Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 9

Dieser Morgen würde sich nicht so gut anfühlen, überlegte Mara, als sie ihre Augen öffnete. Sie hatte die Nacht kaum geschlafen. Nach ihrem gestrigen Streit mit der Feuerblume war sie irgendwann, irgendwie in ihrem Bett eingeschlafen. Die Tränen waren getrocknet, hinterließen aber noch immer dieses flaue Gefühl in ihrem Magen.

Sie wusste nicht, was genau mit Xynthia passiert war. Aber sie konnte niemanden fragen. Nachdem, was hier gestern Nacht passiert war, würden weder Tommy noch Ivonne mit ihr jemals wieder reden. Sie hatte ihr Handy letzte Nacht aus dem Fenster geschmissen. Der harte Aufprall und das laute Scheppern hatten ihr verraten, dass von dem Handy nicht mehr viel übrig geblieben war. Es war eine Kurzschlussreaktion, die sie womöglich schon bald bereuen würde. Aber so sollte es sein und es war nicht mehr gutzumachen!

Mara stand auf, duschte sich und wusste nicht, was sie tun sollte. Sie meidete schon seit Tagen die Industrieruinen. Ein Besuch bei ihrer Mutter wäre angebracht, denn die würde sich als erstes beschweren, wenn sie ihre Tochter nicht über ihr Handy erreichen konnte.

Es waren bereits einige Wochen vergangen, als sie das letzte Mal vor der Tür ihrer Mutter gestanden war. Sie bemerkte, dass die anfängliche Lust bereits verflogen war, als sie den Klingelknopf drückte. Jedoch war es zu spät, um wieder umzukehren. Mara wartete einen Moment, doch nichts tat sich. Es öffnete sich keine Tür. Ihre Mutter meldete sich auch nicht über die Sprechanlage.

„Hallo Frau Sommer, Ihre Mutter ist verreist! Haben Sie das nicht gewusst?“, die Untermieterin Frau Ilse Knörzer war aus der Hauseingangstür getreten. Sie hatte eine Einkaufstasche dabei und zog an einer Leine. Beinahe hätte sich die Tür geschlossen, wenn Mara nicht so impulsiv eingegriffen hätte und ihr Spitz Torben wäre gezweiteilt gewesen. Aber das schien dieser kleinen Mistkröte egal zu sein, denn sie kläffte bereits Mara an. „Torben willst du wohl still sein, dass ist nur Frau Sommer, die tut dir nichts!“.

Mara hätte am liebsten gesagt, doch, Hunde gehörten schon immer zu meiner Leibspeise, aber sie verkniff es sich lieber. Vielmehr bedankte sie sich bei Ilse Knörzer für die Auskunft und lief in Richtung Stadt. Sie kam dummerweise an den Industrieruinen vorbei. Es war nicht ihre Absicht gewesen dort hinzugehen. Aber wo sollte sie sonst hin. In der Stadt würde sie womöglich Ivonne oder Tommy oder Jessica Baier oder Marco Sanders treffen. Sie wollte niemanden sehen, sie wollte für sich ganz allein sein. Mara sah das große Lagerhaus vor sich, welches sie immer als erstes bei ihrer Joggingrunde durchlief. Sie ging darauf zu, nur dass sie es diesmal nicht durchlaufen würde, sondern, dass sie diesmal die Treppen hinaufstieg, die sie auf das Dach des Lagerhauses führten. Sie war keineswegs schwindelfrei, aber sie wusste, dass es sich hier oben weit besser anfühlte, als unten von all den Menschen erdrückt zu werden. Sie setzte sich auf das Dach, ließ sich nach hinten fallen und stützte sich auf ihren Ellenbogen ab. Sie hörte Schritte, auch hier war sie nicht allein. Sie drehte sich um und vermutete dass es Sebastian Moor war, aber der war es nicht. Sie kannte diese Person nicht. Sie hatte ihn noch nie zuvor gesehen. Er war groß, er wirkte stark, er war sonderbar, er machte ihr Angst.

Sie richtete sich wieder auf und blickte ihn an.

„Mädchen, wie du, haben hier oben nichts zu suchen!“, seine Stimme klang hart und kalt.

„Wenn ich noch ein Mädchen wäre, dann würde ich ganz sicher nicht hier oben sitzen, denn dann würde ich mich hier nicht mal her trauen. Was willst du von mir?“

Mara sah, wie er sich vor ihr aufrichtete. Etwas schien so sonderbar zu sein. Er wirkte so unmenschlich, so übernatürlich. Er war wie eine Illusion. Ihre Sinne schienen sie zu täuschen, das wurde ihr immer mehr und mehr bewusst. Sie hatte eindeutig zu viel Fantasie und langsam bekam sie genau davor Angst.

„Eine Illusion!“, sein Lachen klang verletzend, „So soll es wohl sein! Stehe auf Mädchen!“.

Er konnte ihre Gedanken lesen, wie beängstigend war das denn? Mara tat, was er ihr sagte. Sie wollte gerade wieder zu der Treppe und nach unten gehen, da hielt er ihre Hand fest. Er war keine Illusion. Er fühlte sich echt an. Sie drehte sich zu ihm um und sah ihn verwundert an.

„Hast du das Buch erhalten, welches ich dir geschickt habe?“, sein Griff war fest und Mara glaubte, er würde ihre Hand zerquetschen.

„Welches Buch, wovon redest du?“, sie wollte ihre Hand entziehen, doch sie hatte keinerlei Chance.

„Das Buch über die Feuerblume!“, er sah sie herausfordernd an.

„Wo soll denn dieses Buch sein?“, Mara wusste nichts von einem Buch.

„In deinem Briefkasten!“, er war entsetzt, wie leichtsinnig sie mit seinem Geschenk umging, „Wärest du nicht nur auf dich bedacht gewesen, dann hättest du es bestimmt gefunden. Merke dir, nicht die anderen Menschen können dich verletzen. Du selbst kannst dich am aller meisten verletzen. Schwelge weiterhin in deinem Selbstmitleid und verkrieche dich in deinen vier Wänden, dann wirst du nie das erfahren, was das Leben tatsächlich für dich bereit hält!“.

„Ich weiß, was das Leben für mich bereithält … Nichts! Und jetzt lass mich verdammt nochmal los du Idiot!“, Mara war viel zu wütend, um sich auf solche dummen Spielchen einzulassen.

Er lachte, „Idiot hat mich noch keiner genannt. Aber ich werde dir zeigen, was dieser Idiot hier alles kann.“, er hatte ihre Hand losgelassen und rannte einfach los. Er hatte das Ende des Dachs erreicht und Mara schrie laut auf, als er einfach sprang. Vierzig Meter lagen unter ihnen und der Typ war einfach gesprungen. War er denn des Wahnsinns. Mara lief an die Stelle, von welcher er in die Tiefe gesprungen war.

„Illusion!“, sie hörte seine Stimme hinter sich, „Das kannst du auch!“.

Sie war so dermaßen erschrocken, dass sie einen Schritt nach hinten, in die falsche Richtung machte und spürte, dass dieser eine Schritt zu viel war. Sie geriet ins Wanken, konnte sich nicht mehr halten und dann fiel sie. Vierzig Meter in die Tiefe und nichts mehr würde von ihr übrig bleiben. Sie schrie und spürte, wie die Fallgeschwindigkeit immer weiter zunahm. Es war vorbei, ihr Leben war hier und jetzt vorbei. Sie würde auf dem Betonboden aufprallen und nicht mehr als ein blutiger riesiger Fleck und ihr toter Körper würde übrig bleiben.

„Du bist zu schnell und der Idiot zu langsam!“, Mara hörte ihn lachen, „Mache die Augen auf, damit du siehst, was gleich mit dir passiert!“.

Sie wollte zu ihm sagen, er konnte sie mal! Vierzig Meter in die Tiefe zu fallen, war alles andere als ein Spiel.

„Komm schon, traue dich!“

Also gut, Mara öffnete ihre Augen und sah, dass sie nicht fiel. Seine Hand hatte sich um ihre gelegt, er hatte sie von der Dachkante gerettet.

„Alles nur Illusion. Du hast geglaubt, dass du fliegst. Du hast es gespürt, wie du fällst, wie dein Körper sich immer mehr dem Erdboden genähert hat. Aber es war die reine Illusion! Ihr Menschen seid viel zu schnell zu beeinflussen!“, er lachte und setzte sich auf das Dach, „Komm und setzte dich!“.

„Ich bin ein Mensch und was bist du?“, Mara setzte sich neben ihm.

„Ich bin ein Gefährte und stehe im Dienste der Feuerblume!“, er sah sie mit einem Lächeln an.

„Darf ich dich berühren?“, Mara betrachtete ihn. Er sah nicht anders aus als sie. Okay er war größer, vollkommen durchtrainiert und hatte diese irre Kleidung an. Mara glaubte zuerst er wäre ein Krieger mit seiner schwarzen Lederhose, den Lederstiefeln. Er trug ein etwas mitgenommenes, schwarzes Shirt unter seiner schwarzen Lederjacke. Mara konnte einige Tätowierungen an seinem Hals und seiner Brust sehen, wo sein Shirt eingerissen war. Symbole, die Mara noch nie zuvor gesehen hatte. Kreise, die sich vereinten. Buchstaben, die keine Buchstaben waren, aber Worte ergeben mussten. Zumindest nicht in ihre Sprache, aber sie hatte dieses Gefühl, dass es Worte waren. Er hatte kurze, schwarze Haare. Sein Gesicht war sonnengebräunt, so wie der Rest seiner Haut, den Mara zu sehen bekam. Schwarze Barstoppeln versteckten eine Narbe am Kinn. Seine Augenbrauen waren leicht geschwungen. Seine Nase war groß und gerade. Die Lippen waren voll. Seine Augenfarbe war das wohl außergewöhnlichste, was Mara jemals gesehen hatte. Es war nicht eine Farbe, es waren unzählige Farben.

„Und was hast du davon, wenn du mich berührst?“, er lachte.

„Ich will sehen, ob du echt bist, sehr witzig!“, Mara war sauer.

Er nahm ihre Hand und legte sie auf seine Brust, „Bin ich echt!“.

Er fühlte sich zumindest echt an. „Wann wurdest du geboren?“, Mara war trotz der Berührung noch immer am Zweifeln.

„Vor sechsunddreißig Jahren!“

„Du springst und springst doch nicht. Du gibst mir das Gefühl zu fallen, aber ich falle nicht!“, Mara überlegte laut.

„Alles eine Frage der Illusion!“ und er lächelte Mara an.

„Vielleicht bin ich nicht vor sechsunddreißig, sondern vor sechshundertdreißig Jahren geboren. Ich weiß es auch nie so genau. Ich fühle mich fantastisch!“ und wieder überzog sein Gesicht ein Lächeln und seine schneeweißen Zähne traten zum Vorschein.

Eine Illusion dachte Mara. Vielleicht gab es ihn nur in ihrer Vorstellungskraft. Vielleicht hatte sie bereits Wahnvorstellungen und würde sich genau so einen Typen vorstellen.

„Du überlegst zu viel, du verschwendest soviel Energie und viel zu viel Zeit!“

Mara blickte auf und war etwas irritiert, „Woher wusstest du, dass ich überlege?“.

„Du solltest dich dabei sehen. Frauen machen immer so ein komisches Gesicht, wenn sie angestrengt überlegen. Du schiebst dabei dein Zähne auf deine linke Unterlippe. Höchst interessant kann ich dir sagen!“, er stand auf, „Weißt du, dein Vorgänger hat mein Buch einfach weggeschmissen. Er war so wütend und ist mit unserem Geheimnis so achtlos umgegangen. Er hat uns verletzt, er hat uns mit Füßen getreten.“.

„Ich bin wohl daran Schuld!“, Mara sah in etwas verlegen an.

„Wie konnte es auch anders sein!“, er ging auf dem Dach hin und her, „Es sind immer die Frauen, die Männer zu solchen unüberlegten Handlungen bringen!“.

„Hallo, du verletzt mich gerade zutiefst!“, Mara war aufgestanden und ist hinter ihm hergelaufen.

„Oh das kleine Mädchen hat Gefühle!“, er stand ganz plötzlich direkt vor Mara und sein Zeigefinger bohrte sich oberhalb ihrer Brust in ihre Jacke.

„Du bist so ein Idiot!“, Mara sah ihn wütend an.

„Was ist eigentlich ein Idiot? Du hast mich vorhin schon so genannt!“, er sah sie neugierig an.

„Jetzt sage bloß nicht, du wüsstest es nicht. Ein Volltrottel, ein Mann der von nichts eine Ahnung hat und davon ziemlich viel. Ein Mann, der mich gerade so richtig nervt!“

„Perfekt!“ und er lachte laut auf, „So soll es sein. Sobald die Nerven einer Frau blank liegen, hören sie zu. Erst dann sind sie aufnahmefähig!“.

„Woher hast du denn diesen Mist schon wieder!“, für Mara war es zum Haareraufen.

„Alles meine Erfahrungen mit dem weiblichen Geschlecht!“, er ging um Mara herum, „Du bist mein neuer Boss wusstest du das?“.

„Ich bin kein Boss und schon gar nicht deiner!“, sie fühlte sich von ihm in die Enge getrieben, „Außerdem, wie kommst du darauf?“, sie sah ihn neugierig an.

„Heißt dieses Buch etwa ‚Fredo und das Geheimnis der Feuerblume‘? Nein, so heißt es nicht! Dein Name ist Mara, also stelle dich jetzt mal schön langsam darauf ein, dass du mein neuer Boss bist. Wir werden eine Menge Spaß haben!“, er stand schon wieder viel zu nah vor ihr und das innerhalb von Sekunden. Mara bekam langsam Angst vor ihm.

„Ich werde jetzt von diesem Dach gehen und dann kannst du dir einen neuen Boss suchen!“, sie lief zur Treppe.

„Warum springst du nicht mit mir? Wir zwei gemeinsam!“, er folgte ihr.

„Nein danke, mein Leben ist mir etwas zu wichtig, um geradewegs in den Tod zu springen!“

„Du vertraust mir also nicht!“, jetzt lief er direkt neben ihr her, „Du bist wie dein Vorgänger. Er hatte es nicht mal geschafft mich zu sehen. Geschweige denn mit dem Buch richtig umzugeben. Und du siehst mich und vertraust mir nicht. Menschen sind eigenartig und nicht zu verstehen!“.

Mara war stehen geblieben, „Du willst mir erzählen, er hat dich nie gesehen. Er hat sich als die Feuerblume ausgegeben und war nicht im Entferntesten so weit wie ich und konnte dich nicht einmal sehen?“.

Er tat gelangweilt, „Ja, es war so. Du bist seit langem mal wieder die Erste, die mich sieht. Hatte schon an mir gezweifelt, ob es an mir liegt, dass man mich nicht sehen will!“.

„Und du siehst immer so aus, wie ich dich jetzt vor mir sehe?“, Mara drehte sich zu ihm.

„Kommt darauf an, wie du mich siehst. Wie siehst du mich denn?“, er sah sie leicht grinsend an.

„Du bist so verdammt groß, hast eine fantastische Figur, bist durchtrainiert, braungebrannt. Trägst diese etwas mitgenommenen Lederklamotten. Ich sehe einige Tätowierungen auf deiner Haut. Du hast volle Lippe und am Kinn eine Narbe, die du unter einen Dreitagebart versteckst. Du hast eine große, aber dennoch gerade Nase. Deine Augenbrauen sind perfekt für einen Mann, leicht geschwungen und nicht so verwachsen. Deine Augenfarbe ist irre, ich kann sie nicht genau beschreiben. Von allem etwas würde ich sagen, also ganz unterschiedliche Farben!“, Mara war mit ihrer Beschreibung fertig und sah ihn herausfordernd an.

„Diesmal muss ich ja richtig gut aussehen!“, er war sichtlich froh über die Beschreibung von Mara, „Ich hatte schon weit schlimmere Beschreibungen. Ich war sogar schon ein Baum, für eine Frau, sie hat unter mir gesessen und den Rest erspare ich dir lieber. Ihr Hund hatte mich zu seinem Lieblingsbaum gewählt. Das war … ich sage mal dazu, eine ganz besondere Erfahrung!“.

„Warum hat dich mein Vorgänger nicht gesehen?“, Mara trat noch näher an ihn heran.

„Was tust du da?“, er zog seine Augenbrauen in die Höhe.

„Nichts, wovor du Angst haben könntest!“, Mara grinste, „Warum ich und nicht er?“.

„Weil du die Auserwählte bist!“

Mara ließ sich die Gedanken durch den Kopf gehen und freundete sich so langsam damit an. Obwohl sie rein gar nichts kapierte, aber das war ja bei diesen Typen so oder so egal. Alles nur eine Frage der Illusion, soviel hatte sie bereits verstanden.

„Springst du jetzt mit mir?“, er reichte ihr seine Hand.

Mara wollte schon sagen, ob er noch ganz bei Trost sei. Aber dann ruderte sie zurück und spürte diese Herausforderung in sich, wenn es wirklich stimmte und sie konnte ihm zu hundert Prozent vertrauen, dann würde sie dort unten auf der Erde stehen und sie wäre vollkommen unversehrt. „Ich springe!“.

„Hey coole Sache!“, er war sichtlich erfreut und zog sie bereits zum Rand des Lagerhauses.

Mara blickte unter sich. Vierzig Meter Tiefe lagen unter ihr. Alles wirkte so verdammt klein. Sie hatte Schiss, richtigen Schiss, aber sie wusste, so, wie es jetzt war, so konnte ihr Leben keineswegs weitergehen. Sie blickte ihn an. Er hatte sie beobachtet.

„Bist du bereit?“, fragte er sie.

Sie nickte ihm zu.

„Stelle dir vor, du kommst dort unten stehend auf. Wir zwei stehen nebeneinander. Alles eine Frage der Illusion. Du und ich würden niemals fallen, wir stehen!“

Mara nickte erneut und dann ließ sie sich zusammen mit ihm fallen. Sie schrie und fiel.

Alles eine Frage der Illusion!

Dieses Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

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