Mara und das Geheimnis der Feuerblume

Episode 8

Mara war erst in den frühen Morgenstunden nach Hause gekommen. Immer wieder kreisten ihre Gedanken zu den letzten Stunden, welche sie mit Marco Sanders verbracht hatte. Sie fühlte diese tiefe innere Zufriedenheit, endlich war sie mit sich im Reinen. Jahrelang hatte sie diesen Konflikt ausgetragen, eine Versagerin zu sein, schlechter als alle anderen zu sein. Eigentlich war es Jessica Baier, die genau diese Worte für sie übrig gehabt hatte. Aber irgendwann, oh ja, irgendwann zweifelte sie an sich und redete sich genau das ein, was andere über sie gesagt hatten und dann fühlte sie es ganz tief in sich drin. Sie war Mara Sommer, die Versagerin. Und dann kamen diese Alpträumen, jede Nacht zogen sie Mara in die Tiefe der Einsamkeit und Angst. Wenn sie schrie kam nachts niemand an ihr Bett und schenkte ihr tröstende Worte. Ihre Mutter verbrachte ihre Nächte bei ihren Liebhabern. Mara war alleine mit ihren drei Jahre jüngeren Bruder, der viel zu fest schlief, um etwas von ihren Panikattacken mitzubekommen. Es war eine schlimme Zeit für Mara gewesen, sie wusste, sie hätte Hilfe gebraucht. Die Scheidung ihrer Eltern, die ständigen verbalen Angriffe in der Schule waren für ein elfjähriges Mädchen nicht leicht zu verkraften. Sie gab sich die Schuld an der Scheidung ihrer Eltern, sie gab sich die Schuld für Jessica Baiers Worte und irgendwann ließ sie keine anderen Gedanken mehr zu, weil sie tatsächlich glaubte, dass sie eine Versagerin war. Sie bestand nur noch aus den Worten fremder Menschen, von denen sie gehasst wurde. Eigentlich kannte sie den wahren Grund nicht, weshalb man sie hasste. Aber Jessica Baier hatte diesen enormen Einfluss alle davon zu überzeugen, dass Mara eine Versagerin war und am Ende glaubte es Jeder. Ihr gesamtes Umfeld betrachtete Mara genau so, wie es mit Worten manipuliert worden war. Das war der Knackpunkt, die Menschen verloren ihre eigene Meinung, ihre eigenen Worte und am Ende verloren sie ihre eigene Sichtweise, weil sie merkten, dass es einfacher war, mit den Worten eines anderen zu reden!

Mara wusste, dass dies nicht die letzte Begegnung mit Marco Sanders gewesen war. Sie wusste aber auch, dass es ihr nur um ihren lang ersehnten Racheakt gegenüber Jessica Baier ging. Sie hatte nie gedacht, dass sie Sex mit einem Mann haben konnte, ohne jegliche Gefühle für ihn zu empfinden. Natürlich war Marco Sanders ein äußerst attraktiver Mann und somit ist ihr diese Begegnung weit leichter gefallen. Aber sie war kalt, sie war rational, sie war vollkommen emotionslos. So kannte sie sich definitiv nicht!

„Wo bist du gewesen?“, Ivonne war aus ihrem Auto gestiegen, als Mara auf ihr Haus zulief. Sie hatte das Auto von Tommy nicht bemerkt, welches am Straßenrand parkte. Mara erschrak, denn sie war so in ihren Gedanken vertieft gewesen, dass sie gar nicht damit gerechnet hatte, dass Ivonne hier plötzlich auftauchen würde. Ivonne sah vollkommen verheult aus. Neben ihr im Auto saß Tommy. Er schrieb gerade eine Nachricht auf seinem Handy.

„Was macht ihr hier?“, fragte Mara erstaunt.

„Wir haben uns Sorgen um dich gemacht!“, Ivonne sah Mara eindringlich an, „Du weißt es noch nicht?“.

„Was soll ich nicht wissen?“, Mara verstand die Frage nicht.

Tommy stieg aus dem Wagen, „Ich habe ihm gerade geschrieben. Er ist so froh, dass Mara nichts passiert ist!“.

„Wer ist froh? Und was ist hier eigentlich los?“, Mara hatte keine Ahnung von was Tommy da sprach.

Ivonne kam auf sie zu und umarmte sie ganz fest, „Es ist etwas ganz Schlimmes passiert und wir dachten, du hättest auch dieses schreckliche Zeug genommen und …“, Ivonne brachte kein Wort mehr über ihre Lippen, sondern begann ganz bitterlich zu weinen.

„Es geht um Xynthia!“, Tommy sprach sehr leise. Er sah Mara so eigenartig an und ihr wurde ganz flau im Magen.

„Sie … Xynthia  ist tot!“, Ivonnes Worte klangen wie ein Hilfeschrei und sie schluchzte laut auf. Sie hatte sich an Mara geklammert, als wäre sie ihr Rettungsanker. Doch Mara riss diese Nachricht genauso in die Tiefe. Die Worte drangen zu ihr vor, jedoch schienen sie so unwirklich zu sein. Mara hatte Xynthia noch vor einigen Stunden gesehen. Sie war in ihrer Wohnung gewesen, sie waren gemeinsam zu der Party gegangen und jetzt soll sie tot sein! Mara war vollkommen geschockt, ihr wurde schlecht, sie spürte, wie der Boden unter ihren Füßen ins Wanken geriet und dann war es vollkommen schwarz um sie herum.

Maras Kopf fühlte sich an, als wäre sie gegen die Wand gelaufen, er dröhnte und schmerzte zugleich. Sie stöhnte leicht auf, als sie ihre Augen öffnete. Es war dunkel, sie lag in ihrem Bett. Sie wusste nicht, wie sie in ihr Bett gekommen war. Hilfesuchend blickte sie sich um. Sie betätigte den Schalter ihrer Nachttischlampe, jedoch funktionierte diese mal wieder nicht. Mara richtete sich leicht auf, erst da bemerkte sie die Person, welche gegenüber von ihr auf einem Stuhl saß. Mara sah die Umrisse einer Person, ihre Augen mussten sich erst an die Dunkelheit gewöhnen. Sie schloss noch einmal ihre Augen und öffnete sie erneut.

„Tommy bist du das?“, ihre Stimme klang fürchterlich, es ähnelte eher einem Krächzen.

„Nein, Ivonne und Tommy sind vor zwei Stunden nach Hause gefahren. Ich habe gesagt, dass ich heute Nacht bei dir bleibe!“, er war aufgestanden und setzte sich zu Mara auf’s Bett. Es war die Feuerblume. Deshalb ging ihr Licht nicht.

Mara ließ sich zurück in ihr Kissen fallen, „Wie bin ich in mein Bett gekommen?“.

„Du bist umgekippt, Tommy hat dich gerade so aufgefangen. Ivonne und er haben dich anschließend ins Bett gebracht.“

Erst jetzt fiel Mara wieder ein, was passiert war, was Ivonne zu ihr gesagt hatte und sie spürte diesen Druck, welcher sich auf ihr Brustkorb legte, „Das mit Xynthia, das ist wahr? Ich meine, das stimmt, was Ivonne und Tommy gesagt haben?“, Mara suchte nach Worten, denn sie konnte das Wort – tot – nicht in den Mund nehmen, das alles erschien ihr so irreal. Besonders, weil sie gestern Abend noch mit Xynthia zusammen gewesen war.

„Ja es ist wahr!“, die Feuerblume setzte sich ganz nah zu Mara. Er legte seine Arme um sie und zog sie an sich. Mara weinte, ihre Tränen durchtränkten sein Shirt. Seine Hand streichelte ihr zur Beruhigung immer wieder über den Rücken. Sie konnte nichts anders, sie ließ die Tränen einfach laufen, all die Angst, ihre Panikattacken, ihre emotionales Zusammenbrüche und nun der Tod von Xynthia brachen aus ihr heraus. Es hatte sie vollkommen überrollt, sie konnte nicht mehr zurück, sie musste ihm die Wahrheit sagen.

Mara schob sich ein wenig von ihm weg, „Ich bin an Xynthias Tod Schuld!“.

„Du?“, sie hörte die entsetzte Tonlage in seiner Stimme.

„Ich habe mich nicht um sie gekümmert. Ich hätte nach ihr sehen sollen. Ich war so verdammt egoistisch und nun wirst du mich hassen für das, was ich getan habe!“, Maras Stimme schrie fast.

„Ich werde dich niemals hassen!“, er versuchte sie zu beruhigen und zog sie wieder in seine Arme, er wollte sie beschützen, er wollte, dass sie spürte, dass er für sie da war.

„Ich war bei Marco Sanders!“, sie sprach die Worte schnell, viel zu schnell, denn sie wollte es endlich loswerden. Sie spürte, wie er sich versteifte, wie seine Handbewegung plötzlich innehielt, wie er sich nicht mehr regte. Sie wartete darauf, dass er sie von sich stieß.

„Was hast du bei ihm gemacht?“, er fragte vorsichtig nach.

„Oh Gott, wie kann ich dir das erzählen, ohne dich zu verletzen. Ich … ich liebe dich und ich möchte dich nicht verlieren und …“

Er nahm sie erneut in seine Arme, „Pssssst mein Engel, ganz ruhig. Ich liebe dich doch auch, mehr als du dir vorstellen kannst. Du wirst mich niemals verlieren, das schwöre ich dir!“.

„Das sagst du so einfach!“, erneut wurde Mara von einer Heulattacke erfasst, sie schluckte schwer, „Ich hatte Sex mit Marco Sanders!“ und dann wie aus heiterem Himmel wurde ihr bei den Worten kotzschlecht und sie schob sich von ihm weg und rannte im Dunkeln ins Badezimmer. Sie spürte, wie sie zu würgen anfing, instinktiv riss sie den Klodeckel nach oben und sie hatte sich gerade nach vorn gebeugt, als sie ins Klobecken erbrach. Mara hatte das Gefühl, als wollte alles aus ihr heraus, der Würgereiz nahm kein Ende. Irgendwann richtete sie sich auf und ging leicht benommen zum Waschbecken, sie spülte sich immer wieder ihren Mund aus. Als sie ihren Mund abgetrocknete, erkannte sie ihn, wie er am Türrahmen lehnte und sie wohl die ganze Zeit schweigend beobachtet hatte. Sie ging auf ihn zu, „Du bist enttäuscht, nicht wahr?“, Mara stellte sich ihm gegenüber, „Lass es mich wenigstens erklären!“

„Was gibt es da zu erklären Mara, du hattest Sex mit Marco Sanders!“, seine Stimme klang so enttäuscht.

„Es ist nicht so, wie du denkst. Ich liebe dich, nur dich!“, Mara flehte ihn an, sie zu verstehen. Sie ging auf ihn zu, jedoch trat er einen Schritt zurück.

„Mara, ich rufe Ivonne an. Es ist besser, wenn sie heute Nacht kommt. Ich glaube nicht, dass ich jemals wieder zu dir kommen werde.“, er holte sein Handy aus der Tasche.

Mara schrie laut auf, „Unterstehe dich Ivonne anzurufen. Ich will sie nicht hier haben, hast du mich verstanden. Und wenn du mich nicht verstehen willst, oh Gott …“, sie brach erneut in Tränen aus, „Dann lass es einfach. Ich will mich nicht mehr erklären müssen, bei niemanden mehr. Geh!“, schrie sie, „Geh einfach und lass mich in Ruhe.“, sie sackte im Flur zusammen und biss sich auf ihre Hand, um nicht noch lauter schreien zu müssen. Sie hörte, wie die Tür ins Schloss knallte und sie wusste, sie hatte ihn für immer verloren.

Das Bild ist von meinem Tumblr: janetooth.tumblr.com

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