica noch immer mit ihm zusammen war, so entstellt, wie Sebastian Moor jetzt aussah.

„Spinnst du! Seit seinem Gefängnisaufenthalt hat ihn niemand mehr gesehen.“, verächtlich verzog Jessica ihr Gesicht, „Ich glaube kaum das Benjamin und Oliver gut auf ihn zu sprechen sind. Marco hat mir schon oft gesagt, dass Sebastian noch weitere zehn Jahre für seine Taten ins Gefängnis gehört!“.

Benjamin Steinhold und Oliver Brecht waren die ehemals besten Freunde von Sebastian Moor. Marco Sanders war der Partner von Sebastian Moor gewesen, sie haben zusammen das Industriegebiet Sanders & Moor gegründet.

Mara sah zu Jessica, „Traurig, wie die ehemals besten Freunde zu den größten Feinden werden können!“.

„Das hat sich Sebastian selbst zuzuschreiben. Er hat hier in der Stadt von so vielen Menschen die Existenz kaputt gemacht, das wird ihm wohl niemand mehr verzeihen!“, Jessica und Maras Blicke trafen sich. Mara erkannte die Wut in ihren Augen und sie wusste, weshalb sie diese Frau schon immer gehasst hatte. Endlich öffnete sich die Fahrstuhltür. Mara trat erleichtert heraus. Kein Mord im Fahrstuhl und sie hoffte, dass sie Jessica Baier nie wieder sehen musste!

Die Pizzen waren verteilt, das Geld dafür hatte sie gut verstaut. Niemand interessierte sich mehr für Mara. Sie brauchte nicht lange zu überlegen. Ein kurzer Blick auf ihr Handy. Es war Mittagszeit. Dr. Barner und seine Assistentin Frau Mittelstedt waren zu diesem Zeitpunkt in der Mittagspause. Mara ging zum Treppenhaus, nun war es an der Zeit die Überwachungskameras des Treppenhauses lahmzulegen. Sie befand sich momentan im dreiundfünfzigsten Stock. Es hätte nicht besser laufen können, die paar Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock konnte Mara trotz ihrer schlechten Laufleistung relativ schnell überwinden. Mara stellte ihre Box ab und begann nach oben zu rennen, in der Hoffnung jetzt niemanden zu begegnen. Sie hatte die Lage über das Überwachungssystem mehrere Tage beobachtet, um diese Zeit hielt sich niemand im Treppenhaus auf. Alle waren in der Mittagspause und es war ziemlich ruhig in diesem riesigen Bürogebäude.

Sie hatte den achtundfünfzigsten Stock erreicht. Es war die Etage von Dr. Barner. In seinem Safe befand sich die Krankenakte von Alexander Kilian und diese brauchte sie für die Polizei. Kameras gab es zum Glück in dieser Etage nicht. Es musste wohl daran liegen, dass Untersuchungen eines Arztes der ärztlichen Schweigepflicht unterlagen und somit durften der Arzt und sein Patient nicht gefilmt werden. Das war ein gewaltiger Vorteil für Mara, aber sie hätte die Überwachungskameras auch über ihr Handy ausschalten können. Sie hatte mehrfach geprüft, wann Dr. Barner und seine Vorzimmerdame mittags in die Stadt zum Essen gingen. Manchmal empfand Mara, dass das Observieren von Personen ein tiefes Eindringen in deren Privatsphäre war, denn so hatte sie herausgefunden, dass Dr. Barner und Frau Mittelstedt seit längerer Zeit ein sehr enges Verhältnis pflegten, obwohl beide verheiratet waren. Im Grunde war es Mara egal, welche außerehelichen Verhältnisse die beiden miteinander hatten, ihr war es nur wichtig, dass sie ungestört die Akte aus dem Safe holen konnte.

Aus ihrer Hosentasche zog sie ihre Handschuhe, welche sie sich beim Gehen über die Hände streifte. Die Tür zum Vorzimmer von Frau Mittelstedt war offen. Die Tür zu Dr. Barners Büro war natürlich abgeschlossen. Mara brauchte nicht länger als einige Sekunden bis sie seine Tür geöffnet hatte. Den Code für den Transponder hatte sie bereits vor zwei Tagen über das Computersystem von Interforce Consulting herausgefunden. Tommy hatte ihr einen Transponder besorgt und für sie codiert. Nun konnte sie ganz einfach die Tür zu Dr. Barners Büro öffnen. Sie lief in sein Büro und sah sich um, wo nur konnte er seinen Safe versteckt haben? Da erblickte sie eine Tür am anderen Ende des Büros. Zu allem Übel war die natürlich abgeschlossen. Mara drehte sich im Kreis und ihre Augen suchten alle Wände und Möbel ab. Sie durchsuchte den Schreibtisch und öffnete alle Schränke im Büro, da entdeckte sie über dem Besuchertisch ein Bild, welches viel zu groß und wuchtig wirkte und irgendwie ganz und gar nicht in dieses Büro passte. Sie tastete mit ihren Fingern den Rahmen des Bildes ab und bemerkte, wie sich das Bild von der Wand löste. Ohne große Anstrengungen ließ es sich zur Seite klappen und tatsächlich darunter befand sich der Safe. Das war der Moment, der Mara aufatmen ließ. Heute Morgen hatte ihr Tommy die Kombination für den Safe gebracht – 84312. Mara hatte ihn nicht weiter gefragt, wie er an die Zahlen gekommen war, sie war viel zu sehr mit sich beschäftigt gewesen, dass Plan B ins Rollen kam. Sie gab die Zahlenkombination 84312 ein. Der Safe öffnete sich. Unzählige Akten lagen darin. Mara wurde unruhig als sie die vielen Akten sah, denn ihr lief die Zeit davon. Sie zog einige der Akten heraus. Natürlich war die von Alexander Kilian nicht dabei. Sie hatte jede Akte in der Hand gehabt und war langsam am Verzweifeln. Sie nahm die unterste Akte, es war die letzte Akte im Safe und wenn es die auch nicht war? Dann hatte Mara ein gewaltiges Problem. Sie sah auf das Namensschild: es war nicht Alexander Kilians Akte. Mara fluchte laut auf. Der Safe war leer. Sie musste hier schleunigst Ordnung schaffen, sie schob alle Akten fein säuberlich zurück, verschloss den Safe und klappte das Bild wieder an die Wand. Was würde sie Tommy sagen und er der Feuerblume, Mara hatte versagt. Jessica Baier hatte vollkommen Recht, sie war eine Versagerin. Mara drehte sich um und wollte gerade das Zimmer verlassen, als sie ganz oben auf dem Bücherregal ein Stück Papiers entdeckte, welches hervorragte. Sie schob den Stuhl zum Regal und kletterte auf ihn, selbst da schien ihr das Stück Papier noch viel zu weit entfernt. Sie streckte sich mit aller Macht, ergriff das Stück Papier und zog einen Stapel hinter sich her. Unzählige Blätter flatterten durch das Zimmer. Das auch noch! Mara blickte um sich, sah auf die Uhr, welche an der Wand hing und gab sich noch fünf Minuten bis Dr. Barner mit seiner Assistentin erschien. Sie sprang vom Stuhl und sammelte eiligst alle Blätter auf. Immer wieder fiel ihr Blick auf einen Namen Alexander Kilian Es war seine Akte, verteilt im Büro, aber sie hatte sie tatsächlich gefunden. Endlich hatte sie die unzähligen Blätter aufgesammelt. Sie schob die einzelnen Blätter sogleich unter ihre Jacke, diese war zum Glück etwas enger geschnitten, so konnten die Blätter ganz sicher nicht herausfallen und sie pressten sich fest an ihren Körper. Sie sah auf die Uhr, zwei Minuten. Den Stuhl schob sie wieder an den ursprünglichen Platz zurück. Sie verließ das Büro und hatte die Tür von Dr. Barners Büro abgeschlossen. Gerade steckte sie ihre Handschuhe wieder in ihre Hosentaschen, als sich die Fahrstuhltür öffnete und direkt gegenüber von ihr eine Frau und ein Mann standen. Das mussten Dr. Barner und Frau Mittelstedt sein. Mara blieb ruhig, denn sie hatte die Akte, sie musste nur noch raus hier.

„Was können wir für Sie tun?“ Dr. Barner beachtete Mara nicht weiter, ging sofort in sein Büro und schloss die Tür hinter sich. Seine Assistentin sah sie fragend an.

„Ich wollte Ihnen einen Bestellzettel von Pizza Carlo bringen. Momentan sind hier alle ganz heiß auf seine Pizzen!“, Mara zog einen neuen Flyer von der kleinen Pizzeria aus ihrer Jackentasche.

„Wir habe gerade zu Mittag gegessen. Aber dennoch danke!“

Das war für Mara das Stichwort schnellstmöglich diese Etage zu verlassen. Sie holte ihr Handy aus der Tasche, „Ich muss auch schon wieder gehen, es sind noch weitere Bestellungen von Interforce Consulting eingegangen. Ich kann Ihnen die Pizza echt empfehlen!“. Mara hatte die Überwachungskameras des Treppenhauses ein weiteres Mal ausgeschaltet.

Was war hier nur los bei Interforce Consulting? Ein breites Grinsen lag auf ihrem Gesicht. Sie hatte die Akte von Alexander Kilian! Und das fühlte sich verdammt gut an!

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 2

Mara hatte sich zu den Industrieruinen aufgemacht und wollte ihre Laufkondition nach der Grippe testen. Sie schloss ihr Auto ab, zog sich die Kapuze ihrer Laufjacke über den Kopf und steuerte wie jedes Mal zuerst die großen, leeren Lagerhallen an. Dort gab es wenige Hindernisse, die sie überwinden musste, die ihr schon zu Beginn des Lauftrainings die Luft zum Atmen nahmen. Sie spürte, dass es heute anders war. Sie war weit langsamer und irgendwie auch unkonzentrierter. Sie ermahnte sich um mehr Aufmerksamkeit. Die Jugendlichen, die hier in den Ruinen abhängten machten ihr weit weniger Sorgen, sie kannten Mara bereits. Manchmal begegnete sie ein paar Obdachlosen, aber die waren es auch nicht, die sie fürchtete. Es war ‚Dark Shadow‘, wie sie ihn nannte. Sie hatte ihn noch nie vor sich gesehen, sie wusste, dass er hier war, sie spürte förmlich seine Anwesenheit. Eigentlich konnte sie nicht einmal sagen, ob es tatsächlich ein Mann war. Sie hatte ihn bislang nur immer flüchtig während ihres Lauftrainings wahrgenommen. Die Person war vollkommen schwarz gekleidet, sogar das Gesicht war mit einer Sturmhaube vermummt. Für Mara fühlte es sich bedrohlich an, wenn er ganz plötzlich wie ein Schatten in ihrer Nähe auftauchte, dann war es an der Zeit ihre Laufgeschwindigkeit noch einmal zu erhöhen und das Weite zu suchen. Meist schaffte sie es in weniger als fünf Minuten von den Bürokomplexen bis zu ihrem Auto. Jedoch zweifelte sie heute an ihrer Kondition, heute gab sie sich zehn Minuten. Fünf Minuten zu viel!

Es war verhältnismäßig ruhig, keine Jugendlichen, keine Obdachlosen. Sie hatte acht der Lagerhallen bereits durchlaufen, hatte dort ihr Hindernissparcour absolviert. Teilweise befanden sich dort noch Regale, die so hoch wie die Lagerhallen waren. Dicht nebeneinander waren sie aufgereiht. Diese eigneten sich besonders gut, um ihre Koordination zu trainieren. Sie sah die Hochhäuser mit den Treppenhäusern vor sich. Ihr Körper war wirklich noch nicht so fit, sie brauchte dringend eine Pause. Sie verlangsamte ihr Tempo, sie ging mehr, als dass sie lief. Ihre Lunge brannte, sie rang nach Luft. Noch nie hatte sie Seitenstechen gehabt. Sie schob es auf ihren zu schnellen Lauf beim Hindernissparcour. Zwei Treppenhäuser bewältigte sie in einem langsamen Lauftempo, beim Dritten erhöhte sie wieder ihre Geschwindigkeit. Sie schaltete ihre Stoppuhr am Handy ein und hatte bereits die Tür passiert. Oben angekommen blickte sie wieder auf ihr Handy. Sechs Minuten, nicht schlecht für ihren derzeitig angeschlagenen Zustand, aber eben nicht gut genug für Interforce Consulting. Zwei Treppenhäuser musste sie noch bewältigen. Das Nächste hatte sie sogar in vier Minuten geschafft, das Letzte schlug sie wieder in ihre alte Zeit zurück. Sie redete sich gut zu. Sie musste schließlich das Treppenhaus von Interforce Consulting nur einmal laufen. Also war sie im Durchschnitt gar nicht so schlecht gelaufen, wie sie zuvor noch geglaubt hatte.

Die riesigen Bürokomplexe tauchten vor ihr auf. Sie konnte sich kaum daran erinnern, wie es hier früher einmal gewesen war. Mara musste zugeben, sie war nur eine Woche hier gewesen. Sie war damals vierzehn. Ihre Schulklasse hatte eines dieser Projekte. Sie musste ein Praktikum in einer dieser Firmen in den Bürokomplexen machen, um ihre soziale Kompetenz zu fördern. Für Mara war es eher ein Kaffeehol- und Kopierdienst. Fünfzehn Jahre waren seitdem vergangen. Fünfzehn Jahre, die hier soviel verändert hatten.

Vor Mara stand nun die letzte Aufgabe, sie musste innerhalb von zehn Minuten so viele Büroetagen wie nur möglich durchlaufen. Sie stoppte erneut die Zeit und begann zu laufen. Sie hatte die erste Etage, die zweite Etage hinter sich gelassen. Ihre Schritte hallten in den leeren Büros, obwohl sie darauf achtete, dass sie leicht auftrat, um so laute Geräusche zu vermeiden. Sie war auf dem Weg zum dritten Geschoss, als hinter ihr ein Schatten auftauchte. Mara erschrak, sie wusste, was zu tun war, sie erhöhte ihre Geschwindigkeit. Es tat ihr ganz sicher nicht gut, aber die Angst in ihr steigerte das Adrenalin, ihr Tempo verdoppelte sich. Sie durfte sich nicht umblicken, dann hatte sie verloren. Sie hatte die dritte Etage erreicht. Sie rannte, überlegte kurz, ob sie aufgeben und die restlichen Etagen nicht mehr durchlaufen sollte, aber sie hatte sich schließlich ein Ziel gesetzt. Und daran konnte sie auch ein ‚Dark Shadow‘ nicht hindern. Obwohl sie sich beinahe vor Angst in die Hose machte. Sie wusste nicht, zu was diese Person fähig war, ihr Äußeres sprach für sich. Es musste Gewalt, Schmerzen, und Leid sein, was diesen Menschen mit einer inneren Genugtuung erfüllte. Ansonsten würde er nicht seit zwei Jahren hier auf sie lauern. Sie hätte schon längst zur Polizei gehen sollen oder damals mit ihren Kollegen sprechen sollen, aber die hätten ihr nur eine Verwarnung gegeben, sie sollte sich von den Industrieruinen fernhalten. Ihr Herz raste, schlug ihr bis zum Hals, Angstschweiß trat aus ihren Poren. Sie hörte ‚Dark Shadow‘ nicht, aber sie nahm ihn ganz deutlich wahr. Die Treppe zur vierten Etage lag vor ihr. Mara zögerte einen winzigen Moment, doch dann erkannte sie in ihren Augenwinkeln diese schwarze Gestalt. Zurück konnte sie nun nicht mehr, immer weiter höher trieb er sie. Sie wusste, das hatte nichts Gutes zu bedeuten. Mit kleinen, schnellen Schritten lief sie die Treppenstufen hinauf. Die letzte Stufe wurde ihr zum Verhängnis. Sie drehte sich leicht um, rutschte in diesem Moment wegen ihrer Unachtsamkeit von der Treppenstufe und fiel. Sie sah sich bereits auf die Betontreppe knallen, als zwei Hände nach ihr griffen und sie vor dem Sturz bewahrten. Zwei Hände hatten sich fest um ihren Körper gelegt. Ihr Herz raste, ihr Atem ging viel zu schnell. Sie konnte sich kaum bewegen, sie befand sich in einer Art Schockstarre. Was würde er als Nächstes mit ihr tuen?

Sie spürte, dass es ein Mann war. Er stand ganz nah hinter ihr. Sein durchtrainierter Körper presste sich an ihren. Seine Größe sprach für sich, verdammt groß würde Mara sagen, wenn sie sich zu ihm umdrehen würde, aber das traute sie sich nicht. Sie versuchte sich nicht zu bewegen.

„Warum läufst du vor mir weg?“, seine Stimme war tief, klang kalt und abweisend.

Mara überlegte, was sie darauf antworten sollte, dass sie sich vor ihm fürchtete, dass sie glaubte, er könnte ihr Schmerzen zufügen. Verdammt sie wusste nicht, was sie ihm antworten sollte, was richtig oder was falsch war.

„Du redest also nicht!“, er zog sie noch fester an sich, „Du hast Angst vor mir nicht wahr? Du hast Angst, ich könnte dir weh tun! Es reizt mich schon seit einiger Zeit dich so nah bei mir zu haben!“.

Was meinte er damit? Mara geriet in Panik, was wollte dieser Typ von ihr? Ihre Hände drückten gegen seine Arme, doch er hatte weit mehr Kraft als sie, „Lass mich los!“, schrie sie ihn an.

„Oh, du kannst ja doch reden!“, sie hörte den sarkastischen Ton in seiner Stimme, was ihr überhaupt nicht behagte, „Mädchen, wie du haben hier nichts verloren, weißt du das?“.

„Und du auch nicht!“, presste Mara hervor, „Typen wie du gehören in den Knast!“

Sie trat nun mit ihren Füßen abwechselnd nach hinten. Das schien ihn nicht weiter zu stören, „Du bist aber ein richtiger Wildfang, so mag ich die Mädchen besonders!“, sein Mund presste sich an ihr Ohr, „Du verstehst was ich damit meine, ich liebe es wild!“.

„Es ist mir scheißegal!“, schrie Mara laut auf.

„Nicht so laut, es könnte uns noch jemand hören!“ Genau das wollte Mara, gehört werden und gerettet werden, vor diesem Typen. Sie begann zu schreien, laut zu schreien, doch je lauter sie schrie, je mehr wurde ihr bewusst, wurde sie nicht gehört. Es wunderte Mara, dass er ihr nicht den Mund zuhielt, dass er sie schreien ließ. Aber ihr war bereits klar, dass sie ganz allein mit ihm hier war. Weder die Jugendlichen, noch die Obdachlosen waren heute hier gewesen. Nur er und sie waren hier!

„Ich lasse dich jetzt los und dann drehst du dich um und siehst mir ins Gesicht! Hast du mich verstanden!“, sein fester Griff lockerte sich, „Du haust nicht ab!“. Er drehte sie um, sie spürte, wie seine Hände von ihr ließen und sie fliehen konnte, aber sie wusste er war schneller als sie, also tat sie, was er ihr befahl. Zwei stechend blaue Augen sahen sie an. Der Rest vom Gesicht war von der Sturmhaube verhüllt.

„Du bist zu feige. um dich zu zeigen!“, Mara war wütend auf ihn, weil er sich versteckte.

„Du läufst nicht davon!“, wiederholte er seine Worte. Er hatte Mara losgelassen. Seine Hände zogen die Sturmhaube über seinen Kopf.

Mara erschrak, sie trat einen Schritt zurück und schluckte schwer. Kaum vorstellbar, wer da vor ihr stand! Wer für ihre verdammte Angst Schuld war! Sie war so wütend und ging auf ihn zu, ihre Hände waren zu Fäusten geballt und erhoben sich. Er hob schützend seine Hände vor sich. Mara hätte zuschlagen sollen, aber er war genug gestraft und das war so unvorstellbar hart und grausam, was Mara da vor sich sah. Vor ihr stand Sebastian Moor, seine rechte Gesichtshälfte war gezeichnet von Brandnarben. Sein Gesicht war einst wie gemalt gewesen. Reihenweise wurde er von den Mädchen ihrer Schule angehimmelt. Sein perfektes Äußeres war das Markenzeichen von Sebastian Moor gewesen. Aber jetzt war diese Perfektion mit einem Mal verschwunden, ausgelöscht. Mara verstand es nicht!

„Schönheit ist vergänglich Mara!“, Sebastian sah sie mit einem leicht amüsierten Blick an. Sie hatte ihn seit seinem Gefängnisaufenthalt nicht mehr gesehen.

„Wer hat dir das angetan?“, Mara war so entsetzt.

„Menschen, denen ich weit größere Schmerzen zugefügt habe!“, sein Blick hielt ihren stand. Sie wusste, dass er ohne jegliches Gewissen Menschen in den Ruin getrieben hatte. Eigentlich sollte es seine Strafe sein, dafür, was er tausenden Menschen hier in der Stadt angetan hatte. Aber für Mara war es jedoch unbegreiflich, wozu Menschen fähig waren.

„Hast du noch immer Angst vor mir?“, Sebastians Stimme war nun nicht mehr so kalt und hart, wie vorhin.

Mara lächelte, „Nein natürlich nicht, obwohl ich es nicht fassen kannst, dass du mich die ganze Zeit hier verfolgt hast!“.

„Ich wollte dich beschützen!“, er grinste ein wenig verlegen.

Oh Gott und Mara hatte geglaubt, dieser Typ wäre durchgeknallt und wollte sie umbringen.

„Sebastian Moor, wenn du mich das nächste Mal verfolgst, dann bitte ohne Maskierung!“, Mara begann zu lachen, irgendwie war sie erleichtert, aber dennoch tief erschüttert, wie sehr Sebastian Moors Gesicht entstellt war.

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Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 1

Ja, so ist das, wenn man eine Grippe hat, dann kann schon gar nichts anderes schieflaufen, dachte sich Mara Sommer. In ihrem Kopf gab es keinen Platz mehr für klare Gedanken. Die Nase lief, der Hals tat fürchterlich weh, ihr Kopf schien fast zu platzen. Neben ihrem Bett lagen bereits drei Päckchen zerknüllte und vollgeschniefte Taschentücher. Sie hatte ihre Augen geschlossen, wusste aber nicht, ob sich das tatsächlich besser anfühlte. Hin und wieder versuchte sie aufzustehen, um sich einen Tee zu kochen, der die Schmerzen in ihrem Hals lindern sollte. Aber sie brauchte nicht allzu lange, um festzustellen, wie schwer es ihr fiel, sich aufrecht auf den Beinen zu halten. Es hatte sie voll erwischt. Er lag wohl in der Luft, dieser Grippevirus, denn er hatte bereits die halbe Stadt lahm gelegt. Kein Wunder bei dieser abscheulichen Kälte da draußen. Mara hatte heute Morgen aus dem Küchenfenster geschaut, glücklicherweise blieb ihr heute eines erspart, sie musste ihr Auto nicht von dieser dicken Eisschicht befreien.

Immer wieder fielen ihr die Augen zu, dann schreckte sie wieder aus einem ihrer Träume auf und bemerkte, wie durchgeschwitzt sie war. Waren es ihre Träume oder die Grippe, die sie ins Schwitzen brachte, sie tippte auf Letzteres, denn so konnte sie das mit ihren Träumen ganz gut verdrängen. Das Klingeln an der Wohnungstür riss sie aus ihrem Schlaf. Mara blickte um sich und brauchte einen kurzen Moment, um einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen, wo sie sich gerade befand. Es klingelte erneut, diesmal behielt der- oder diejenige Person seinen Finger auf dem Klingelknopf.

„Was für ein Idiot ist das denn?“, laut fluchend taumelte sie zur Wohnungstür, „Geht’s noch!“, schrie Mara, als sie ihre Tür aufriss.

Ihr Gegenüber sah sie mit erschrockenen Blick an, „Du siehst verdammt beschissen aus!“, ohne abzuwarten schob er sich an Mara vorbei und betrat ihre Wohnung.

„Das brauchst du mir nicht sagen Tommy!“, sie blickte ihm böse hinterher, „Ich bin krank, was willst du?“.

Er drehte sich zu ihr um, „Kaum zu übersehen!“ und grinste sie frech an, „Du solltest schleunigst wieder gesund werden!“.

„Das versuche ich, sofern du mich schlafen lässt!“, sie mochte Tommy, aber im Moment war sie sehr weit davon entfernt.

„Ich bin gleich wieder verschwunden. Ich soll dir das hier geben. Es ist wichtig Mara!“

Momentan gab es für sie nichts Wichtigeres als ihr Bett, dachte sie, aber als sie den Brief in Tommys Händen mit dem Siegel sah, da wusste sie, warum Tommy bei ihr hereingeplatzt war. „Nun geh schon, ich stecke dich nur an. Sage ihm, sobald ich wieder gesund bin, stehe ich ihm wieder ganz und gar zur Verfügung!“

Tommy grinste breit, „Wusste gar nicht, dass ihr so engen Kontakt habt?“.

„Blödmann und jetzt verpiss dich endlich!“, sie schob Tommy zur Wohnungstür heraus und knallte ihm direkt vor der Nase die Tür zu. So hatte er zumindest keinerlei Möglichkeiten auf weitere dumme Anspielungen, denn auf die konnte Mara heute ganz gut verzichten.

Sie hatte sich wieder in ihr Bett gelegt und hielt den Brief in ihren Händen. Das Siegel war unzerbrochen, also hatte sie diesmal tatsächlich die Chance, dass sie die Erste war, die diese Nachricht las. Ihre Finger strichen über das Siegel. Es war das Symbol der Feuerblume zu erkennen. Sie wusste, dass sie schnell wieder gesund werden musste. Sie brach das Siegel und öffnete den Brief. Diese Botschaft war verschlüsselt, aber nur, weil viel zu oft der rechtmäßige Empfänger die Nachricht nicht erhalten hatte. Sie überflog die Zeilen, dann erst begann sie die Worte genauer zu lesen. Worte, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergaben, aber wenn man die Buchstaben anders anordnete oder einfach wegließ, dann waren sie für Mara ganz leicht zu lesen.

Morgen Abend Treffpunkt im Kilianscafe bei der Eiswiese

Für Mara jedoch standen dort folgende Worte:

Mord an Kilian. Beweise im Safe.

Mara musste wieder gesund werden. Es war der zweite Mord innerhalb von sechs Wochen. Erschwerend kam hinzu, dass sie ihre Anstellung bei der örtlichen Polizei verloren hatte. Einsparungen im Innendienst, so hatte es ihr Dienststellenleiter genannt. Den Schreibkram konnten schließlich auch die Kollegen für sie erledigen. Sie war vielleicht nur eine Schreibkraft in den Augen der Kollegen gewesen, aber sie hatte stets direkten Zugriff zu den Akten gehabt. Nun musste sie ohne diese Akten Gerechtigkeit walten lassen. Mara wusste was zu tun war, sie ging in die Küche und warf den Brief in den Holzofen. Das Feuer verschlang sogleich die Worte und ließ das Siegel schmelzen. Es war an der Zeit, dass Mara diese Grippe bekämpfte. Sie fiel wieder in ihr Bett, denn Schlaf war das Einzige, was sie wieder gesund machte.

Eine Woche hatte Mara gebraucht um sich von ihrer Grippe zu erholen. Doch nun stand ein weit wichtigerer Plan an, sie musste die Beweise für Alexander Kilians Mord aus dem Safe von Interforce Consulting holen und der Polizei übergeben. Die Nachricht von der Feuerblume hatte sie die gesamte Woche nicht mehr losgelassen. Während ihren Wachphasen hatte sie bereits einen Plan entwickelt, wie sie an die Beweisakte kommen könnte. Aber sie musste zugeben, dieser war in einem so desolaten Zustand ihrer Sinne zustande gekommen, also konnte sie nicht davon ausgehen, dass dieser Plan tatsächlich funktionieren würde.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand checkte sie noch einmal ihren Dienstplan bei Pizza Carlo. Seit sie ihren Job in der Dienststelle verloren hatte, versuchte sie mit wechselnden Jobs ihr Geld zu verdienen. Momentan war sie Pizzabotin bei Pizza Carlo, kein allzu hoher Verdienst, aber das Trinkgeld ließ sich sehen. Sie ging den Flur entlang und begab sich in ein kleines Zimmer, was laut ihrem Vermieter als Vorratsraum genutzt werden sollte. Sie aber beherbergte darin vier Computer, die Tommy vor einigen Monaten in ihre Wohnung geschleppt hatte. Mara war darüber nicht glücklich gewesen, denn immer wieder kamen ihr die Gedanken, irgendwann flog das alles hier auf und dann wäre sie die Erste, die ins Gefängnis kommen würde. Aber Tommy hat ihr jedes Mal versichert, dass die Computerprogramme so dermaßen geschützt waren, dass niemand zurückverfolgen konnte, was sie hier tat. Sie hatte Zugriffe auf die Polizeicomputer ihrer ehemaligen Kollegen, auf Überwachungssysteme, auf Bankgeschäfte und konnten sich ganz wunderbar in die Datenbanken der Firmen der Stadt hacken. So mancher Bürger der Stadt würde weit unruhiger schlafen, wenn er wüsste, dass Mara regen Einblick in ihre Bankgeschäfte, Schmiergeldaffären, Korruptionen und Firmenskandale hatte. Diese nutzte sie aber nur im Dienste der Feuerblume, das gehörte zu ihrer Vereinbarung, an welchen sie sich strickt hielt. Mara konnte ganz wunderbar in alle Computersysteme der Stadt vordringen und somit ausreichend Beweise sammeln oder Überwachungssysteme ausschalten. Und da kommen wir an den springenden Punkt. Der Safe der Firma Interforce Consulting befand sich im achtundfünfzigsten Stock. Leider war Mara keine Superwoman, die an Hauswänden hochklettern konnte oder durch Fensterscheiben flog.

Sie hatte Tommy noch nie in ihre Pläne eingeweiht. Ihr war es wichtig, falls sie einmal erwischt wurde, dann konnten sie keinen weiteren Komplizen von ihr ausfindig machen, die die Feuerblume in Gefahr bringen könnte. Wer sich hinter der Feuerblume verbarg, dass wussten weder Tommy noch sie. Sie hatten noch nie direkten Kontakt zur Feuerblume gehabt. Natürlich überkam sie oft der Gedanke zu recherchieren, wer oder was genau die Feuerblume war. Aber dann kam es ihr wie Verrat gegenüber ihren Auftraggeber vor. Und sie musste zugeben, seit es die Feuerblume in ihrem Leben gab, hatte ihr Leben eine bedeutende Wendung gehabt.

Mara schaltete sich auf das Überwachungssystem von Interforce Consulting. Es war nicht schwer die Überwachungskameras im Bereich des Treppenhauses komplett auszuschalten. Einzig und allein sah Mara die Schwierigkeit die Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock hochzulaufen. Denn allzu viel Zeit blieb ihr vom Ausschalten der Überwachungskameras bis zum Entdecken dieses Fehlers durch Interforce Consulting nicht. Sie war eine schnelle Läuferin, aber sie hatte bemerkt, dass ihr die Grippe ganz schön zugesetzt hatte. Somit musste sie vorher noch einmal trainieren, damit sie die Zeit checken konnte, die sie momentan für diese Treppenstufen brauchte. Mara beobachtete seit zwei Stunden das Treppenhaus von Interforce Consulting und zum Glück stellte sie fest, dass weit weniger Leute es nutzten, als sie geglaubt hatte. Sie brauchte dennoch einen Plan B, falls sie überrascht wurde oder ihre momentane Laufleistung sie hinderte, die Treppen in ihrer Bestzeit zu bewältigen.

Morgen Früh wird sie zu den Industrieruinen von Sebastian Moor fahren. Er und Marco Sanders waren die Gründer dieses Industriegebietes mit über hundert Firmen der Stadt gewesen. Geblieben war ein riesiges Industriegebiet, was nach und nach zerfiel. Sebastian Moor hatte einen fatalen Fehler gemacht, er hatte den falschen Leuten vertraut. Er war ein Spieler gewesen, der zig tausend Menschen die Arbeit gekostet hatte. Für Mara waren die Industrieruinen ein willkommenes Trainingszentrum. Nichts war herausfordernder als Treppen von Hochhäusern, riesige Lagerhallen und leerstehende Bürokomplexe. Sie war niemals allein dort und das brachte ihr den Adrenalinkick, um Situationen wie Interforce Consulting ohne Fehler meistern zu können.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

Ja, so ist das, wenn man eine Grippe hat, dann kann schon gar nichts anderes schieflaufen, dachte sich Mara Sommer. In ihrem Kopf gab es keinen Platz mehr für klare Gedanken. Die Nase lief, der Hals tat fürchterlich weh, ihr Kopf schien fast zu platzen. Neben ihrem Bett lagen bereits drei Päckchen zerknüllte und vollgeschniefte Taschentücher. Sie hatte ihre Augen geschlossen, wusste aber nicht, ob sich das tatsächlich besser anfühlte. Hin und wieder versuchte sie aufzustehen, um sich einen Tee zu kochen, der die Schmerzen in ihrem Hals lindern sollte. Aber sie brauchte nicht allzu lange, um festzustellen, wie schwer es ihr fiel, sich aufrecht auf den Beinen zu halten. Es hatte sie voll erwischt. Er lag wohl in der Luft, dieser Grippevirus, denn er hatte bereits die halbe Stadt lahm gelegt. Kein Wunder bei dieser abscheulichen Kälte da draußen. Mara hatte heute Morgen aus dem Küchenfenster geschaut, glücklicherweise blieb ihr heute eines erspart, sie musste ihr Auto nicht von dieser dicken Eisschicht befreien.

Immer wieder fielen ihr die Augen zu, dann schreckte sie wieder aus einem ihrer Träume auf und bemerkte, wie durchgeschwitzt sie war. Waren es ihre Träume oder die Grippe, die sie ins Schwitzen brachte, sie tippte auf Letzteres, denn so konnte sie das mit ihren Träumen ganz gut verdrängen. Das Klingeln an der Wohnungstür riss sie aus ihrem Schlaf. Mara blickte um sich und brauchte einen kurzen Moment, um einen einigermaßen klaren Gedanken zu fassen, wo sie sich gerade befand. Es klingelte erneut, diesmal behielt der- oder diejenige Person seinen Finger auf dem Klingelknopf.

„Was für ein Idiot ist das denn?“, laut fluchend taumelte sie zur Wohnungstür, „Geht’s noch!“, schrie Mara, als sie ihre Tür aufriss.

Ihr Gegenüber sah sie mit erschrockenen Blick an, „Du siehst verdammt beschissen aus!“, ohne abzuwarten schob er sich an Mara vorbei und betrat ihre Wohnung.

„Das brauchst du mir nicht sagen Tommy!“, sie blickte ihm böse hinterher, „Ich bin krank, was willst du?“.

Er drehte sich zu ihr um, „Kaum zu übersehen!“ und grinste sie frech an, „Du solltest schleunigst wieder gesund werden!“.

„Das versuche ich, sofern du mich schlafen lässt!“, sie mochte Tommy, aber im Moment war sie sehr weit davon entfernt.

„Ich bin gleich wieder verschwunden. Ich soll dir das hier geben. Es ist wichtig Mara!“

Momentan gab es für sie nichts Wichtigeres als ihr Bett, dachte sie, aber als sie den Brief in Tommys Händen mit dem Siegel sah, da wusste sie, warum Tommy bei ihr hereingeplatzt war. „Nun geh schon, ich stecke dich nur an. Sage ihm, sobald ich wieder gesund bin, stehe ich ihm wieder ganz und gar zur Verfügung!“

Tommy grinste breit, „Wusste gar nicht, dass ihr so engen Kontakt habt?“.

„Blödmann und jetzt verpiss dich endlich!“, sie schob Tommy zur Wohnungstür heraus und knallte ihm direkt vor der Nase die Tür zu. So hatte er zumindest keinerlei Möglichkeiten auf weitere dumme Anspielungen, denn auf die konnte Mara heute ganz gut verzichten.

Sie hatte sich wieder in ihr Bett gelegt und hielt den Brief in ihren Händen. Das Siegel war unzerbrochen, also hatte sie diesmal tatsächlich die Chance, dass sie die Erste war, die diese Nachricht las. Ihre Finger strichen über das Siegel. Es war das Symbol der Feuerblume zu erkennen. Sie wusste, dass sie schnell wieder gesund werden musste. Sie brach das Siegel und öffnete den Brief. Diese Botschaft war verschlüsselt, aber nur, weil viel zu oft der rechtmäßige Empfänger die Nachricht nicht erhalten hatte. Sie überflog die Zeilen, dann erst begann sie die Worte genauer zu lesen. Worte, die auf den ersten Blick keinen Sinn ergaben, aber wenn man die Buchstaben anders anordnete oder einfach wegließ, dann waren sie für Mara ganz leicht zu lesen.

Morgen Abend Treffpunkt im Kilianscafe bei der Eiswiese

Für Mara jedoch standen dort folgende Worte:

Mord an Kilian. Beweise im Safe.

Mara musste wieder gesund werden. Es war der zweite Mord innerhalb von sechs Wochen. Erschwerend kam hinzu, dass sie ihre Anstellung bei der örtlichen Polizei verloren hatte. Einsparungen im Innendienst, so hatte es ihr Dienststellenleiter genannt. Den Schreibkram konnten schließlich auch die Kollegen für sie erledigen. Sie war vielleicht nur eine Schreibkraft in den Augen der Kollegen gewesen, aber sie hatte stets direkten Zugriff zu den Akten gehabt. Nun musste sie ohne diese Akten Gerechtigkeit walten lassen. Mara wusste was zu tun war, sie ging in die Küche und warf den Brief in den Holzofen. Das Feuer verschlang sogleich die Worte und ließ das Siegel schmelzen. Es war an der Zeit, dass Mara diese Grippe bekämpfte. Sie fiel wieder in ihr Bett, denn Schlaf war das Einzige, was sie wieder gesund machte.

Eine Woche hatte Mara gebraucht um sich von ihrer Grippe zu erholen. Doch nun stand ein weit wichtigerer Plan an, sie musste die Beweise für Alexander Kilians Mord aus dem Safe von Interforce Consulting holen und der Polizei übergeben. Die Nachricht von der Feuerblume hatte sie die gesamte Woche nicht mehr losgelassen. Während ihren Wachphasen hatte sie bereits einen Plan entwickelt, wie sie an die Beweisakte kommen könnte. Aber sie musste zugeben, dieser war in einem so desolaten Zustand ihrer Sinne zustande gekommen, also konnte sie nicht davon ausgehen, dass dieser Plan tatsächlich funktionieren würde.

Mit einer Tasse Kaffee in der Hand checkte sie noch einmal ihren Dienstplan bei Pizza Carlo. Seit sie ihren Job in der Dienststelle verloren hatte, versuchte sie mit wechselnden Jobs ihr Geld zu verdienen. Momentan war sie Pizzabotin bei Pizza Carlo, kein allzu hoher Verdienst, aber das Trinkgeld ließ sich sehen. Sie ging den Flur entlang und begab sich in ein kleines Zimmer, was laut ihrem Vermieter als Vorratsraum genutzt werden sollte. Sie aber beherbergte darin vier Computer, die Tommy vor einigen Monaten in ihre Wohnung geschleppt hatte. Mara war darüber nicht glücklich gewesen, denn immer wieder kamen ihr die Gedanken, irgendwann flog das alles hier auf und dann wäre sie die Erste, die ins Gefängnis kommen würde. Aber Tommy hat ihr jedes Mal versichert, dass die Computerprogramme so dermaßen geschützt waren, dass niemand zurückverfolgen konnte, was sie hier tat. Sie hatte Zugriffe auf die Polizeicomputer ihrer ehemaligen Kollegen, auf Überwachungssysteme, auf Bankgeschäfte und konnten sich ganz wunderbar in die Datenbanken der Firmen der Stadt hacken. So mancher Bürger der Stadt würde weit unruhiger schlafen, wenn er wüsste, dass Mara regen Einblick in ihre Bankgeschäfte, Schmiergeldaffären, Korruptionen und Firmenskandale hatte. Diese nutzte sie aber nur im Dienste der Feuerblume, das gehörte zu ihrer Vereinbarung, an welchen sie sich strickt hielt. Mara konnte ganz wunderbar in alle Computersysteme der Stadt vordringen und somit ausreichend Beweise sammeln oder Überwachungssysteme ausschalten. Und da kommen wir an den springenden Punkt. Der Safe der Firma Interforce Consulting befand sich im achtundfünfzigsten Stock. Leider war Mara keine Superwoman, die an Hauswänden hochklettern konnte oder durch Fensterscheiben flog.

Sie hatte Tommy noch nie in ihre Pläne eingeweiht. Ihr war es wichtig, falls sie einmal erwischt wurde, dann konnten sie keinen weiteren Komplizen von ihr ausfindig machen, die die Feuerblume in Gefahr bringen könnte. Wer sich hinter der Feuerblume verbarg, dass wussten weder Tommy noch sie. Sie hatten noch nie direkten Kontakt zur Feuerblume gehabt. Natürlich überkam sie oft der Gedanke zu recherchieren, wer oder was genau die Feuerblume war. Aber dann kam es ihr wie Verrat gegenüber ihren Auftraggeber vor. Und sie musste zugeben, seit es die Feuerblume in ihrem Leben gab, hatte ihr Leben eine bedeutende Wendung gehabt.

Mara schaltete sich auf das Überwachungssystem von Interforce Consulting. Es war nicht schwer die Überwachungskameras im Bereich des Treppenhauses komplett auszuschalten. Einzig und allein sah Mara die Schwierigkeit die Treppen bis zum achtundfünfzigsten Stock hochzulaufen. Denn allzu viel Zeit blieb ihr vom Ausschalten der Überwachungskameras bis zum Entdecken dieses Fehlers durch Interforce Consulting nicht. Sie war eine schnelle Läuferin, aber sie hatte bemerkt, dass ihr die Grippe ganz schön zugesetzt hatte. Somit musste sie vorher noch einmal trainieren, damit sie die Zeit checken konnte, die sie momentan für diese Treppenstufen brauchte. Mara beobachtete seit zwei Stunden das Treppenhaus von Interforce Consulting und zum Glück stellte sie fest, dass weit weniger Leute es nutzten, als sie geglaubt hatte. Sie brauchte dennoch einen Plan B, falls sie überrascht wurde oder ihre momentane Laufleistung sie hinderte, die Treppen in ihrer Bestzeit zu bewältigen.

Morgen Früh wird sie zu den Industrieruinen von Sebastian Moor fahren. Er und Marco Sanders waren die Gründer dieses Industriegebietes mit über hundert Firmen der Stadt gewesen. Geblieben war ein riesiges Industriegebiet, was nach und nach zerfiel. Sebastian Moor hatte einen fatalen Fehler gemacht, er hatte den falschen Leuten vertraut. Er war ein Spieler gewesen, der zig tausend Menschen die Arbeit gekostet hatte. Für Mara waren die Industrieruinen ein willkommenes Trainingszentrum. Nichts war herausfordernder als Treppen von Hochhäusern, riesige Lagerhallen und leerstehende Bürokomplexe. Sie war niemals allein dort und das brachte ihr den Adrenalinkick, um Situationen wie Interforce Consulting ohne Fehler meistern zu können.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com